Die Ruhe vor dem Sturm

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POV Jody:

Ich allein war daran Schuld und konnte es immer noch nicht fassen.  Daryl war... Ihm war etwas zugestoßen.  Allein durch meine Nachlässigkeit und pure Dummheit. Ja, er war unfreundlich zu mir gewesen und misstraute mir! Doch das war sein gutes Recht! Und ich doofe Kuh musste ihn immer und immer wieder anzicken. Wäre ich doch nicht aus dem Fenster heraus geklettert! Wieso bin ich nicht bei ihm geblieben? Wieso habe ich klein beigegeben? Ich konnte nicht aufstehen und bemerkte nur sehr wage, wie sich Rick zu mir hinunter beugte und auf mich einredete.

- ,,Jody ... Jody hörst du mich?'', sprach er leise und schüttelte mich an meinen Schultern.

Ich vernahm seine Stimme wie durch Watte und hörte kaum hin. Alles um mich herum schien endlos zu sein und ich fühlte, wie ich in einen langen dunklen Schacht fiel, als mir Rick plötzlich eine heftige Ohrfeige verpasste. Wie vom Blitz getroffen, sprang ich auf und blickte Rick verwirrt an. Mein Gesicht durchnässt von meinen salzigen Tränen, versuchte ich mein hysterisches Schluchzen zu beruhigen.

-,, Jody, warum weinst du?! Was ist los mit dir?'', fragte mich Rick einfühlsam. Er blickte mich mit seinen fürsorglichen Augen an und ich bemerkte in ihnen eine Mischung aus Trost und Mitleid.

-,, Was los ist?!'', fragte ich fassungslos. ,, Ich sag dir was los ist!... Daryl ist... Er ist..'', stammelte ich frustriert und konnte die ganze Situation unmöglich in Worte fassen.

-,, Weg'', vollendete Glenn meinen Satz.

Ich starrte ihn perplex an und konnte nicht glauben, was Glenn da von sich gab. Langsam bewegte ich meine Füße Richtung Tür und betrat den Lagerraum. Mindestens ein Dutzend Walker lagen verstreut auf dem Boden herum und sahen jämmerlich zugerichtet aus. Der ganze Raum war übersät mit Blutspritzern und Innereien. Nur langsam realisierte ich, dass das Blut, welches ich gesehen hatte, nicht von Daryl, sondern von den Walkern stammte. Meine Anspannung verflog und mein wildes Herzklopfen beruhigte sich. Glenn lehnte lässig an der Tür, während ich immer noch fassungslos den Raum betrachtete.

-,, Frage mich nur, wie ers raus geschafft hat. Hab ihn nicht gesehen, obwohl ich alles von oben überblicken konnte'', sprach Glenn ruhig und grinste auf die Überreste hinunter. Sah ich da ein Funken Ehrfurcht in seinen Augen aufblitzen?

-,,Du hast gedacht er wäre tot?'', fragte mich Rick nun belustigt.,,Wie gesagt: Daryl schafft das schon allein. Er ist ein zäher Hund. Wir sollten langsam zurück. Es wird dunkel.''

-,, Du willst nicht nach ihm suchen?! '', fragte ich ihn entsetzt. ,, Vielleicht ist er verletzt! Vielleicht fehlt ihm was oder er ist irgendwo eingesperrt! '', versuchte ich einzulenken.

-,, Ihm fehlt nichts'', antwortete Rick zuversichtlich und verließ den Raum.

Glenn folgte ihm nach einer Weile. Wütend versetzte ich einen der Walker einen Fußtritt und versuchte mich zusammen zu reißen. Wenn niemand nach ihm suchen würde, dann würde ich alleine nach ihm suchen. Noch einmal ließ ich ihn bestimmt nicht im Stich. Ich wusste nicht, wieso ich mich so emotional benahm. Ob es daran lag, dass ich den Verlust eines anderen Menschen nicht mehr ertragen konnte oder ob mir an Daryl etwas lag, konnte ich nicht sagen. Mein Zusammenbruch war womöglich die Folge von Stress, versuchte ich mir einzureden. Es klang schon beinahe lachhaft, dass ich etwas für ihn empfinden sollte. Ich kannte ihn kaum 2 Tage und war wild entschlossen, nach einem wildfremden Mann zu suchen. Was war nur los mit mir? Und was war mit Rick los? Daryl war wie ein Bruder für ihn. So kam es mir nämlich vor. Und trotz allem schien es ihm nichts auszumachen, dass Daryl spurlos verschwunden war. Entschlossen schloss ich zu den beiden Männern auf, die sich vor dem Range Rover versammelt hatten. Mit fragenden Blicken beobachteten sie, wie ich meine Tasche nahm und sie auf meinen Rücken schulterte.

-,, Was soll das?!'', fragte mich Rick nun kalt und packte mich grob an der Schulter. Er war nun sichtlich wütend.

-,, Ich geh Daryl suchen. Lass mich los!'', gab ich zischend von mir und riss mich aus seiner Umklammerung los.

POV Rick:

-,, Ich geh Daryl suchen. Lass mich los'', fauchte mir Jody ins Gesicht und zog ihren Arm weg.

Mein Gott! Sie wollte nun wirklich in völliger Dunkelheit nach jemanden  suchen, der sie von Anfang an nicht ausstehen konnte.  Daryl war ein Überlebenskünstler. Ich hatte keine Angst davor,  ihn irgendwo tot aufzufinden. Oder musste mir gar Sorgen machen. Nur wie sollte ich das Jody erklären? Ich wollte einfach nicht, dass sie ihr Leben gefährden müsste, für eine Person, die sie nicht kannte. Dafür war sie nicht geschaffen. Punkt!

-,, Ich gehe. Allein! '', antwortete sie stürmisch.

,,Ich kann es nicht fassen, dass du einen Freund alleine lässt!'', schrie sie mich an.

-,, Jody! Jetzt mal ganz langsam! Rick will doch ...'', begann Glenn, doch ich unterbrach ihn.

-,, Ist okay Glenn. Wenn du Daryl suchen willst? Bitte! Tu dir keinen Zwang auf. Ich kann es nicht riskieren,  Glenn in Gefahr zu bringen und den Rest der Gruppe alleine zu lassen. Daryl kennt sich in diesen Wäldern besser aus, als jeder andere hier. Ich bin mir sicher das er innerhalb einer Stunde ins Gefängnis zurückkehrt. Momentan bist du  nicht du selbst, Jody. Ich erkenne dich nicht wieder. Du bist aufgeschreckt, nervös und ziellos. Wo ist die ruhige und clevere Jody hin?'', fragte ich sie nun wütend.

Sie starrte mich mit leeren Augen an und begann sich umzusehen. Ihre Blicke hefteten sich auf den dunklen Wald, der Gefahr und Finsternis ausstrahlte.  Ohne mich oder Glenn eines weiteren Blickes zu würdigen, marschierte sie Richtung Wald. Als sie zusammen gebrochen war, hatte sie mich für einen winzigen Moment lang erschreckt. Ich kannte sie nicht recht gut, um über sie urteilen zu können - doch ich fühlte wie etwas in ihr zerbrochen war. Sie war wie ausgewechselt und verhielt sich panisch. Ich hielt nicht viel von ihrem Vorhaben,  doch ich konnte sie nicht zwingen zu bleiben. Ich hoffte inständig,  dass ihr nichts passierte, denn mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich es noch bereuen würde,  sie gehen zu lassen.

POV Jody:

Wie lange war ich nun unterwegs? Eine Stunde? Zwei? Ich versuchte mich in der Dunkelheit durch den Wald zu kämpfen. Ich hatte sogar die Taschenlampe im Supermarkt vergessen. Wie lächerlich! Nach einer Weile sank mein Enthusiasmus und mein Entschluss brach langsam in sich zusammen. Könnte ich Daryl wirklich finde? Vielleicht war er schon längst im Gefängnis angekommen und machte sich über mich witzig. Sollte er doch! Das hier bewies mir nur, dass meine Menschlichkeit nach all der harten Zeit, immer noch vorhanden war. Trotzdem spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken umzudrehen und mir eine Standpauke einzufangen, als eine männliche raue Stimme die Stille durchbrach.

-,, Hände hoch! '', rief mir der Mann hinter meinen Rücken zu. ,, Ich will deine Hände sehen! '', schrie er.

Das konnte doch nicht sein!

I Will Take Revenge ( The Walking Dead FF )Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt