Kapitel 2
>> Emma, wach auf! <<. Layla weckte mich mit einem Fingerschnippsen vor meinen erstarrten Augen. Womöglich hatte ich gerade sowas wie einen Schock gehabt, denn meine beste Freundin stand nun vor mir und musterte mich eindringlich. >> Geht es dir gut? <<. Ich bedachte sie mit einem leeren Blick und spürte, wie mich ein eiskalter Schauer überlief. Ich musste heftig zittern und ein paar mal blinzeln, bis ich in die Realität zurückkehrte. Was war passiert? Ich hielt einen Moment inne, um meine Gedanken zu ordnen.
Also, ich weiß noch, dass Layla und ich gemeinsam auf den Pausenhof wollten, da es, wie üblich zu dieser Uhrzeit, zur zweiten Pause gegongt hatte. Wir schlenderten gemeinsam zur großen Eiche an der Schulmauer, bei der wir, wie gewöhnlich, den Rest unserer Clique treffen wollten. Jedoch kamen wir nicht leicht an den ganzen Schülern vorbei, die sie sich dort versammelt hatten. Warum sie sich dort versammelt hatten, wurde uns erst klar, nachdem wir uns durch die Masse gequetscht haben und schließlich vor dem riesigen Baum standen.
Dies war der Moment in dem mich dieses Schockgefühl ergriff. Vor mir hing Kevin, ein Junge aus meiner neuen Klasse und der für mich liebste Junge auf der Schule. Eher erhängt, würde ich sagen, denn sein Körper war völlig leblos und blass, nur sein Gesicht war rot angelaufen. Aber das Schlimmste war, er atmete nicht mehr! Ich glaube, nachdem ich das gesehen hatte, fiel ich in Ohnmacht, denn nun sitze ich mit Layla in der Schulbibliothek.
Oh, nein! Layla! Wie lange starre ich sie schon so an? Sie dachte wahrscheinlich ich bin übergeschnappt, was ich wahrscheinlich auch bin.
>> Also, was sagst du? << Sie schüttelte mich heftig und beobachtete mich mit einem besorgten Blick.
Ich kniff die Augen zusammen. >> Was? <<
>> Jetzt tu nicht so, du machst mir voll Angst! <<
Ich richtete mich auf und hob die Augenbrauen, immernoch den Blick zu ihr gewandt. >> Wovon
redest du, und was ist passiert? <<
>> Schätzchen, du bist in Ohnmacht gefallen und ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht! <<
Sie umarmte mich und ich erwiederte die Umarmung.
>> Ich wusste es, das bin mal wieder typisch ich! << Einen Seufzer konnte ich nicht unterdrücken.
Einen Moment herrschte Stille, doch dann kam ich wieder zu mir. >> Wo ist Kevin jetzt? <<
>> Im Krankenhaus. Der Krankenwagen hat ihn vor etwa zwanzig Minuten abgeholt. <<
Ich sah mich um und fragte dann die Frage, die mich die ganze Zeit belastete. >> Ist er tot? <<
An dieser Stelle hätte ich erwartet, dass Layla mir den Arm um die Schultern legt, mich tröstet und mir dann die bittere Wahrheit ins Gesicht sagt. Stattdessen verdrehte sie die Augen und fing an zu lachen. >> Natürlich nicht! Emma du bist verrückt. <<
Ich hob erneut die Augenbrauen und kniff die Augen zusammen.
Ein wenig einfühlsamer entgegnete sie: >> Er wird bestimmt schon wieder auf die Beine kommen, da bin ich mir hundertpro sicher! <<
Ein Grinsen konnte ich mir gerade nicht verkneifen. Ja, das war Layla, so, wie ich sie kenne! Zuerst muss sie immer irgendeinen blöden Spruch ablassen und wenn sie merkt, dass sie etwas falsches gesagt hat, rettet sie sich mit einfühlsamen oder schmeichelnden Worten, es kommt aufdie Situation an. Natürlich weiß sie genau, wie sie mich rumkriegt! Zwar war ich neu auf der Realschule, kannte Layla jedoch schon seit dem Kindergarten. In der Grundschule trennten sich unsere Wege, da sie in die Realschule und ich ins Gymnasium musste. Der Grund, warum ich jetzt hier bin? Bin in der achten Klasse durchgefallen und wollte das Schuljahr nicht nachholen. Nachdem ich es Layla erzählt hatte, schlug sie mir natürlich sofort vor auf ihre Schule zu gehen und nun sitze hier - mit meiner langjährigen, besten Freundin in der Schulbibliothek. Doch es machte mich nicht glücklich, - eher das Gegenteil war der Fall!
Layla bemerkte wieder, dass ich sie sehr lange anstarre ohne etwas zu sagen und zwickte mich in den Arm.
>> Aua! << Ich rieb mir die schmerzende Stelle und bedachte sie mit einem finsteren Blick. >> Mach das nie wieder! <<
>> Dann hör du mal mit dieser Tagträumerei auf! Es ist gruslig. << Nun schaute sie mich ebenfalls finster an.
Ich seufzte. >> Okay, also, bevor das hier noch mit Streiten endet und die ganze Bibliothek fragt, warum wir nich gefälligst leise sein können, gehe ich besser. << Ich wollte aufstehen und in Richtung Ausgang gehen, doch meine Freundin hielt mich auf. >> Hey, war nicht böse gemeint! Keiner meiner Kommentare ist böse gemeint das ist ja nur eine Art Meinungsäußerung, weißt du ja! <<
Mein Blick glitt von der Tür zum Boden und ich entgegnete: >> Du bist nich das Problem. Er ist das Problem. << Als ich erneut an den übel-zugerichteten Kevin dachte, wurde mir übel und mein Magen verkrampfte sich. Ging es ihm wirklich gut? Hatte Layla Recht? Ich wusste, wohin ich hingehen musste, um das herauszufinden. Erneut machte ich einen Schritt zur Ausgangstür. >> Ich gehe ihn besuchen. <<
>> Was? Du? << Layla stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Abrupt packte sie mich am Arm. >> Emma, werd jetzt nicht verrückt, hörst du, er ist es nicht wert und ihr kennt euch nicht einmal richtig! Es ist pure Zeitverschwendung! << Ihre Worte, sie waren so schmerzhaft, wie Dolchstiche. Wie konnte ihr sein Leben bloß so egal sein? Warum ist er wirklich jedem aus der Schule so egal und wird wie Müll behandelt? Eine Wut packte mich und sie war so gewaltig, dass ich mich zusammenreißen musste, um meiner Freundin nicht auf der Stelle die Wahrheit ins Gesicht zu schreien. Er hat es auch verdient so zu leben, wie wir! Er hat auch Freunde verdient! Er hat es auch verdient respektiert und ernstgenommen zu werden!
Ich schwieg lange. Als keine von uns Beiden mehr etwas sagte, riss ich mich aus Laylas Griff los und ging - ohne mich noch einmal nach ihr umzudrehen.
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Im Reich der Toten
FantasyCopyright. All rights reserved. Der 14-jährige Kevin Keller wird an seiner Schule schwer gemobbt und hat schlimme Depressionen, die ihn dazu veranlassen waghalsige Dinge zu tun, jedoch nicht nur aus Spaß, um sich aus seinem grausamen Alltag zu befre...