Kapitel 4 - > Ich will noch nicht gehen! <

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Kapitel 4

Ian....

Dieser Name kreiste mir lange im Kopf herum. Es war ein gewöhnlicher Name, eigentlich nichts Besonderes...doch warum versetzte er mich wieder in meine Nachdenk-und-Träumerei-Phase.

Oh, nein! Das hieß mal wieder, dass ich wortlos durch die Gegend starrte und das genau in seine Richtung! Ich konnte wirklich von Glück reden, dass er mir keinerlei Beachtung schenkte. Er war ganz auf Kevin fixiert.

Als ich wieder zu mir kam, hörte ihn etwas murmeln. Diese Worte waren ganz bestimmt nicht mir gewidmet, denn er sagte sowas wie: > Du wirst schon wieder < , > Alles wird gut <, > Ich liebe dich < Bei seinen Worten regte sich mein Unterbewusstsein. Irgendwie hätte ich mir gewünscht, dass er das zu mir sagen würde. Es war nämlich nicht nur die Bedeutung der Wörter, die zählte, sondern auch die Art, wie er sie aussprach.

Vermutlich bemerkte er, dass ich auch noch da war und ihn beobachtete. Er dachte bestimmt ich wäre ein ruhiger Mensch, eher schüchtern und zurückhaltend. Ja, das bin ich tatsächlich ein wenig, wenn ich beginne zu träumen und mich meiner eigenen, kleinen Welt - meiner Phantasie-Welt, hingebe.

Tja, nun, beobachte er mich. Wollte ich das denn nicht die ganze Zeit? Seine Aufmerksamkeit? Warum erschien mir das dann eher unangenehm? Hastig wandte ich den Blick ab. Verdammt! Erst jetzt wird mir klar, dass ich schon einige Stunden in diesem Zimmer verbracht habe, denn draußen wurde es immer dunkler und ich konnte die beiden Jungen nicht mehr genau erkennen.

Ich konnte immernoch spüren, wie Ians Blick auf mir lastete. Ohne ihn weiter zu beachten richtete ich mich auf und marschierte in Richtung Tür.

>> Wo willst du hin? <<

Ich zuckte vor Schreck zusammen. Eine Reaktion von him, hätte ich jetzt überhaupt nicht erwartet. Was dann? Genau, ich wollte mich ohne ein weiteres Wort aus dem Staub machen sowie bei Layla neuerdings! Nein, das war nicht richtig. Ich seufzte und drehte mich zu ihm um, sodass ich ihm direkt in die bernsteinfarbenen Augen sehen konnte.

>> Es ist schon spät, ähm, ich hatte schon lange vor zu gehen...und...ich will euch nicht stören, also wenn du jetzt doch lieber mit ihm alleine sein willst, ist das für mich okay. <<

Er sah mich an und musterte mich von Kopf bis Fuß. Ich hatte das Gefühl, dass er mich in diesem Augenblick zum ersten Mal richtig gesehen hatte. >> Du störst nicht <<, konterte er und lächelte mich an. Ein Lächeln? Ernsthaft? Womit hatte ich das nur verdient? Ich lächelte verlegen zurück und sagte mir innerlich: >> Mädchen, reiß dich zusammen! Was ist bloß in dich gefahren!? << Ja, ich war in diesem Moment so etwas wie 'peinlich berührt' und wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich schwieg lange und er beobachtete mich, weil er nun eine Antwort erwartete, was mich noch viel nervöser machte!

Plötzlich klopfte es an die Tür und wir schauten beide auf. Es war nur eine Krankenschwester, jedoch war sie gerade sowas wie eine Rettung für mich. Erleichtert stieß ich die Luft aus, die ich vor ein paar Sekunden noch angehalten hatte.

>> So, ich bin nur zur Kontrolle hier, um zu überprüfen, wie es dem Patienten hier geht. << Sie schaute zu Kevin rüber und fragte: >> Ist er denn schon aufgewacht? << Sie schaute zu Ian und bemerkte mich nicht, obwohl ich genau neben ihr stand! Na ja, wie auch immer, Ian schaute mich kurz mit einem fragenden Blick an und ich schüttelte den Kopf.

>> Nein << , erwiderte er, >> er ist nicht aufgewacht. <<

>> Und Sie sind..? <<

>> Sein Bruder. <<

Die Krankenschwester schaute von Ian zu Kevin, von Kevin zu Ian, hin und her. >> Ah ja, das ist sehr deutlich zu erkennen..<< Sie ließ ihren Blick durch das gesamte Krankenzimmer schweifen und entdeckte schließlich - mich. Ich stand neben ihr und kaute auf meiner Unterlippe herum. Irgendwie, macht sie einem richtig Angst. Sie war nicht jung, nicht alt, war sehr dick, fast übergewichtig (wenn sie 's wäre, würde es mich nicht wundern), hatte rot-orangene Haare, die zu einem Dutt zusammengebunden waren und ihr Blick - diese grauen, fast durchsichtigen Augen, sie schienen mich beinahe zu erstechen, als sie mich ansah. Ich erschauerte und wich einen Schritt vor ihr zurück. Sie hob die Augenbrauen. >> Und, Sie sind...? <<

Einen kurzen Moment lang hielt ich inne und musste heftig schlucken, dann sagte ich: >> Ich bin...n-nur eine Freundin..<< Man konnte die Angst in meiner Stimme hören. Ich sah zu Ian hinüber, der mir aufmunternd zunickte. Spürte er etwa auch die Angst, die mich umgab? War das so offensichtlich? Nun, hasste ich mich selbst dafür, dass ich so schlecht im Gefühle-verbergen bin, manchmal komme ich mir vor, wie ein offenes Buch, aus dem jeder meine Gedanken und Gefühle rauslesen kann.

Ich schöpfte Kraft aus Ians aufmunterndem Blick und konnte diesesmal der Krankenschwester direkt in die Augen sehen. >> Ich wollte... gerade... wieder gehen. <<. Endlich hatte ich wieder ein bisschen was von meinem Selbstbewusstsein zurückerlangt. Diese Erkenntnis machte mich wieder stolz und abrupt stoppte auch das Zittern. Die Schwester kam mir einen Schritt näher.

>> Madam, die Besucherzeit für Freunde ist schon lange vorbei! Ab sechs Uhr sind nur noch Familienmitglieder zugelassen, dürfte ich Sie also bitten zu gehen? << Sie zeigte mit ihrem Finger in Richtung Ausgang. Erneut blickte ich zu Ian, der den Mund zu einer dünnen Linie verzogen hatte und mit den Schultern zuckte. Genervt schaute ich zurück zur Krankenschwester. >> Ich geh ja schon! << Ian hob kurz die Hand, um mir zu winken, doch noch bevor ich es schaffte zurück zu winken, war ich schon wieder draußen auf dem Gang. Die Schwester begleitete mich zum Ausgang, um auch ja sichergehen zu können, dass ich draußen war.

Ein wenig betrübt ging ich nach Hause. Warum überhaupt? Was hatte ich denn erwartet? Dass er schläft und man nicht wirklich mit ihm reden kann...- damit hatte ich gerechnet. Warum dann? War es Ian? Bestimmt hasst er mich jetzt, weil ich ihn zuerst völlig falsch eingeschätzt habe und ihn wegen irgendwelchem Mist angemault habe und dann, als er ganz gewöhnliche Fragen gestellt hatte, habe ich nur geschwiegen und ihn wiedereinmal blöd angeglotzt. Wie man sieht finden nicht nur andere mein Verhalten ihnen gegenüber ärgerlich, auch ich selber finde mein Verhalten gegenüber anderer Leute sehr ärgerlich.

Zuhause angekommen begrüßte meine Mum mich mit einer Umarmung, ja, genau das hätte ich mir von Kevin gewünscht, aber so weit kommt es wohl nur in meinen Träumen. Ich ließ mich umarmen, erwiederte die Umarmung aber nicht.

>> Schätzchen, was ist denn los? Warum so traurig? << Meine Mum war wirklich sehr besorgt um mich. Ich erwähnte nichts, sondern bevorzugte es zu schweigen und senkte den Kopf, um ihr nicht in die Augen zu sehen.

>> Erzählst du mir jetzt vielleicht, was los ist? <<, hackte sie nach.

>> Nein <<, entgegnete ich kalt, hielt einen Moment lang inne und fügte dann hinzu: >> Später vielleicht.<<

>> Okay. << Es war mehr ein Flüsterton, den sie von sich gab.

Als sie mich los ließ, marschierte ich schnurstracks in mein Zimmer und schloss mich darin ein. Das war bei mir bereits zur Gewohnheit geworden, wenn ich traurig war. Danach legte ich mich ins Bett und begann erneut nachzudenken, so lange, bis ich einschlief.

Im Reich der TotenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt