Das grosse Segelohr und seine Tücken

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Luks PoV

Ich habe mal in einem Buch gelesen, dass, so wie der Morgen beginnt, dies deinen ganzen Tag ausmacht. Schläfst du zum Beispiel in einem Himmelbett und wirst von einem Butler geweckt, der dir frisches Blut an dein Bett bringt, so stehen die Chancen gut, dass der restliche Tag ähnlich ablaufen wird. Wirst du allerdings davon geweckt, dass jemand deinen Namen in schmerzhafter Lautstärke in dein rechtes Ohr brüllt, so kannst du sicher sein, dass dein Tag mit ziemlicher Sicherheit grauenhalft wird. Die Aussicht, am Abend auf einen Haufen Menschenkinder aufpassen zu müssen, trägt dabei nicht unbedingt zur Verbesserung bei. Ausser man ist ganz scharf auf Babysitterdienst, wobei man seine Schützlinge nicht beissen darf. Gabriels Gesichtsausdruck nach zu urteilen, mit dem er gleich neben meinem Sarg Position bezogen hat, um meinen Wecker zu spielen, geht es ihm genauso. Diesmal ist es dafür ausnahmsweise nicht Raffzahn, der uns aus unseren Särgen scheucht.

Es ist dunkel, als wir in die grosse Halle kommen. Und der starke Kontrast zum Vortag ist verblüffend. Die Wände werfen matt das Mondlicht zurück und ich bemerke, wie Gabriel angestrengt die Augen aufsperrt. Also hat er immer noch Mühe mit seinem Handycap wegen des Knoblauchs. Toll. Ich kann nur hoffen, dass alles glattläuft. Das breite Grinsen, das sich auf Raffzahns Gesicht ausbreitet, als wir in Sicht kommen, gefällt mir dabei ganz und gar nicht. Die anderen Vampire, die
an Schultischen sitzen, die mindestens schon so alt wie Raffzahn zu sein scheinen, brechen bei unserem Anblick in leises Gemurmel aus. Doch Raffzahn bringt schnell wieder Ruhe in die Klasse. "Gabriel. Luk. Wie kommt es, dass ihr uns mit eurer Anwesenheit beehrt?" Gabriel öffnet den Mund, um eine seiner legendären Entgegnungen zum Besten zu geben, doch ich ramme ihm unauffällig den Ellbogen in die Seite. Er klappt den Mund wieder zu. Raffzahn wirkt enttäuscht. "Wie, keine Antwort?" Auf eine weitere Minute des Schweigens brüllt er: "Setzen! Wir sehen uns nachher im Büro." Da sieht man mal wider wie himmelschreiend ungerecht das alles ist. Antwortet man, steckt man in der Klemme. Schweigt man ebenfalls. Dagegen kann sich Marlon alles erlauben und kriegt dennoch ein Lob. Das ist doch nicht fair. Seufzend lasse ich mich auf meinen harten Holzstuhl fallen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass er noch viel härter und unbequemer sein kann. Raffzahn hat den Unterricht wieder aufgenommen. Er dreht sich irgendwie um die verschiedenen Fledermausarten und wie man sie zu seinem Vorteil nutzen kann. Es ist langweilig und das gleiche Thema hatten wir meines Wissens nach schon vor 30 Jahren einmal durchgenommen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Raffzahn das grosse Segelohr mit in seine Kartei aufgenommen hat. Toller Vortschritt. Andererseits muss man sich auch fragen, wie man selbst den Unterricht gestalten würde, wenn man schon seit 1739 Lehrer einer Vampirklasse ist. Zum Glück verfliegt die Zeit wie im Fluge einer Fledermaus, was zum Einen dem Umstand zu verdanken ist, dass Gabriel und ich kein einziges Mal aufgerufen werden, dafür Marlon ganze 3mal.

Endlich schlägt die Uhr Mitternacht...

Gabriel PoV:

Ah endlich. Ich dachte schon das die Uhr nie schlagen würde. Raffzahns Laune ist jetzt schon im Keller, und wenn er uns in sein Büro zitiert wird seine Laune sicher nicht steigen. Seufzend stehe ich auf und will gehen, als ich am Kragen gepackt werde und wieder auf meinen Stuhl gedrückt. "Wohin des Weges?" Ein recht unscharfer Raffzahn drängt sich in mein Sichtfeld. "In dein Büro?" Frage ich eher als zu antworten. "Sehe ich etwa so aus als ob ich den Unterricht beendet habe?" Nächstefrage... Wir sind doch hier nicht in einer Quizshow. "Ja ähm... Das ist eine ausserordentlich gute Frage auf die ich leider nur bedingt Antwort geben kann. Wir hatten einen kleinen Knoblauchunfall weshalb ich immer noch alles unscharf sehe, also auch dich. Aber deiner Frage mach zu urteilen. Nein." Raffzahn richtet sich auf und läuft wieder nach vorne. "Hier mit beende ich den Unterricht. Gabriel! Luk! In mein Büro!" Ich stehe also nochmal auf und gehe richtung Türe. Luk holt mich schnell ein, und gemeinsam verschwinden wir im Kellergewölbe. Als wir zu Rafftzahns Büro kommen, ist die Türe schon sperrangelweit Offen. Schulterzuckend trete ich ein. Luk folgt mir. "So meine Herren" ertönt die eiskalte Stimme von Raffzahn hinter uns. "Ihr macht euren Job als Babysitter besser als ich erwartet habe" mit diesen Worten setzt er sich auf seinen Stuhl und deutet auf die beiden anderen Stühle, die für Luk und mich bestimmt sein werden. Zögerlich setzten wir uns. Man verstehe das wir beeunruhigt sind, denn Raffzahn hat uns eben gelobt... "Und nun zum eigentlichen Thema warum ihr hier seid" Luk schaut mich aus den Augenwinkeln an, wenn ich das richtig sehe. Das beudeutet wohl so viel wie 'wusst ichs doch das da n Haken ist'. "Ihr werdet trotz eurer Tagwache am Unterricht teilnehmen. Es ist von grosser bedeutung das ihr den Stoff auch lernt. Des weiteren" Luk unterbricht ihn, indem er aufspringt. "Das ist unfair! Und ausserdem kennen wir diesen Stoff schon. Von 30 Jahren hatten wir den schon. Und 30 Jahren vor den 30 Jahren auch schon." Raffzahn will Luk schon zur Schnecke machen, als sich die oberste Klappe von der Eisernenjungfrau geöffnet wird. "Könnte mir mal jemand beim Kreuzworträtsek helfen? Mir fehlt noch ein Wort mit vier Buchstaben und es steht für Stille." Himmel wie ich den Geist doch hasse. "Ruhe!" brüllt Raffzahn worauf der Geist nur nickt und etwas wie 'ja das passt' von sich gibt. Dann schliesst er noch selbstständig die Klappe wieder und es tritt wieder Ruhe ein. "Luk. Da du den Stoff ja schon so gut kennst; Wieviel beträgt sie Flügelspannweite des grossen Segelohrs?" Daraufhin wird Luk blasser als er ohnehin schon ist. "Ähm. D-die Flügelspannweite eines grossen Segelohrs..." Hilfesuchend schaut Luk mir. "Du weisst es also nicht. Hab ich mir schon gedacht als ich gesehen habe, wie gut ihr heute wieder einmal aufgepasst habt" Wie gemein. Das ist eine Fledermaus mehr als in den letzten 60 Jahren, wenn nicht noch länget. "Ach komm schon Raffzahn. Dieses ohrige Segelgross ist erst seit heute drinne. Dein Schulstoff ist ja schon praktisch antik. Seit 1739 immer das gleiche... Du hängst immer noch in der Vergangenheit. Wie wäre es wenn du mal" und schon werde ich von einer Ohrfeige unterbrochen. Mit dem kann man wirklich nicht verbünftig reden.

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