Kapitel 1️⃣8️⃣

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PoV Lou

Nach einiger Zeit erreichten wir endlich das Lager. Doch ich konnte dort niemanden erblicken. Erst bei genauerem Hinsehen fiel mir auf, dass etwas abseits ein umgefallener Baum lag, der bei meinem Verlassen dort definitiv noch nicht gelegen hatte. Da erblickte ich auch eine blutige Person direkt neben dem Baum. Schnell rannte ich zu ihr und hockte mich hin. Es war Clary! War der Baum auf sie gefallen? Und wo waren Takuya und dieser Draco?
Ich tastete nach Clary's Puls. Er war zwar schwach, aber da. Sie schien auch ansonsten in Ordnung zu sein. Die Schnittwunden waren noch vom Kampf gegen Draco und Takuya. Clary hatte keine Beulen oder Platzwunden am Körper. Da erkannte ich den Baum. Es war der, auf den Clary vor kurzem noch mit dem Schwert eingeschlagen hatte. Außerdem sah der Baum nicht durchgebrochen aus, denn er hatte eine fast glatte Schnittstelle; als wäre er durchgeschlagen worden. Plötzlich knackte ein Stock hinter mir. Blitzschnell drehte ich mich um und griff nach meinem Bogen. Ich schnappte mir einen Pfeil und zielte auf die dunkelblaue Iris mit der sternförmigen Pupille, in der mein Pfeil landen würde.
»Halt!«, rief eine vertraute Stimme. Lamgsam senkte ich den Bogen. »Was ist hier los?!«, schrie ich Takuya an. Da kam auch Draco aus dem Unterholz hervor. Sofort zielte ich auf sein Herz. »Noch ein Schritt und ich schieße!«, warnte ich. Sein Blick zeigte mir, dass er dies ganz sicher nicht in Frage stellen wollte. Ich spürte, wie Clary sich regte und wandte mich ihr nach einem letzten warnenden Blick in Richtung der Jungs zu. »Clary! Geht's dir gut?« Sie gähnte zur Bestätigung und streckte sich dann in aller Ruhe. Da fiel ihr Blick auf die versteinerten Jungs. »Was ist passiert?« Vorsichtig begann ich, die Geschichte aus meiner Sicht zu erzählen.

Mit jedem meiner Worte weiteten sich Clary's Augen mehr. »Was?!«, knurrte sie, als ich fertig war. »W-wie hätten wir denn merken sollen, dass Lou nicht mehr da war?«, stotterte Takuya. Sein sonst so selbstsichereri Ton war einem verängstigten Atmen gewichen. »Ihr müsst einfach mal eure dummen Augen aufmachen!« »Streng genommen können Augen nicht dumm sein, da sie-« Takuya verstummte augenblicklich, als Clary aufsprang und mit gezücktem Schwert auf ihn zukam. Doch er ließ sich diesmal nicht so schnell unterkriegen und nahm seine Dolche zur Hand. Draco's Augen funkelten aufgeregt. Wie bizarr!
Nach dem ersten Hieb sprang ich zwischen Clary und Takuya. »Hört endlich auf!«, brüllte ich. »Was denkt ihr eigentlich, was ihr tut?« Ich atmete schwer. »Wir sind keine Feinde! Wir müssen zusammenhalten und nicht gegeneinander kämpfen!« Die beiden blickten mich verwundert an. »Seht ihr das? Draco will, dass ihr kämpft und auseinender geht! Tut doch nicht, was er will, ihr seid keine Puppen!« Sofort wich das Grinsen von Draco's Lippen. Alle starrten ihn nun an.

»Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?«, fragte ich herausfordernd. Auf einmal war ich erstaunlich selbstsicher. Draco war für mich schon die ganze Zeit wie ein geschlossenes Buch gewesen, bei dem der Titel den Ausgang der Geschichte verriet. Selbst Takuya, der von Anfang an am meisten Vertrauen in Draco gelegt hatte, schienen jetzt Zweifel aufzukommen. Er stand abseits des Schwarzhaarigen und nicht wie sonst immer an seiner Seite.
»Es ist nicht so, wie ihr denkt...«, begann Draco, schien aber selbst zu merken, wie bedeutungslos diese Worte waren. Er seufzte und setzte dann neu an: »Ich denke, dass ihr nur durch praktisches Training stärker werden könnt. Ihr müsst kämpfen, es gibt keinen Weg, dies zu verhindern. Und euch gegeneinander aufzubringen schien mir die beste Möglichkeit zu sein, euch wirklich verbessern zu können.« Er verstummte und dachte kurz nach. Die ganze Zeit hatte er schon sehr langsam und gewählt gesprochen. Was weißt du, was wir nicht wissen? »Es tut mir Leid, mein Handeln war unüberlegt und euch gegenüber nicht fair.« Draco sah uns allen einen Moment in die Augen, was seine Entschuldigung wirklich glaubwürdig machte. Er war wirklich ein guter Lügner, aber ich durchschaute ihn. Da war etwas anderes, das er uns nicht sagen wollte. Trotzdem nickte ich. »Entschuldigung angenommen«, meinte ich und schaffte es sogar, ein leichtes Lächeln mit meinen Lippen zu bilden. Clary und Takuya stimmten mir zu und Nuno maunzte aufgeregt. Es sagte daraufhin keiner mehr ein Wort. Wir wandten uns voneinander ab und gingen alle unterschiedlichen Beschäftigungen nach.

Während Clary in einer Ecke vor sich hin grummelte, schnitzte ich, an einen Baum gelehnt, einen weiteren Pfeil. Takuya sprach mit dem auf einmal in sich gekehrten Draco. Er saß, die Knie an seine Stirn gezogen, auf dem Boden. Ich kannte ihn zwar noch nicht lange, doch ich hatte sofort gemerkt, dass seine Persönlichkeit selbstsicher war. Warum benahm er sich dann jetzt so seltsam? War ihm etwas peinlich? Ich lauschte. »Du kannst uns alles erzählen. Das ist dir klar?«, sagte Takuya mit einfühlsamer Stimme. Von Draco kam nur ein Murmeln und ein kurzes, leises Schluchzen. Weinte er? Vorsichtig näherte ich mich den beiden und legte Draco eine Hand auf die Schulter. Er zuckte zusammen. »Du musst uns nichts erzählen, aber wir können dir nicht trauen, wenn du nicht ehrlich zu uns bist«, sagte ich sanft. Stille. Takuya stand auf. »Ich geh mal, äh... Laub sammeln«, stotterte er und ging. Clary malte mit einem Stock Figuren in die krümelige Erde. Irgendwie sah sie abwesend aus. Jetzt setzte ich mich neben Draco. »Ich... es tut mir Leid«, seufzte er. Verwundert schaute ich ihn an. »Was?«, fragte ich. »Es geht um Takuya«, flüsterte er fast schon. »Um Takuya?«, fragte ich erneut verständnislos. »Ja.«

Und dann erzählte er mir die ganze Geschichte. Von dem Drachenbild, bei dem ihm Takuya in den Sinn gekommen war, obwohl er ihn zu der Zeit nichtmal gekannt hatte, dem Kuro, der ihn besucht hatte, einen Gefallen angeboten und ihn trainiert hatte. Ihm wurden außerdem Visionen von Clary, Takuya, Nuno und mir gezeigt und er hatte einen Chip bekommen, der ihm Anwesiungen übermitteln sollten. Ob das wirklich alles war, konnte ich zwar nicht sagen, aber es war auf jeden Fall eine Menge.
Nachdem Draco geendet hatte, machte er eine Pause. »Was war jetzt mit Takuya?«, hakte ich nochmal nach. »Ich glaube, ich mag Takuya«, setzte Draco an. »Sehr sogar. Und vielleicht... nein, genau deswegen habe ich mich Clary gegenüber so verhalten. Es tut mir leid.« Am Ende war seine Stimme nur noch ein undeutliches Murmeln, aber ich verstand ihn trotzdem. Mir wurde so einiges klar. Aus Eifersucht hatte er versucht, Clary und Takuya voneinander fernzuhalten, denn... Draco ist in Takuya verliebt! Ich musste mich zurückhalten, dies nicht wie ein Grundschulkind laut auszurufen. Unwillkürlich umarmte ich Draco. Er tat mir so leid. Die ganze Zeit hatte er seine Gefühle für sich behalten und ich hatte ihm misstraut. Und erstaunlicherweise stieß Draco mich nicht weg, sondern begann beruhigt, langsamer zu atmen.

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