Kapitel 23 - Neues Leben im Rollstuhl

46 3 0
                                    

Die Tür schließt sich und nun hat auch der Letzte das Krankenzimmer verlassen. Ich liege allein in dem Krankenbett umgeben von kalten weißen Wänden und ich fühle mich beschissen. Verdammt, warum bin ich nicht einfach gestorben. Warum bin ich hier überhaupt noch?

Ich kann nicht mehr laufen, habe keinen Job mehr und die beiden Mädchen leben nun bei Yusuf.

Obwohl Yusuf mit den beiden Mädchen, Katrin und Junis, meine Arbeitskollegen mit meinem Chef, sowie die beiden Polizeibeamten bis vor kurzem in diesem Zimmer waren, kommt es mir so vor als wäre ich den ganzen Tag allein gewesen. Gut, dass ist auch kein Wunder... Schließlich hat kaum einer von ihnen mit mir gesprochen. Ich frage mich, warum sie überhaupt alle hier waren. Wahrscheinlich, um zu gucken, ob ich noch lebe oder ob ich endlich tot bin.

Bei dem Gedanken kommen mir wieder Tränen und noch während mir die ersten Tränen die Wange herunter rollen, schlafe ich ein.

Am nächsten Tag werde ich von einer überschwänglichen Krankenschwester geweckt. Nachdem sie mich mit Medikamenten versorgt und sich um alles andere gekümmert hat, stellt sie mir ein Tablett mit Frühstück auf meinen Nachttisch und verlässt das Zimmer.

Als ob ich Hunger hätte...

Ich liege hier im Krankenbett und starre die weiße Wand, gegenüber von mir, an.

Am Nachmittag klopft es an der Tür. Yusuf, sowie Björn, Julie und Lou betreten das Zimmer.

„Hallo Constantin, wie geht es dir heute?" Björn kommt auf mich zu, nimmt sich einen Stuhl von der Seite und setzt sich zu mir.

Ich zucke mit den Schultern.

„Wie soll es mir schon gehen? Ich kann nicht mehr laufen, habe meinen Job, sowie die Kinder verloren und die Frau, die ich liebe, will auch nichts mehr von mir wissen..."

„Du meinst die, die gestern mit ihrem Sohn hier war? Sie hat sich bei uns als Katrin oder so vorgestellt."

„Ja, genau sie meine ich."

„Denkst du wirklich, dass sie nichts mehr von dir wissen will?"

„Ja, Björn, dass denke ich. Wir hatten uns vor über drei Monaten gestritten. Sie ist abgehauen und gestern habe ich sie zum ersten Mal seit dem gesehen."

Lange herrscht ein stilles Schweigen im Raum.

Tag um Tag vergeht und die Vier kommen mich jeden Tag besuchen und bleiben vom Mittag bis zum späten Nachmittag bei mir.

Julie tut mir fast schon ein bisschen Leid, weil sie von Yusuf gezwungen mitzukommen und mich jetzt doch dauernd sieht, obwohl sie mich eigentlich nie wieder sehen wollte.

Trotzdem freue ich mich jedes Mal, wenn ich Julie und Lou sehen kann. Auch, wenn diese Freude einseitig verläuft.

Heute ist Freitag und sie sind wieder zu Besuch da.

„Weißt du denn schon, wie es für dich weitergeht, wenn sie dich Sonntag aus dem Krankenhaus entlassen."

Traurig schüttle ich meinen Kopf.

Es klopft an der Tür und eine Krankenschwester mit einem Rollstuhl kommt herein.

„Hallo Herr Behrendt, wenn Sie wollen können Sie heute ein wenig nach draußen gehen mit ihrem Besuch."

Sie stellt den Rollstuhl direkt vor meinem Bett ab und hilft mir dabei eine Jogginghose überzuziehen, dann hilft sie mir in den Rollstuhl.

Es ist ein seltsames Gefühl, denn am Liebsten würde ich einfach aufstehen und losgehen, doch es geht nicht. Ich kann meine Beine einfach nicht spüren. Es ist als hätte ich keine Beine.

Jetzt verstehe ich langsam, wie sich Julie damals gefühlt haben muss.

Eine Weile laufen wir schon draußen herum. Irgendwie fällt es mir sehr schwer, mich an den Rollstuhl zu gewöhnen und ich fange immer mehr an Julie zu bewundern. Sie hat sich damals so schnell daran gewöhnt. Natürlich ist mir bewusst, dass auch sie immer noch Probleme damit hat und es manchmal nicht akzeptieren will, dass sie nicht mehr laufen kann.

Mir wird jetzt erst klar, was ich wirklich angetan habe. Ich meine, es war nie meine Absicht sie zu überfahren und erst recht nicht, dass sie nie wieder laufen kann.

Es war ein Unfall und ich fühle mich bis heute schuldig aber ich konnte nie nachvollziehen, wie es für sie ist, doch jetzt kann ich es und meine Schuldgefühle sind so stark, wie noch nie.

Am Abend verlassen sie mich wieder und ich falle in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag sind sie erst am Nachmittag zu Besuch.

„Ich habe mir etwas überlegt, Constantin."

Verwirrt und zugleich etwas neugierig gucke ich Yusuf an.

„Wenn du willst kannst du erstmal bei mir im Haus wohnen. Du wirst sicherlich Hilfe brauchen und ich habe genug Platz in meinem Haus."

„Danke, dass ist wirklich nett von dir aber ich komme schon klar."

„Na gut, wie du meinst." Yusuf zuckt gleichgültig mit den Schultern.

Es ist Sonntag, der Tag meiner Entlassung und ich habe ehrlich gesagt etwas Angst.

Am frühen Vormittag kommen Yusuf und Björn, um mich abzuholen.

„Vielen Dank, dass ihr mich abholt!"

„Keine Ursache."

Die Beiden helfen mir ins Auto und verstauen den Rollstuhl im Kofferraum.

Wir fahren nun schon eine ganze Weile und ich frage mich langsam, wo die Beiden mit mir hinfahren...


Mein neues Leben mit einem fremden Mann - #Wattbooks2017 #WPOlymphicsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt