Am Abend des nächsten Tages stand ich mitten in einem riesigen Ballsaal.
Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht, durch die Gänge zu streifen, bis mir vom Anblick der vielen Soldaten schließlich die Lust vergangen war.
Ich hatte stundenlang vor meinem Spiegel gesessen und mich letzten Endes bloß angestarrt. Ich sah so anders aus. Meine Augen waren immer noch blau, meine Haare immer noch braun und doch war alles anders.
Ich hatte mich schließlich dagegen entschieden, eins der Ballkleider anzuziehen, die ich in der Truhe gefunden hatte und mein blassrosa Kleid angelassen, dass ich schon den ganzen Tag trug. Mein Haar trug ich offen, ohne jede Spangen, sodass es sich in haselnussbraunen Locken über meinen Rücken bis zu meinen Hüften ergoss. Ich trug keinen Schmuck.
Und inmitten diesem Ballsaal spürte ich die immerwährenden verstohlenen Blicke der Gäste auf mir. Ich fiel auf, durch die Farbe die ich trug, die weder zu dem Grün von Eralor, noch zum Blau der SeaLands, passte.
Durch die Schmucklosigkeit meines Kleides, sodass ich mehr an eine Dienern, als eine Prinzessin wirkte.
Cedar und Peony waren noch vor einer Minute bei mir gewesen, bis sie zum Tanz aufgefordert wurden. Ich sah die schwarze Seide, die sich um Cedar mit jeder Bewegung drehte und im Licht der Kronleuchter so Violett aufleuchtete, wie Blitze über einem Nachthimmel.
Peonys Lachen drang über die Musik zu mir durch und ich sah ihre kupferfarbenen Locken kurz aufblitzen. Sie lächelte mir zu. Ich lächelte zurück. Peony trug ein cremefarbenes Kleid mit besticktem Mieder.
Ich beschloss, mir einen Weg zum Büffet zu bahnen und drängte mich durch die Grün gekleideten Paare.
Ich lief gerade an einem Fenster vorbei, als ein leises Geräusch mich innehalten ließ.
Langsam drehte ich mich zum Fenster um. Draußen war es dunkel geworden und das leise Tropfen von Regen gegen die Fensterscheibe ließ meine Nackenhaare aufstellen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich raffte den rosa Seidenstoff meines Rockes und lief auf einen erleuchteten Gang zu. Einige der tanzenden Paare drehten verstohlen den Kopf in meine Richtung, aber ich ignorierte es, als ich an ihnen vorbei eilte.
Der Gang war groß mit leuchtenden Kerzen an den Wänden und bunten Blüten, die einen sonderbar süßlichen Geruch verströhmten.
Ich bog in den nächsten Gang, bis ich schließlich eine gläserne Tür in Goldfassung erblickte, die zu einem Balkon führte. Aufgeregt schlossen sich meine Finger um den vergoldeten Türknauf.
"War euch der Ball zu langweilig?!" Ich fuhr herum. König Peter stand hinter mir. Er trug eine Uniform von der Farbe von Kiefernnadeln im Sommer und eine goldene Krone thronte auf seinem blonden Haar.
"Grün ist nicht meine Farbe!", erwiderte ich, auch wenn es eigentlich kaum eine Antwort auf seine Frage war. Er grinste und musterte mich.
"Das sehe ich!", sagte Peter und trat neben mich. Er warf einen Blick hinaus.
"Um diese Zeit regnet es eigentlich nicht in Eralor!", murmelte er. Ich legte eine Hand auf die kühle Scheibe.
"In den SeaLands regnet es nie. Nur wenn der König oder die Königin weint, regnet es!", sagte ich leise. Peter warf mir einen Blick aus den Augenwinkeln zu.
"Seid ihr glücklich?", fragte er. Ich blickte ihn an, verwirrt über diese Frage. "Seid ihr glücklich, hier in Eralor?"
War ich wirklich glücklich, hier an einem Ort, so fern von meinem Zuhause? Konnte ich wirklich glücklich an einem Ort sein, der so wenig mit mir gemeinsam hatte? Ein Ort, wo ich getrennt von meiner Familie, vom Wasser war?
Aber war der gläserne Palast in den SeaLands überhaupt noch mein Zuhause? Der Ort, an dem mein geliebter Bruder meinen Vater hingerichtet hatte?!
Ich schüttelte den Kopf.
"Ich weiß es nicht!", sagte ich. König Peter warf einen Blick hinaus in den Regen, bevor er den Türknauf drehte und schwungvoll die Türen öffnete.
Das Geräusch des Regens erfüllte die Luft und verdrängte jeden Gedanken an Oktavius. Lächelnd streckte ich eine Hand aus und kalter Regen tropfte über meine Handfläche.
Peter schubste mich in den Regen. Ich breitete die Arme auf, die Handfläche dem Himmel entgegen gestreckt, legte den Kopf in den Nacken und lachte. Mein Kleid war im Nu durchnässt, doch der kühle Regen wirkte belebend auf meiner Haut. Ich drehte mich zu Peter um. Er stand am Türrahmen gelehnt und beobachtete mich lächelnd.
"Komm!", rief ich und strich mir eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Ich fasste ihn am Arm und zog in in den Regen. Peter folgte mir, als ich zum Geländer lief, meine Schuhe platschten durch mehrere Pfützen. Ich warf einen Blick über die Brüstung, hin zu der Bergkette, die die SeaLands von Eralor trennte.
Ein Blitz zuckte über den Himmel, doch er war so weit entfernt, dass ich noch nicht einmal den dazugehörigen Donner hörte.
Durch den Regen hörte ich noch immer die Musik, zu der sich die Paare im Ballsaal elegant drehten. Peter reichte mir eine Hand.
"Wollt ihr Tanzen?", fragte er. Sein blondes Haar klebte an seiner Stirn und hatte die Farbe von Weizengranen angenommen. Als ich nickte, legte er eine Hand auf meine Taille, mit der anderen nahm er meine Hand. Seine grüne Uniform war vom Wasser so dunkel, dass die goldenen Knöpfe wie Sterne am Nachthimmel funkelten. Ich beobachtete, wie das Wasser von seinen Haarspitzen tropfte, bis es mir irgendwann unangenehm wurde und ich den Blick gerade aus hielt, auf einen der goldenen Knöpfe mit dem Wappen von Eralor eingraviert. Ich spürte die Wärme seiner Hand durch den nassen Stoff meines Kleides. Irgendwie war mir die gesamte Situation plötzlich unangenehm.
"Morgen werdet ihr also an die Grenzen zu den SeaLands aufbrechen?!", sagte ich, um die Stille zu füllen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er nickte.
"Die Dunkelelfen werden euch vermissen!", plapperte ich weiter. Peter stieß ein freudloses Lachen aus.
"Dessen bin ich mir sicher!", sagte er und seine Stimme triefte vor Ironie.
"Und ihr?", fragte er, "Werdet ihr mich vermissen, Prinzessin Kaylen?" Mein Gesicht brannte. Peter ließ meine Hand los und hob sanft mein Kinn an. Ich blickte ihn an, unfähig, darauf zu antworten.
"Ist das nicht egal?", fragte ich ausweichend. Er schüttelte den Kopf und Regentropfen spritzten von seinen Haarsträhnen auf meine Stirn.
"Ich werde euch vermissen!", sagte er leise, als sei er selbst überrascht, die Worte auszusprechen. Für einen unendlich langen und gleichzeitig unfassbar kurzen Moment blickten wir uns in die Augen, bis er sich schließlich zu mir herunter beugte und mich küsste. Peter küsste mich.
Der Regen plätscherte weiter, rann über mein Gesicht, doch ich konnte nicht mehr sagen, ob er über mein Gesicht oder seins tropfte.
Schließlich löste er sich von mir. Peters Hände rutschten von meinem Rücken und umfassten meine Hände.
"Bis Morgen, Prinzessin!", sagte er leise, doch obwohl der Regen monsunartig vom Himmel fiel, hörte ich seine Worte überdeutlich. Er ließ meine Hände los, drehte sich weg und ließ mich allein zurück. Ich sah ihm nach, ließ mich auf den nassen Boden fallen und berührte mit den Fingerspitzen meine Lippen.
"Der König weigert sich, die SeaLands anzugreifen!", sagte eine Stimme unter mir. Ich hielt erschrocken die Luft an.
"Also können wir die Prinzessin nicht als Druckmittel benutzen, damit König Oktavius unser Land in Ruhe lässt?!", fragte eine weibliche Stimme.
"Wenn der König es erlauben würde. Doch dieses Mädchen steht unter seinem Schutz!", erwiderte die erste Stimme.
"Was können wir tun?! Wir müssen Eralor vor diesen Parasiten schützen!" Ich atmete erbost aus und hielt mir sofort den Mund zu, aus Angst, man könnte mich gehört haben.
"Wir werden die SeaLands angreifen!", sagte die erste Stimme und ein Schauer lief über meinen Rücken, "Gleich an der Grenze liegt eine Stadt, Ascendant, wenn einer unserer Leute den Trupp des Königs angreift, können wir die Stadt angreifen und ein Exemple statuieren!" Mein Herz schlug schneller. In meinem Kopf drehten sich die Worte immer und immer wieder im Kreis.
"Wenn wir König Peter stürzen können wir die SeaLander Prinzessin benutzen um den neuen König zu erpressen!", redete die Stimme weiter.
Das war der Augenblick in dem ich aufstand. Meine Füße bewegten sich wie alleine durch die leeren Gänge bis zum Haupttor. Es war unbewacht, alle Soldaten waren beim Ball. Meine Schritte wurden schneller.
Ich musste hier weg, ich musste zurück zu meinem Land, ich musste die SeaLander beschützen. Schließlich rannte ich. Meine Füße flogen über den nassen Beckstein, mit dem der Weg vom Schloss gepflastert war. Mein Herz hämmerte so laut, das ich Angst hatte, die Ballgäste könnten es sogar aus dieser Entfernung hören.
Es war mir egal, dass der Saum meines Kleides sich mit Dreckwasser vollsaugte. Es war mir egal, dass Wasser in meinen Schuhen war und bei jedem Schritt meine Knöchel entlang spritzte. Es war mir egal, dass der Regen sich mit meinen Tränen mischte. Ich rannte einfach weiter.
Und in diesem Moment wurde mir klar, dass es Augenblicke in Meridiem Cieri gab, in denen ich sehr wohl glücklich gewesen war.
Peters Kuss war einer von diesen Momenten gewesen.
Dennoch rannte ich weiter, während mein Herz im Takt der Turmuhr schlug, die die Mitternachtsstunde ankündigte.
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Die Chroniken von Eralor- Kaylens Lied
FantasyKaylen, die Prinzessin der SeaLands, muss, kurz vor ihrer Krönung, aus ihrem Land fliehen. Sie wird im benachbarten Königreich aufgenommen, jedoch ohne das jemand ihre wahre Identität kennt. Doch zwischen beiden Ländern herrscht seit langem ein une...