Kapitel 19

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  Roberts Privatjet landet laut auf dem kleinen Landeplatz der Insel. Ich will nicht einsteigen,aber mir bleibt wohl kaum etwas anderes übrig, denn alle anderen fliegen auch mit.
Wir gönnen Jule und Robert einen trauten Moment Zweisamkeit, bei dem ich mich abwenden muss, um nicht an Henry und mich zu denken.
Diese Zeiten sind vorbei und wenn ich erstmal zu Hause bin, bleibe ich auch da. Ich werde mir Arbeit suchen und ein neues Leben anfangen.Niemand wird dumme Fragen stellen und ich werde vergessen können. Das habe ich meinen Eltern versprochen, als ich sie vor wenigen Tagen angerufen hatte. Sie freuen sich, dass ich wieder komme und wir zusammen Weihnachten feiern werden. Bringen wir es also hinter uns. Christin und Paolo steigen bereits ins Flugzeug ein. Ich setze mich langsam in Bewegung. Mit diesem Flugzeug verbinde ich den Beginn meiner Beziehung zu Henry, deren Ende damals noch nicht vorhersehbar war.
„Komm, Tori", ruft Katha ungeduldig.
Auch für sie ist es schwer, denn Jake ist in England und wird sie wahrscheinlich auch nicht besuchen kommen, wenn Henry ihm keine Erlaubnis gibt. Zuerst aber muss ich Robert noch Hallo sagen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen und ich kann seine Freude, Jule wieder in den Armen zu halten, spüren. Gemeinsam steigen wir ein und der Pilot startet die Maschine. Ich sitze neben Katha und starre aus dem Fenster. Die Insel wird kleiner, bis ich nur noch das endlose Meer unter uns sehen kann. Wir werden ungefähr zehn Stunden unterwegs sein.
„Ich vermisse ihn", murmelt Katha neben mir sehnsüchtig.
„Wen? Den Alkohol oder Jake?", rutscht es mir raus, aber sie nimmt es mir nicht übel.
„Jake. Er fehlt mir mehr, als ich dachte."Ich zucke mit den Schultern.
„Dann sage ihm das, vielleicht wartet er dann am Flughafen auf dich."
„Wir sind aber mal wieder nett heute", beschwert sich Katha über meine Laune.
„Sorry", sage ich schnell. Ich wollte sie nicht verärgern.
„Wir wissen alle, was du durchgemacht hast. Doch bitte lass deine schlechte Laune nicht an uns aus", weist sie mich zurecht.Ich nicke. Manchmal bin ich eben unbeherrscht. Aber ich kann auch nicht alles in mich hineinfressen.
„Ich habe ihm gesagt, ich würde ihn hassen", erzähle ich leise. „Die Wahrheit ist, dass ich ihn nie hassen werde."

„Tori, du befindest dich gerade in der ersten Stufe der Krisenbewältigung. Glaube mir, wenn sich das gesetzt hat, wirst du ihn bestimmt hassen. So jemand wie Henry hat dich nicht verdient, denn sonst hätte er nicht Schluss gemacht. Er ist ein Feigling, wenn er dir nicht mal den wahren Trennungsgrund nennen kann", meint sie fachmännisch. Ich habe die Therapeutin erweckt.
Wo sie Recht hat, hat sie sicherlich Recht. Nur will ich davon nichts hören. Ich zweifele an mir selbst, ob es richtig war, einfach zu gehen, ohne zu kämpfen. Vielleicht hätte ich Henry nochmal zur Rede stellen sollen. Allerdings glaube ich kaum, dass er ehrlich zu mir gewesen wäre, denn dafür ist er ein zu guter Schauspieler – genau, wie der Rest seiner Familie. Habe ich eigentlich je den richtigen Henry kennengelernt?

„Zerbrich dir nicht den Kopf", fährt Katha unbeirrt fort. „ Wir alle erleben solche Situationen mehrmals im Leben, und was uns nicht umbringt, macht uns stärker."Danke Katha, für deine tiefgründigen Ratschläge, denke ich zynisch.
„Erzähl das mal denjenigen, die sich trotzdem umbringen", sage ich pessimistisch.
„Das mache ich", antwortet sie ernst. „Ich habe mir nämlich überlegt, als Therapeutin zuarbeiten."

Gott steh uns bei, wenn es so weit ist! 

Katha
Wieso hab ich das Gefühl, dass Tori meinen neuen Berufswunsch nicht ernst nimmt?Ich habe schon vielen Menschen, besonders ihr, mit meinen Ratschlägen helfen können. Und vielleicht lerne ich dabei auch mal, mir selbst zu helfen. Sobald ich meinen Abschluss habe,eröffne ich eine eigene Praxis und zwar in England. Bei Jake. Wenn er mich dann noch will.
Noch ist das alles Träumerei, aber Träume können wahr werden. Wenn ich mir da Mark Zuckerberg oder Steve Jobs ansehe, glaube ich sogar fest daran.
Tori ist inzwischen eingeschlafen und ich bin auch müde, aber ich will nicht schlafen. Wir sind schon seit drei Stunden im Flugzeug und ich sehe immer noch nichts anderes als Wasser.Das ist langweilig. Und da ich mein Handy nicht benutzen kann, habe ich nichts zum Beschäftigen. Deshalb sehe ich mich gezwungen, die anderen mit meiner Anwesenheit zu beehren
 Christin und Paolo sitzen auf den anderen Seite und sehen sich einfach nur an, als sehen sie sich zum ersten Mal. Inzwischen müsste Paolo jedes von Christins Pickeln kennen.Räuspernd mache ich sie auf mich aufmerksam.
„Ja, Katha?", fragt Christin.
„Wisst ihr schon, was es wird?", frage ich drauf los.
„Nein, denn wir wollen uns überraschen lassen", antwortet sie. „Uns ist das Geschlecht egal,Hauptsache, es ist gesund."
„Schöne Einstellung. Ich würde es vor Neugier kaum aushalten. Aber zur Geburt fliegt ihr doch wieder auf die Insel, oder? Dort habt ihr ja schon alles eingerichtet."
„Wir werden sehen", meint Paolo. „So genau wissen wir ja nicht, wann das Kind kommt. Wir wollten keinen konkreten Geburtstermin errechnen lassen. Es kommt, wenn es kommt. Ganz einfach."Ich kann mir kaum vorstellen, dass Christin diese Idee so toll fand. Aber vielleicht macht man das in seiner italienischen Heimat so.
„Ein Überraschungsei sozusagen", sage ich grinsend.
„Und bevor du fragst: nein, wir haben noch keinen Namen ausgesucht", sagt Christin, um mir zuvor zu kommen.
„Gebt ihm doch auch so einen tollen Namen, wie La Bello", schlage ich vor. Der kleine Hund ist wirklich niedlich, auch wenn ich nicht viel von ihm hatte. Jetzt ist er im Frachtraum und wird regelmäßig versorgt. Leider gestattete Robert nicht, das Tier mir bei uns sitzen zu lassen.
„Nein, ganz bestimm nicht", sagt Christin ernst. „ Es soll einen vernünftigen Namen bekommen."
„Wie wäre es mit Hans-Herbert oder Elfriede?", schlage ich vor.Paolo grinst.
„Auf jeden Fall selten und klangvoll."Christin sieht ihn warnend an.
„Denk nicht mal daran."Ich kichere. Paolo hat bei der Namenswahl sicherlich keine Chance. Christin kann sehr autoritär sein, wenn sie will.Ich lehne mich zurück und lasse die beiden in Ruhe. 

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