Kapitel 11

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Luca ließ den schwarzen Hengst antraben und konzentrierte sich vollkommen auf das Pferd. Der junge Mann war ein Stück weit stolz darauf, welche Fortschritte Midnightdancer in den letzten vier, fünf Monaten gemacht hatte.

Als Luca ihn im Winter in den Beritt bekommen hatte, war das Tier ein absolutes Nervenbündel gewesen. Bei den Rennen war der Hengst zwar immer unter den ersten drei, aber bis er mal in der Startbox stand, hatten er und die Menschen um ihn herum einen halben Nervenzusammenbruch hinter sich. Der Rappe hatte im Führring jedes Mal so aufgedreht, dass er oft schon klatschnass geschwitzt an den Start gegangen war. Einmal hatte er es sogar geschafft, sich loszureißen und fast einen jungen Mann über den Haufen gerannt. Da war der Punkt erreicht gewesen, wo man Lady Bramlett geraten hatte, das Tier zu erschießen. Es wäre verrückt und zu nichts zu gebrauchen.

Luca hatte all seine Überredungskünste aufbringen müssen, damit die Adlige Midnight noch eine Chance gab. Seitdem arbeitete der Jugendliche täglich mit dem Pferd und war mehr als einmal fast so weit gewesen aufzugeben; hatte es aber nicht getan, weil er wusste, was dem eleganten Hengst dann blühen würde. Und Geduld zahlte sich ja bekanntlich aus. Midnightdancer war zwar immer noch leicht nervös auf der Rennbahn, aber er drehte nicht mehr durch und hier, im normalen Reitbetrieb, war er die Ruhe selbst. Auch das war anfangs noch ganz anders gewesen.

Der Hengst hatte Luca mehrfach in den Dreck befördert, obwohl der Junge eigentlich ein guter, sattelfester Reiter war. Früher hatte das Tier vor jeder Kleinigkeit gescheut, auch vor Sachen, die nur es hören und sehen konnte, war durchgegangen, war ein richtiges Pulverfass gewesen. Davon merkte man heute nichts mehr.

Der Rappe trabte am langen Zügel über den Hufschlag, die Ohren leicht nach hinten gerichtet und völlig auf seinen Reiter konzentriert, der ihn nur mit Gewichts- und Schenkelhilfen durch die einzelnen Bahnfiguren lenkte.

Auch als Luca ihn schließlich angaloppieren ließ, zeigte Midnight keine Anzeichen, dass er eigentlich ein Rennpferd war. Er lief gelassen unter dem Jungen durch die Bahn. Der konnte die Blicke von der Tribüne fast körperlich spüren und als er einmal kurz hinüberschaute, trafen seine Augen auch prompt die des Grafen. Luca merkte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg.

»Verdammt!«, fluchte er leise und konzentrierte sich wieder auf die Vorführung des Pferdes. Aber das Wissen, dass der Andere ihn beobachtete, machte den Jugendlichen mehr als nervös, was eigentlich albern war, denn es war ja klar gewesen, dass man ihm zuschauen würde.

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Viktor verfolgte die Vorstellung gespannt, während er in kleinen Schlucken die Limonade genoss, die Alan Summerson seinen Gästen serviert hatte. Lady Bramletts Hengst war in der Tat eine Augenweide und der Graf beobachtete das Spiel der Muskeln unter dem nachtschwarzen Fell des Tieres, wie ein Musiker einer perfekten Abfolge von Noten lauschte. Doch noch mehr, so musste er sich eingestehen, bewunderte er den Reiter. Viktor wusste genau, wie zart Luca war, doch er war stark genug, dieses Kraftbündel in der Spur zu halten, ganz ohne dabei laute Befehle oder eine Gerte zu verwenden, er hatte nicht einmal die Zügel kurz genommen. Nur seine schlanken und doch muskulösen Beine taten die Arbeit und der Adlige spürte ein wohliges, aber ihm in diesem Moment absolut unwillkommenes Gefühl der Erregung. Es wurde heißer, als sich ihre Blicke trafen und der Graf musste unwillkürlich leise auflachen, als er den Jungen, der etliche Meter von ihm entfernt war, fluchen hörte.

»Amüsiert Sie etwas, Graf?«, fragte Lady Bramlett und wandte ihm überrascht ihr Gesicht zu. Ihre Wangen waren gerötet, trotz der angenehmen Kühle in der Halle.

»Aber nein. Ihr Tier ist wirklich ein Prachtstück und sehr gut trainiert.«

»Nun, das sollte es auch. Das ist seine letzte Chance, sonst kommt es zum Schlachter. Sie glauben gar nicht, was ich für Ärger mit diesem Pferd hatte. Die Versicherungsprämien sind astronomisch!«

VAMPIRES Book of Eternity I. - White BirdWo Geschichten leben. Entdecke jetzt