16. Kapitel - Kleiner Bruder

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„Warum ist seine Haut so grünlich?"

Chase stand an dem kleinen Fenster, das in das Zimmer seines Bruders zeigte. Derek hatte ihn in der Krankenstation untergebracht.

Phil und eine Ärztin standen bei ihm.

„Nun, wir nehmen an, dass es an den Medikamenten lag, die er jahrelang bekommen hat.", erklärte die Ärztin. „Wir haben aber auch festgestellt, dass es schon besser geworden ist. So langsam wird die Haut immer heller."

Chase nickte ihr nur zu.

Er konnte es nicht fassen. Da saß ein Mann in dem Zimmer, der ganz offensichtlich sein Bruder war und starrte nur aus einem Fenster. Er sah ihm so unglaublich ähnlich. Sein Haar war zwar dunkel, doch es lockte sich mittlerweile. Außerdem hatte Chase seine Augen gesehen. Sie waren genauso strahlend blau wie seine eigenen. Von seiner Mutter hatte Chase erfahren, dass sein Vater wohl auch genau diese Merkmale hatte.

Der Arm war geschient, aber das schien ihn nicht zu stören. Er zuckte eher zusammen, wenn er an die Stellen seines Körpers kam, die die typischen blauen Flecken aufwiesen.

Chase wusste, dass er geschlagen worden war.

„Sie sagten doch, dass er keine Schmerzen verspürt?"

Die Ärztin zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Ja. Das hatten wir auch angenommen. Victor hat uns von dem Angriff erzählt und gesagt, dass einige dieser Männer wirklich nichts verspürt haben. Aber bei deinem Bruder ist einiges anders. Innere Verletzungen, wie eben der Bruch, merkt er tatsächlich nicht. Werden ihm die Verletzungen allerdings an der Haut zugeführt, verspürt er sie zwar erst später und auch nicht so stark, wie wir es empfinden würden, aber er spürt sie. Ein kleiner Kratzer verwirrt ihn, weil er die Schmerzen nicht einschätzen kann. Ich habe beobachtet, wie er bei kleinen Schürfwunden gejammert hat, aber eine Platzwunde am Hinterkopf nicht einmal bemerkte."

Chase nickte nachdenklich.

„Und er ist nicht so...so dumm, wie die anderen?"

Wieder nickte die Ärztin.

„Du kannst nicht pauschal sagen, dass alle dumm sind. Du musst dir eher vorstellen, dass sie seit ihrer Geburt keine äußeren Reizen ausgesetzt waren. Sie kannten jahrelang nur das Zimmer, in dem sie gehalten worden waren. Niemand sprach mit ihnen. Er hat mir erzählt, dass sie sich mit Grunzlauten unterhalten haben. Aber er lernt schnell! Er erinnert sich wohl an Träume, in den ein Mann mit ihm gespielt und gesprochen hatte. Ich denke es war kein Traum, aber wir wissen es nicht. Sein Wortschatz hat sich allerdings schon sehr verbessert, aber er vertraut nur sehr schwer jemanden."

Wieder ein Nicken von Chase.

„Warum ist er allein in diesem Zimmer. Hat man ihn eingesperrt?"

Nun schüttelte Phil den Kopf.

„Es ist 12 eigener Wunsch allein zu sein. Ich denke, er befürchtet, dass andere vor ihm Angst haben könnten. Er fürchtet sich nicht vor Schlägen oder Beschimpfungen. 12 fürchtet sich vor den Blicken und dem ängstlichen Gehabe der Menschen um ihn herum. Gloria, Derek und die Ärzte dürfen zu ihm. Bei anderen versteckt er sich unter der Decke."

Die Ärztin sah wohl, dass sie nicht mehr gebraucht wurde und verließ die beiden.

Chase beobachtete seinen Bruder weiterhin.

Er bewegte sich kaum, sah nur sehnsuchtsvoll aus dem Fenster.

Phil legte Chase eine Hand auf den Arm.

„12 braucht Hilfe!"

Chase schnaubte.

„Nenn ihn nicht so. Ich will nicht, dass mein Bruder irgendeine Nummer ist!"

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