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Es regnet hier.
Mir ist langweilig. So langweilig.
Der Junge neben mir ist nervös. Er redet und redet die ganze Zeit. Das Dorf wo wir hingebracht werden, ist klein. Möglicherweise werden wir uns, angekettet und an der Leine eines anderen, Wiedersehen.
Es regnet hier.
Ununterbrochen. Langweilig.

"Schau doch! Gleich sind wir da!"

Der weiß Haarige, dessen Name ihm entfallen war, hatte sein Gesicht an das vergitterte, winzig scheinende Fenster gedrückt, mit dem Schwanz aufgeregt hin und her schwingend. Wahrscheinlich freute sich dieses Tier wirklich, absofort irgendeinem Menschen zu gehören und ihn mit seinem Leben zu beschützen.
Das war schließlich die Bestimmung eines Mysterium; das, worauf man sein Leben lang wartete. Endlich in den Transportwagen steigen zu dürfen, welcher einen auf den Vermittlungsmarkt brachte, wurde in ihrer Welt als größte Ehre überhaupt angesehen, die nicht mal 50% gestattet wurde, wurde ihm gesagt.

Der rot Haarige hatte sich nicht vom Fleck bewegt, die Ohren gesenkt und die Augen geschlossen. Geschah ihm wohl recht, dieses Schicksal. Von nun an das Leben eines armseligen Köters zu führen, schien perfekt zu ihm zu passen. Die Hexe hatte zumindest Humor gehabt.

"Chuuya, jetzt mach endlich die Augen auf! Wir sind dabei anzuhalten. Gleich ist es soweit! S-sollen wir uns schon mal in unsere Tarnmodelle zurück verwandeln?"

Ach richtig...
Er öffnete die Augen, unterzog dem vor sich sitzenden Jungen einer unauffälligen Musterung. Weiße, gar schon silberne Haare, gelbe Augen. Außergewöhnlich. Er würde sicher schnell vermittelt werden. Chuuya zwang sich zu einem Lächeln, setzte sich auf. Egal wie schlecht gelaunt er war, es half ja doch nichts dran vorbei.

"Richtig, ich hätte es fast vergessen."

Der Zug kam zum Halt, die Tür ihres "Käfigs" öffnete sich und ein ehemaliges Mysterium bat sie respektvoll heraus. Davon hatte der Andere ihm schon erzählt. Ausgewählte Mysterien, die es trotzdem nicht schafften vermittelt zu werden, vermittelten selbst irgendwann welche. Keine Schande, nur ein Zeichen, dass man für anderes bestimmt war. (Augenscheinlich.) In sein Tarnmodell verwandelt, nickte er seiner Begleitung nochmal zu, ehe seine Pfoten sich langsam zum Ausgang des Käfigs bewegten.

"Auserwählte, bitte gehen sie langsam und in einer Reihe zur großen Tür. Der Markt Vorsitzende wird sie gleich in ihre Kategorien einteilen."

Jetzt begann der ernste Teil. Obwohl alle gleich auserwählt waren, wurde man getrennt; Hunde von Katzen (es gab nur diese zwei Arten, da sie den Menschen am Meisten gefielen - anscheinend), Mischlinge von Reinrassigen - Arm von Reich. Für Chuuya, der erst seit dreieinhalb Tagen als ein Mysterium zählte, hieß das unweigerlich arm. In eine Kategorie zugewiesen zu werden, sollte wohl Machtkämpfe vermeiden und für eine schnellere Bindung an einen Menschen sorgen. (Fast wie bei einer Berufseinteilung. Nicht, dass er je die Chance hatte, eine echte Wahl zu treffen.) Sobald ein Mysterium 16 Jahre alt war, (ein Jahr älter, als er gerade war) zeigte sich, falls man zu den "Auserwählten" gehörte, ein Mahl auf dem Hals. In dem Fall wurde man von seiner Familie verabschiedet und trat mit allen anderen zusammen die drei Tagesreise an um für den Rest seines Lebens mit seinem Schutzbefohlenen, männlich oder weiblich, zu verbringen. Der weiß Haarige hatte es ihm auf dem Weg hier her mehrmals erzählt, wollte sich dadurch wahrscheinlich ablenken.

"Reinrassig, Typ Alpha. Keine besonderen Besitztümer. Kategorie 2. Nächster Bitte!"

Die Hündin vor ihm marschierte mit hängendem Kopf davon. (Dabei war 2 die zweitbeste Kategorie, die man zugeteilt bekommen konnte.) Der alte Mann vor dem Eingang richtete sein Monokel nach jedem Mysterium neu, wirkte als würde er diese Art von Arbeit schon seit Ewigkeiten verrichten, ohne Rücksicht sein Urteil fällen, unbestechlich sein. (Nicht, dass hier irgendjemand außer ihm auf diese Idee kommen würde.)

Es wirkte so im Contrast zu den alten Herren, die er kannte, dass er beinahe aufgelacht hätte. Manipulative, bestechliche Herrschaften, die immer darauf aus waren, sich gegenseitig aus dem Weg zu räumen. Und solange sie zahlten, war er mit Freuden ihre bewegliche Schachfigur, tapste vom weißen zum schwarzen Feld ohne jeglichen Anflug von Reue.

Ein Blick in die Schlange parallel zu ihnen hob seine resignierte Stimmung etwas an. Seine namenlose Begleitung (eine Katze, wie es schien - machte Sinn) wurde gerade in Kategorie 1, als ein Fall X (weder Reinrassig, noch reich, einfach bloß unglaublich außergewöhnlich) eingeteilt, die Vermittlung würde keine vier Stunden dauern.

Dann, bemerkte er, war er dran. Der Mann musterte ihn; ging sogar soweit, ihn überall abzutasten. Vielleicht spürte er, das was mit dem Mysterium vor ihm nicht stimmte, angefangen mit dem deutlich unechtem Mahl auf seinem Hals. Wobei, das sah man erst wenn er sich zurück in einen Menschen verwandelte.

"Wie seltsam... sowas habe ich wirklich noch nie gesehen. Kategorie X. Nächster bitte."

Hunde mit roten Fell und blauen Augen - gab es das überhaupt? Bei Katzen konnte er es sich noch vorstellen - andererseits war es wohl wirklich egal, er war kein Hund. Die anderen Mysterien in seiner Kategorie hatten den Kopf weit oben, der Stolz stand ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben. Er setzte sich hin, bekam dafür einige verwirrte Blicke von seinen Nebenstehenden. Kurz darauf saßen alle Hunde der Kategorie X. Normalerweise hätte er seine Deckung nie so sehr vernachlässigt, aber seit seiner Begegnung mit ihr - war es ihm erstaunlicherweise ziemlich egal.

Was war denn schon so schlimm den Rest seines Lebens als Familienhund zu verbringen? Er konnte schlafen ohne mit einem Messer im Rücken rechnen zu müssen, würde nicht hungern, hätte ein Dach über dem Kopf. Falls man ihn in eine Hundehütte und an eine Kette sperren sollte - so sei es. Laut der Hexe würden seine Fähigkeiten in zwei Jahren wieder auftauchen, dann konnte er die Kette zerbrechen und einfach weiterziehen, sein altes Leben weiter führen - nur durfte er diesmal nicht vergessen, eine Kapuze zu tragen.

Die Minuten vergingen, auch die letzten Mysterien wurden in ihre Kategorien eingeteilt. Dann wurden sie in andere (echte) Käfige geführt, sollten von hier aus gleich ins nächste Tierheim gebracht werden.
Chuuya war gerade dabei in seinen Käfig einzusteigen, als eine klare Stimme schrie: "Ich will nicht! Nicht nochmal, ich will nicht!" Er drehte sich um, sah ein Mädchen, kurz darauf eine graue Katze auf ihn zu, an ihm vorbei laufend. "Kyouka!"  
Eine weiße Katze (kannte er die Stimme nicht? Das war doch!) kam hinterhergerannt, wurde von den älteren Mysterien aufgehalten, grob zurück gezogen. "Fangt sie."

"Kyouka!"

Der Junge hatte sich mitlerweile wieder zurück verwandelt, zerrte an den Händen die ihn festhielten, riss sich immer wieder los. Doch es wurden immer mehr - gleich würde er sich auf dem Boden befinden, dann wäre es aus. 

Chuuya wollte sich abwenden. Es wäre sicher leichter, wenn er nichts tat. Die Hexe hatte ihm versichert, dass es hier wirklich nur um Mysterien Vermittlung ging, niemand umgebracht oder gefressen wurde - er glaubte ihrem Wort.

Aber der Junge rief den Namen des anderen Mysteriums so - er kannte diesen Ton. Es machte ihn wütend. Aber er kannte ihn trotzdem nur zu gut. Chuuya, bevor er es überdenken konnte, rannte auf die Mysterien zu, verwandelte sich zurück - und griff an.

Es ging schnell, ein weiteres Zeichen dafür, dass diese Wesen nichts weiteres im Schilde führten. Er half dem Jungen hoch, zeigte in die Richtung, in die die graue Katze gerannt war. Seine Hand wurde gedrückt, gelbe Augen waren weit aufgerissen, als sie zu ihm hoch sahen. "Danke!" Dann verwandelte das Mysterium sich zurück und flog förmlich davon. Chuuya überlegte noch, ob er hinterher rennen sollte (die Chance hatte sich ihm quasi aufgedrängt) da ertönten plötzlich die Lautsprecher und verkündeten, dass sie sich nicht wundern sollten, wenn ihnen jeden Moment die Augen zufielen. Dies gehörte alles dazu. Gleich darauf spürte er auch schon die erdrückende Müdigkeit, welche ihn fast gänzlich einnahm, alle Pläne an "Flucht" verwarf.

♦️

Das Erste, was er mitbekam als er wieder bei Sinnen war, stellte sich als eine Hand heraus. Die bandagierte Hand eines bandagierten Jungen im schwarzen Mantel. Eines seiner Augen war verdeckt, der lächelnde Gesichtsausdruck wirkte gezwungen, als hätte das Kind viel zu viel im jungen Alter erlebt. Ein Arm stützte sich auf einer Krücke. Sein anderer war ausgestreckt; die zitternde Hand zeigte immer noch auf ihn.

"...Den da, ....nehme ich."

Von blutigen Schleifen und schwarzen Tränen Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt