Kapitel 10.

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Als mich die Klingel am nächsten Morgen in allerhergottsfrühe aus dem unruhigen Schlaf reißt, würde ich mir am liebsten die Decke über den Kopf ziehen.

Klingeleling

"Alter, hetz nicht! Ich komm ja schon! ", murmel ich und tappe langsam zur Sprechanlage. "Wer is'n da? ", bringe ich gähnend hervor und es erklingt Patrick's Stimme:"Hey Sleepy. Darf ich reinkommen? Ich habe auch Frühstück dabei. " Ich muss lächeln und erwidere:"Bei der Bestechung muss ich ja wohl ja sagen. Komm hoch. " Ich drücke den Summer und keine dreißig Sekunden später klopft es an die Haustür. Ich öffne und er begrüßt mich niedergeschlagen. "Ist Luna immer noch nicht aufgetaucht? ", frage ich und er schüttelt traurig den Kopf. Mitfühlend streiche ich ihm über den Arm und er sagt:"Außerdem hab ich jetzt noch Streit mit Joelle." Etwas verwirrt runzel ich die Stirn und erzählt, dass sie ihn angebrüllt hat, als er endlich zu Hause war. Erst kommt er so spät und dann auch noch ohne Hund. Sie macht Patrick verantwortlich und er musste auf der Couch schlafen. "Du armer. ", bekunde ich mein Mitleid und mit einem schiefen grinsen sagt er:"Ja! Die Couch ist so unbequem! " Ich muss grinsen, doch das verfliegt als Patrick die Frage stellt:"Und? Wie geht es Paddy? "

Ich stehe auf und beginne Kaffee  und Tee zu kochen. Ich atme tief durch und sage dann:"Er lebt. Aber er hat jetzt ungefähr 300 Gramm weniger Gewicht. " Als von Patrick ein:"Hä? ", erklingt, sage ich niedergeschlagen:"Heute um drei hat die Tierklink angerufen und hat mir die Nachricht gegeben, dass das linke Hinterbein nicht gerettet werden konnte. Es War ein Splitterbruch, der auch die Sehnen zerrissen hat. Deswegen haben sie es amputiert und jetzt muss er noch mindestens eine Woche auf der Krankenstation bleiben. " Meine Hände beginnen zu zittern und wieder treten mir Tränen in die Augen. Da nimmt mich Patrick von hinten in den Arm und ich lehne mich dankbar an ihn. Dann fragt er leise:"Ist das überhaupt lebenswert für ihn? " Ich nicke. Da Paddy zwar groß aber sehr gut bemuskelt ist, ist das kein wirkliches Problem.

Drei Stunden später sitzen wir beide vor Paddy's Box und ich streichele meinen Hund. Er hat sich sehr gefreut und wir mussten echt aufpassen, dass er sich nicht die Wunde aufreißt. Sein Rücken ist rasiert und anstelle des linken Hinterbeins ist ein dicker Verband. Überall hat er offene Stellen, manche sind genäht oder getackert.
Es tut weh, ihn so zu sehen, aber Hauptsache er lebt. "Wir müssen eine Suchaktion für Luna starten! ", flüstere ich, da Paddy eingeschlafen ist. Patrick nickt und wieder huscht ein verzweifelter Ausdruck über sein Gesicht. Aufmunternd drücke ich seinen Arm und hauche:"Wird schon! Gib die Hoffnung nicht auf. Ich werde dich so gut es geht unterstützen. Ich werde Bilder von Luna in meiner Praxis aushängen mit allen Notizen zu ihr. " Er schaut mich ganz ungläubig an, dann erscheint ein schüchternes lächeln auf seinem Gesicht. Seine Augen leuchten und er gibt mir dankbar einen Kuss auf die Stirn.

Da hebt Paddy den Kopf und hechelt laut als wollte er sagen: Habt ihr gerade keine anderen Sorgen, als euch abzuknutschen?

Ich muss leise lachen und winke ab, als Patrick mich fragend mustert. Langsam erhebe ich mich und widerwillig verlassen wir die Krankenstation. Hinter uns beginnt Paddy wehleidig zu winseln und mir schießen Tränen in die Augen. "Ich hole dich bald hier raus, versprochen mein großer! ", flüstere ich mit Tränen erstickter Stimme und bin Patrick mehr als dankbar, als er mich mit sanfter Gewalt die Tür raus schiebt.

Vor der Klinik atme ich einmal tief durch. Warum muss ich denn auch so nah am Wasser gebaut sein! Patrick läuft schon zu seinem Auto und wartet da lächelnd. Zögernd gehe zu der Beifahrertür, als er sich zu mir beugt und mich in den Arm nimmt. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, aber sofort brechen bei mir alle Dämme und ich beginne lautstark zu weinen. "Komm lass alles raus. Hör nicht auf deinen Kopf, höre nur auf dein Herz. ", flüstert Patrick in mein Ohr und ich drücke mich hilfesuchend an ihn. Immer wieder drängt sich das Bild von dem grausamen Anblick, wo Paddy reglos im Gebüsch liegt in mein Kopf. "Ich habe so Angst um ihn! Ich...ich kann nicht mehr! ", bringe ich heraus, weiß aber gar nicht, ob er es verstanden hat so leise spreche ich. Jedenfalls presst er seinen Körper gegen meinen und irgendwie fließt von seinem warmen Körper eine beruhigende Wärme aus. Ich stecke meine Hände unter seine Jacke und lege die Arme um seine Taille. Kein Blatt passt mehr zwischen uns und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das auch falsch verstehen.

Lange stehen wir so da, bis Patrick leise anfängt zu summen. Es ist ein mir unbekanntes Lied also kann es nicht von ihm sein, da ich alle von ihm in und auswendig kenne. Aber die leise Melodie und der herrlich kratzige Klang seiner Stimme spenden mir Trost und ich schließe die Augen. Dann lege ich den Kopf an seine Brust und wieder laufen Tränen, diesmal aber schon viel langsamer. Patrick nimmt beim singen sanft meine Hand und ich kralle mich förmlich hinein. Umklammere sie wie ein rettendes Seil. Seine Hand ist eigentlich weich, nur die Fingerkuppen sind vom Gitarren spielen Rau. Und genau das sendet eine Wärme in meinen verzweifelten Körper und kämpft da.

Gut gegen böse. Hoffnung gegen Hoffnungslo sigkeit. Verzweiflung gegen Optimismus. Wärme gegen Kälte.

Als wir uns wieder loslassen, habe ich das Gefühl seit drei Tagen nicht mehr geschlafen zu haben. Der innere Kampf und das weinen waren so anstrengend, dass ich gegen die Müdigkeit ankämpfen muss. Patrick reibt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die gequetschte Hand und ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu.

Im Auto reden wir kein Wort. Vor meinem Haus zieht er mich noch in eine feste Umarmung, dann stehe ich auch schon vor meiner Haustür. Lange starre ich sie an, ohne sie richtig zu sehen. Ich habe nur diese Melodie im Kopf. Und die herrliche, unverkennbare Stimme im Kopf.

Ein Ziemlich Berühmter "Hundetrainer" Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt