Von Engelsketten und dunklen Mächten

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Tränen rannen mir übers Gesicht, ein Stich durchfuhr mein schnell schlagendes Herz und ließ mich zu Boden sinken.

Was hatte ich ihnen getan?
Womit hatte ich verdient, dass sie mich so leiden ließen?
Was konnte ich dafür, dass ich anders war?
Warum taten sie mir das an?
Was war so schrecklich an mir, dass sie mir alles nehmen wollten, noch bevor ich es überhaupt bekommen hatte?
Sie ließen mich leiden, ohne eine Chance zu haben, den Schmerzen zu entgehen. Sie würden sie einfach zerstören, wegschmeißen, als wäre sie wertlos. Und das selbe würden sie mir antun, als ob es nicht schon genug Strafe war. Sie würden mich verbannen und es aussehen lassen, als wäre ich niemals Teil von ihnen gewesen.
Schluchzend lehnte ich mich gegen die Tür. Vielleicht töteten sie mich auch gleich mit. Ich hatte von Engeln gehört, die den Verlust ihrer Kette nicht überlebt hatten. Geschichten, die uns mahnen sollten, sie mit höchster Achtsamkeit zu behandeln. Ein Engel nahm seine Kette nicht ab, niemals, unter keinen Umständen. Ein Wimmern entfuhr mir. Ich hatte sie schon verloren, ohne auch nur einen Blick auf sie erhaschen zu können. Ärgerlich fuhr ich mir über die Augen und trocknete meine Finger an dem zerrissenen Stoff meines grünen Kleides.
"Lächerlich", schoss es mir durch den Kopf. Der armselige Versuch meiner Mutter, mich in etwas anderes zu stecken, als in mein geliebtes Schwarz. Ein raues Lachen entkam mir. Das selbe Schwarz, was mir jetzt zum Verhängnis wurde. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah an die Decke. Wie lange es wohl noch dauern würde? Ich konnte meine Eltern im Wohnraum diskutieren hören. Sie hatten fast eine Stunde auf mich eingeredet und versucht mich dazu zu bewegen, meine Räumlichkeiten zu verlassen, doch ohne Erfolg. Ich hatte sie einfach ausgeblendet. Bis vor wenigen Momenten waren sie dann am telefonieren gewesen, hatten versucht, etwas zu erreichen und das wusste ich zu schätzen. Doch das würde meine Flügel auch nicht weiß werden lassen. Und jeder wusste, was mit schwarzen Engeln geschah. Spätestens seit dem letzten Mal. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, vielleicht auch, weil ich es jetzt selber durchlebt hatte. Schon damals, mit meinen sieben Jahren, konnte ich die Nacht und Dunkelheit spüren, die geballte Macht, die über den Platz fuhr. Gestern war es noch schlimmer gewesen. Ich wusste, dass ich nicht nachgedacht hatte, als die Energie mich durchfuhr. Ich hatte sie erkannt, das schon, sie war mir so vertraut wie mein eigener Körper. Und doch hatte ich sie bereitwillig in mich aufgenommen, keinen Widerstand geleistet.
Ich wusste aber auch, dass es mir nicht möglich gewesen wäre, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt in der Lage gewesen wäre, klar zu denken. Es war meine innere Magie, sie gehörte zu mir wie keine zweite, unwiderruflich verbunden mit meiner Seele. Ich vermute, dass meine Eltern es gewusst oder zumindest in Erwägung gezogen hatten. Bei Gott, jeder hatte es geahnt. Und doch war ich heute, fast zehn Jahre nach dem Letzten, der das Schicksal, was ich erleiden würde, teilte, genauso blind mir gegenüber gewesen, wie damals. Bis zu dem Moment, als meine Kette geschaffen worden war und meine Flügel sich entfaltet hatten. Automatisch griff ich an meinen Hals und ließ die Hand augenblicklich wieder sinken, als ich erkannte, dass dort nichts hang und auch niemals hängen würde. Ich fühlte mich schutzlos und einfach ausgeliefert. Das letzte Mal war die Kette während der Zeremonie verbrannt worden. Ich wusste nicht, was sie jetzt mit ihr taten, aber es war pure Folter. Ein erneuter Stich ließ mich meinen Kopf auf den Knien vergraben und beten, dass es aufhören würde, doch ich machte mir nichts vor. Alle hassten meines gleichen. Mir würde es niemals vergönnt sein, meine Fähigkeiten zu erlernen und die mir bestimmte Tätigkeit auszuführen. In wenigen Stunden würden meine Mitschüler ihre fertigen Ketten erhalten und wohlbehalten in ihr weiteres Leben übergehen, im Gegensatz zu mir. Ich wusste nicht, ob der letzte Engel den Verlust seiner Kette überlebt hatte, aber das spielte im Grunde genommen auch keine große Rolle. Selbst wenn ich es überleben sollte, wo könnte ich hin? In meinem gesamten 16-jährigen Leben hatte ich die Himmelsstadt Aetiopia niemals verlassen, obgleich das Verlassen des Himmels nicht sonderlich schwer war- vorausgesetzt man war stark genug und besaß eine Kette, um auch wieder zurückkehren zu können. So stand es zumindest in unserem Lehrbuch. Ich seufzte und strich über das Pergament in meinem Schoß. Es war mein Abschlusszeugnis, nur Einser. "Was hat man denn auch sonst zu tun, außer zu lernen, wenn man keine Freunde hat?", dachte ich verbittert. Die ganze Arbeit, die nun auch ohne Bedeutung war.
Ein paar Male hatte ich mit dem Gedanken gespielt, es einfach in irgendeine Ecke zu befördern, doch ich brachte es nicht übers Herz, alles weg zu schmeißen. Mit einem leisen Seufzen fuhr ich über meine rabenschwarzen Schwingen. Wieso war diese Farbe so verhasst bei den Engeln? Schwerfällig richtete ich mich auf, spürte bei jeder Bewegung das Ziehen in meinen Gliedern und es kostete mich unglaublich viel Kraft, nicht gleich wieder zusammen zu brechen. Ich wankte durch den großen, von Fenstern durchzogenen Raum. Der Mond schien hell durch die Panoramafenster und der Anblick der nächtlichen Landschaft löste in mir einen Anflug von Ruhe und Sicherheit aus. Ich ließ mich auf dem großen Himmelbett, welches leicht verloren wirkte. Generell sah man meinem Zimmer nicht an, dass hier jemand drinnen lebte. Ich strich über die dunkle Seide und augenblicklich fuhr mein Blick zu dem Buch, über welchem ich am Vortag eingeschlafen war. Es behandelte ausschließlich die Flügelzeremonie und die Engelsketten und es lag aufgeschlagen auf der Tagesdecke. Stirnrunzelnd überflog ich die Seiten und konnte mich nicht daran erinnern, an dieser Stelle aufgehört zu haben. Doch das, was ich las, war umso interessanter, weshalb meine Gedanken sofort wieder abschweiften. Dort stand etwas, wovon ich noch nie gehört hatte. Ja, okay, ich hatte das Buch aus der verbotenen Bibliothek, da sollte mich so etwas nicht wundern, aber darauf wäre ich mein Leben lang nicht gekommen. Es hatte den selben Titel wie das Buch aus der Schule, welches bereits verliehen war, war bloß ein wenig dicker, wobei ich mir allerdings nichts gedacht hatte. Ich hatte es bloß unbedingt lesen wollen. Leise flüsterte ich die Kapitelüberschrift vor mich hin und riss im selben Moment die Augen auf: "Das Rufen der Engelskette". Hoffnung keimte in mir auf, während meine Augen über die Zeilen flogen. Mehrmals strich ich mir meine nun langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht, die mir gewellt über den Rücken fielen, und verinnerlichte den Text vor mir. Dann erhob ich mich und meine zitternden Hände verkrampften sich in meinem Kleid. Das war meine letzte Chance. Das Einzige, was den Verlust meiner Identität verhindern könnte. Und zu gleich war eine immense Kraft von Nöten. Ich versuchte, meine Atmung zu regulieren und meine Gedanken zu fokussieren. Mein Problem war zudem, dass ich nicht einmal wusste, wie meine Kette aussah. Doch ich hatte keine Zeit um in Panik zu verfallen und so mahnte ich mich, mich zu konzentrieren. Wenigstens konnte man nur seine eigene rufen- zumindest, wenn man dem Buch Glauben schenkte. Allmählich gelang es mir, meine Umgebung auszublenden. Ich suchte nach etwas tief in mir, der Quelle meiner Magie, ohne eine Ahnung zu besitzen, wie diese aussah. Versuchte, meinen Blick nach innen zu versetzen und mich auf die Gefühle zu konzentrieren, die mich bei der Zeremonie überkommen hatten. Und tatsächlich, nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte ich ihn. "Stolídi ángelos!", rief ich leise aus. Augenblicklich hatte ich das Bild einer Kette vor Augen, einer Engelskette, und instinktiv wusste ich, dass es die meine war. Meine Hände schossen zu meinem Hals und Tränen des Glücks rannen mein Gesicht hinunter, als sie das kühle Metall zu fassen bekamen.
Und in aller Stille wurde aus den grünen Fetzen ein prächtiges, nachtfarbenes Gewand.

Der Satz stammt von Emily_1808
Die Szene wurde geschrieben von Lyaneris

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⏰ Letzte Aktualisierung: May 10, 2017 ⏰

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