-Rylin-
Es war schon dunkel, als Rylin schlagartig aufwachte. Ihr war gar nicht klar, dass sie eingeschlafen war. Denn nach ihrem Gespräch, das schnell in die falsche Richtung gelaufen war, hatte sie sich wieder hingelegt und dann müssen ihr wohl die Augen zugefallen sein.
Zwar kratzte Hals vor Durst, aber sie hatte viel besser geschlafen als in der Nacht. Da war es nämlich unbequem, kalt und nass gewesen. Jetzt aber lag sie auf etwas Gemütlichem, etwas Warmem, fast noch besser als ihr Bett zuhause... Moment mal, warum hatte sie an Jacks Brust gelehnt geschlafen?
Schnell setzte sie sich auf und entfernte sich von Jack. Auf der anderen Seite des Bootes, der weitmöglichste Abstand von ihm, bereute sie es auf einmal. Sie mochte seine Nähe. 'Natürlich nur wegen der menschenlichen Körperwärme', gab sie sich eine Erklärung für das, was sie nicht erklären konnte. Denn obwohl sie seine Art von Mensch verachtete und sie selbst geschworen hatte, dass sie sich nie wieder verlieben würde, war da doch etwas zwischen ihnen. Sie hatten sich bereits geküsst, Jack hat ihr seinen größten und peinlichesten Traum erzählt und sie hat ihm von ihrem Exfreund erzählt und warum sie sich wirklich getrennt haben, etwas, was sie nie zuvor jemandem erzählt hat. Würde sie nach einem Freund suchen, dann würde Jack sicherlich ins Schema passen.
Aber das tat sie nicht. Nicht nur, weil sie wusste, dass sie noch eine Trennung nicht ertragen würde. Sondern, weil sie wusste, dass eine Beziehung zwischen Jack und ihr nichts Gutes bringen würde. Sie würde ihn nur verletzen, wie sie es bei Gale getan hat. Er würde es nicht einmal merken, wenn sie ihm wehtut, weil er durch seine Gefühle geblendet wurde.
Und da gab es ja noch Aves - ja, jetzt fiel Rylin ihr Name wieder ein. Aves hatte Jack genauso angesehen wie Rylin Gale immer angesehen hatte, und übrigens würde sie es immer noch tun. Das zwischen Aves und Jack war wahre Liebe, auch wenn er es noch nicht erkannte. Rylin könnte ihn nie so lieben. Sie muss aufhören ihm falsche Signale zu senden. Mit dem Kuss hatte sie schon genug Schaden angerichtet.Gerade als sie diesen Gedanken hatte, sah sie eine Drohne mit einem an ihr befestigtem Körbchen. Als sie landete, entdeckte Rylin einen Zettel darin. Zügig zog sie ihn heraus und faltete ihn auf. Was dort stand, sorgte dafür, dass sich ihre Nackenhaare aufstellten:
"Arme Rylin, keiner liebt sie.
Selbst wenn, erwidert sie die Liebe nie.Armer Jack, weiß nicht, dass er keine Chance hat.
Aber sie ließ es ihn auch nicht erkennen, mit allem, was sie tat.
Es wäre doch wohl ein Scherz,
würde man sagen, es läge an ihrem gebrochenem Herz.
Für die Liebe und andere Gefühle war sie doch schon immer taub,
das Feuer ihrer Seele ließ von ihrem Herzen nicht mehr übrig als Staub.
Gibt es irgendwas, das sie dagegen tun kann?
Wenn sie diese Sache macht, bricht der Bann.
Sie muss Jack abblitzen lassen,
er muss sie durch und durch hassen.
Dann wird Rylin Gefühle erfahren,
weil der Rauch in ihrem Herz beginnen wird, sich aufzuklaren.
Bald wird Jack seine Gefühle vergessen,
und wird eine andere lieben wie besessen.Tut sie das, erreichen beide ihr Ziel,
und es hilft ihnen viel.
Tut sie das nicht, werden beide hier ihr Ende finden,
und alle Überlebenschancen werden schwinden...
Also, wie entscheidest du dich, Ry?"Fassungslos starrte Rylin das Papier an. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gelesen hatte. Dass die Drohne gar nicht mehr da war, hatte sie überhaupt nicht wahrgenommen.
Dieser Schreibstil, das einfach gewählte Reimschema, dieser Spitzname... alles schien sie an Gale zu erinnern. Bevor er sich verändert hatte, hatte er ihr zu ihrem Geburtstag und anderen Feiertagen immer Liebesgedichte geschenkt, die sie sich noch Jahre später gerne durchgelesen hat. Wer wagte es die Art, wie Gale geschrieben hat, so nachzuahmen? Wer wollte ihr das antun? Und als wäre das nicht genug, erpresste dieser jemand sie auch noch. Entweder sie sorgte dafür, dass Jack sie hasste, oder sie beide würden sterben. Für sie wäre das egal, schließlich würde das eh niemanden kümmern, wie sie schon festgestellt hatte. Jedoch konnte sie das Jack nicht antun. Er hatte noch eine Zukunft, eine sich kümmernde Familie, gute Freunde und da war auch noch Aves. All diese Leute wären zutiefst bestürtzt, wenn er sterben würde. Der Briefschreiber hatte in einer Sache recht: Seit langer Zeit ließ sie etwas nicht kalt. Auch wenn sie lieber etwas Positives fühlen würde, anstatt sich um jemanden sorgen zu müssen, empfand sie ein Gefühl. Und für einen Menschen etwas zu fühlen, war für sie schon lange nicht mehr alltäglich."Was hast du denn da?",fragte Jack plötzlich. Erschrocken drehte sie sich um und zerknüllte den Zettel. "Gib mal her",fordete er sie auf und schnappte nach ihrer geschlossenen Hand. "Nein, das geht nicht",antwortete sie und umschloss das Papier fester. "Warum nicht?" Er legte seine Hand um ihre Faust. Ihr war klar, dass Jack nicht lesen durfte, was dort stand, weil sonst würde er wissen, dass sie nur deswegen dafür sorgen würde, dass er sie hasste, weil es ihr befohlen wird. Dann würde sie die Aufgabe nicht erfüllen können und sie würden beide draufgehen. Und das wollte sie um jeden Preis verhindern.
"Lass mich los",zischte sie und zog ihre Hand weg. Ehe Jack reagieren konnte, warf sie den Zettel ins Meer. Wenn er außer Reichweite war und das Wasser die Schrift verwischen würde, könnte er das Gedicht nie zu Gesicht kriegen. Unglücklicherweise beeinflusste der Wind die Flugbahn, sodass das Papier direkt wieder neben dem Boot im Meer landete. Natürlich fischte Jack es aus dem Wasser. Rylin hoffte inständig, dass er die Buchstaben nicht mehr entziffern könnte. Wenn sie ihm doch nur sagen könnte, dass sein Leben davon abhing.
Einige Momente vergingen und Rylin konnte nur zusehen, wie Jacks Augen immer wieder von einer Seite zur anderen sprangen. Je länger sein Blick auf dem Gedicht heftete, desto kleiner erschien Rylin die Chance, dass er nichts lesen konnte.
"Gib's mir wieder",forderte sie ihn auf und griff nach dem Zettel. Errötet ließ er Rylin das Papier aus seiner Hand nehmen. "Gale ist dein Ex, oder?",fragte er verlegen.
Verdutzt las sie die Verse nochmal durch. Sie erschrack, als sie merkte, dass statt der Drohnachricht nun eins von Gales Liebesgedichten dort stand. Diese Imitation von seiner Unterschrift war zu viel für Rylin. Wenn sie das überleben würde, könnte der Verantwortliche was erleben.
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Far away #wingaward2019 #TheIndividuals2019 #ColourAward18 #RainbowAward2019
Teen FictionEs sollte ein wunderschöner und unvergesslicher Abschluss einer langen Reise werden. Zur Feier ihres geschafften Schulabschlusses machte die gesamte Stufe einen Ausflug aufs offene Meer. Am letzten Abend der Kreuzfahrt wollte Aves sich endlich trau...