Eine kalte Hand streichelt mir sanft über mein Gesicht. Ich schlage meine Augen auf und sehe vor mir Constantin. Er lächelt mich an.
„Na Kleine, hast du gut schlafen können?"
Ich antworte ihm nicht, stattdessen starre ich an die kalte weiße Wand gegenüber von mir.
„Ich war vorhin, als du geschlafen hast, kurz weg und habe alle deine Sachen in meine Wohnung gebracht. Ein paar Sachen habe ich zusammengepackt für diese Woche. Ich habe dir auch deine beiden Kuscheltiere mitgebracht."
Er streckt mir meine beiden Kuscheltiere entgegen. Es sind zwei Mäuse. Sie haben große Ohren und sind schwarz außer im Gesicht, da sind sie hautfarbig. Sie tragen weiße Handschuhe. Die weibliche Maus hat ein rotes Kleid mit weißen Punkten an und eine dazugehörige Schleife auf dem Kopf. Die männliche Maus trägt eine rote Hose mit zwei weißen Knöpfen darauf und gelbe Schuhe. Ich zerre sie ihm aus den Händen und reiße sie an mich. Die beiden Mäuse begleiten mich schon seit meiner Geburt und er soll sie nicht anfassen mit seinen kalten, rauen und großen Männerhänden.
Ich nehme die Beiden fest in meinen Arm und starre auf die Bettdecke. Weiß mit blauen Punkten, unendlich vielen Punkten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er mich lächelnd beobachtet. Ich merke, wie die Wut in mir hochsteigt. Er soll aufhören mich anzugucken! Wütend versuche ich mich auf die Seite zu drehen, allerdings kann ich mich kaum bewegen und bei jeder kleinsten Bewegung habe ich höllische Schmerzen. Plötzlich legt sich seine große kalte Hand um meinen Bauch und zieht mich zurück.
„Lass das lieber bleiben, der Arzt hat gesagt, dass du dich nicht so viel bewegen sollst." Wieder lächelt er mich an.
Ich versuche seine Hand von meinem Bauch zu nehmen und mit viel Kraftaufwand schaffe ich es letztendlich auch. Constantin scheint es allerdings wenig zu interessieren, dass ich mich in seiner Nähe unwohl fühle. Er nimmt meine Hand und streichelt mit seinem Daumen über meinen Handrücken.
„Hey Kleine, es tut mir so unglaublich leid, dass mit dem Unfall und mit deinem Vater." Er guckt mich traurig an.
Ich erwidere seinen Blick nur kurz, dann wende ich meinen Blick ab und schaue wieder herunter auf meine Bettdecke. Meine Hand, die Constantin immer noch festhält, versuche ich weg zu ziehen aber er lässt sie nicht los und hält sie stattdessen noch stärker fest.
Ich lehne mich nach hinten an das große Kopfkissen und drehe meinen Kopf zur Seite. Mein Blick gleitet herüber zum Fenster und dort bleibt er auch bis mir die Augen zufallen.
„Guten Morgen" sagt eine freundliche Stimme zu mir.
Ich versuche meine Augen zu öffnen, muss aber wegen den Sonnenstrahlen, die das Krankenzimmer hell beleuchten, blinzeln.
Vor mir stehen die Krankenschwester und der Arzt.
„Guten Morgen" sagt nun auch der Arzt zu mir.
„Ich muss dich kurz untersuchen und gucken, wie deine Wunden verheilen!"
Ich gucke zur Seite, wo Constantin auf einer ausklappbaren Liege sitzt und mich anschaut. Der Arzt bemerkt meinen Blick.
„Soll Herr Behrendt das Zimmer solange verlassen?"
Ich nicke stumm.
Constantin erhebt sich von der Liege und verlässt das Zimmer.
Der Arzt untersucht mich fünfzehn Minuten lang. Er guckt sich an, ob alles gut verheilt und stellt mir mehrere Fragen. Schließlich versorgt mich die Krankenschwester. Sie macht vorsichtig die Verbände ab und wäscht mich, dann wickelt sie neue Verbände um meinen Bauch, meinen Rücken, meinen Beinen und meinen Armen. Schließlich legt mir die Krankenschwester ein Stütz-Korsett an, damit mein Rücken gerade bleibt und alles in Ruhe verheilen kann. Zum Schluss wechselt sie das Bettlaken aus, legt zusätzliche Decken unter und neben mich, sowie mehrere Kissen, schüttelt die Bettdecke neu auf und legt sie über mich. Sie geht zur Tür und öffnet sie.
„Herr Behrendt, Sie können wieder reinkommen."
Er betritt das Zimmer und guckt mich mit prüfendem Blick an, dann wendet er sich an den Arzt.
„Ist alles in Ordnung? Verheilt alles gut?"
„Ja, aber sie sollte sich in den nächsten Tagen nicht viel bewegen und sie sollte sich nicht selbstständig aufsetzen. Am besten ist, wenn sie sich gegen die Kissen lehnt und sich nicht großartig bewegt." Mit diesem Satz beendet der Arzt das Gespräch und verlässt das Zimmer, die Krankenschwester tut es ihm gleich.
Die nächsten Tage schlafe ich sehr viel. Ab und zu kommt die Krankenschwester um mich zu versorgen. Jede Mahlzeit lehne ich ab und auch trinken tue ich nicht, weshalb sie mir eine Infusion legen. Mit der Krankenschwester rede ich nur, wenn Constantin aus dem Zimmer geht oder ich flüstere ihr ins Ohr. Constantin ignoriere ich komplett, ich rede nicht mit ihm und ich schaue ihn auch nicht an. Ich tue so, als ob er gar nicht da wäre, worunter er ziemlich leidet. Er fordert mich immer wieder auf, ihn anzugucken oder mit ihm zu reden aber ich reagiere nicht auf ihn.
Am Samstag kommen seine Kollegen uns besuchen. Die Krankenschwester lässt sie herein, nachdem sie mit meiner Versorgung fertig ist.
„Hey Julie, hey Constantin, wie geht es euch?" fragen uns seine Kollegen
„Na ja, nicht wirklich gut um ehrlich zu sein" sagt Constantin und senkt dabei seinen Kopf nach unten.
„Warum haben sie dir eine Infusion gelegt, Julie?" fragt mich nun der freundliche Kollege mit den naturroten Haaren.
„Tja, was soll ich sagen... Sie lehnt es komplett ab, etwas zu essen und zu trinken!" Constantin schaut mich zornig an.
„Ich habe Julie gefragt, nicht dich!" antwortet er etwas genervt zurück.
„Ich weiß, Björn aber sie spricht nicht mehr, jedenfalls nicht mehr mit mir und nicht vor mir oder sie flüstert den anderen Personen ins Ohr, wenn ich mit dabei bin." Constantin versucht meinen Blick einzufangen aber ich weiche geschickt aus, indem ich seine Kollegen anschaue.
„Ach so, ich verstehe... Mensch, Julie! Das ist lebensgefährlich, was du da machst!" Björn scheint jetzt ebenfalls etwas sauer zu sein.
Ich zucke gleichgültig mit den Schultern.
Nun scheint es Constantin endgültig zu reichen. Er baut sich vor meinem Bett auf.
„Verdammt!" Er schlägt gegen die Wand neben mir.
„Was soll das? Ich weiß, dass ich echt Mist gebaut habe und dir viel schuldig bin aber hasst du mich so sehr? Warum bestrafst du mich so sehr? Ich will, dass du aufhörst dir selber Schaden zuzufügen. Man verdammt, ich liebe dich! Du bist mein Ein und Alles!"
„Wie meinst du das mit „Ich liebe dich"?" Nun schaltet sich sein Chef dazwischen.
„Ich meine damit, dass sie mein Ein und Alles ist und das ich sie in mein Herz geschlossen habe von der ersten Minute an, wo ich sie damals gesehen habe." Constantin ist außer sich vor Wut, er ballt seine Hände zu Fäusten, sein Unterkiefer ist angespannt und sein Blick ist mörderisch.
„Du meinst, dass du in ein minderjähriges Mädchen verliebt bist! Du bist doch echt das Allerletzte. Du bist..." Mitten im Satz unterbricht Constantin seinen Chef.
„Nein, verdammt noch mal! Ich liebe sie nicht als Mädchen, ich liebe sie nicht, wie ich eine Frau oder meine Freundin lieben würde, ich liebe sie als meine Tochter! Als meine Prinzessin! Als mein Ein und Alles eben!"
Mir wird auf einmal alles zu viel. Ich will nur noch hier raus, raus aus der Situation. Raus aus der angespannten Situation. Björn, der mich anscheinend aufmerksam beobachtet hat, kommt jetzt zu mir ans Bett und nimmt mich in den Arm.
„Alles wird gut, Kleine! Mach dir keinen Kopf aber versprich mir, dass du wieder trinkst und etwas isst. Du bist viel zu dünn geworden!"
Tränen kullern aus meinen Augen, erst versuche ich es zu unterdrücken, doch dann bricht es immer stärker durch und ich weine, erst ein bisschen, dann immer stärker.
Constantin verschwindet im Badezimmer und schließt sich ein. Sekunden später hört man ein leises Schluchzen von ihm.
Björn hält mich noch sehr lange im Arm und ich weine und weine und kann gar nicht mehr aufhören.
Irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung ein.
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Mein neues Leben mit einem fremden Mann - #Wattbooks2017 #WPOlymphics
Teen FictionJulie ist fünfzehn Jahre alt und lebt bei ihrem wohlhabenden Vater, der allerdings keinerlei Gefühle für sie übrig hat. Eines Tages beauftragt er eine Firma um sein Grundstück erneuern zu lassen. Julie fällt auf, dass sie von einem Bauarbeiter ständ...