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"Du kannst nicht einfach was nehmen ohne zu zahlen, Dazai-kun. Wenn dein neuer Freund mich nicht sofort zu dir gebracht hätte, hätten wir noch unseren Flug verpasst. Wofür brauchst du überhaupt so viel Kuchen?"

Oda saß ganz außen am Gang, schimpfte leise.
Das falsche Mysterium selbst saß am Fenster, angeschnallt und mit aufgestellten Ohren, versuchte auszusehen wie ein entspannter, furchtloser Hund. Chuuya, mit der Gabe der Schwerkraft geboren, hatte die Höhe nie gefürchtet, war gewöhnt daran mehrere Stunden zwischen Wolken zu verbringen - trotzdem schaffte er es nicht richtig, sich zu beruhigen, jetzt, da er seine Kraft nicht mehr hatte.

Während er selbst mit seinen Sorgen beschäftigt war, saß sein momentaner Schützling Kuchen futternd neben ihm, lehnte sich viel zu weit in seinen Sitz und machte das Leben der Leute hinter ihnen ein Stück miserabler als zuvor.

"Hm? Aber heute ist doch dein Geburtstag, wie könnte ich ihn nicht feiern? Da, willst du auch?"

Ein Stück Kuchen wurde ihm vor's Gesicht gehalten. Chuuya drehte sich weg. Er würde später essen. Auch wenn er seit Tagen nichts gegessen hatte und das gezuckerte Kuchenstück wie das leckerste auf der ganzen Welt aussah.

Ohne Essen auszukommen, ist nichts ungewöhnliches.

Er war damals immer ohne Essen ausgekommen, musste vor Hunger erst immer halb verrückt werden, bevor er es wagte andere Leute zu bestehlen. Später dann, in der Bande, war es so leicht, ganze Container ließ er verschwinden. Er hörte seinen Magen knurren, hörte das leise Lachen seines Schützlings, das verdächtig nach einem Husten klang, als dieser das Kuchenstück selber aß.

"Was stört dich nur daran? Hier dachte ich, wir könnten uns besser kennenlernen!"

Eine Flugbegleitung kam vorsichtig vor ihnen zu halt, verstummte dann, als der rot Haarige ihr ein Formular zeigte. Dasselbe wurde auch schon bei der Kontrolle vorgezeigt, Chuuya erinnerte sich noch daran. Die Frau entfernte sich wieder, der Flug begann und der ungewohnte Druck versetzte das falsche Mysterium vorübergehend in einen absoluten Schockzustand. Er hielt nicht lange an, denn seine Aufmerksamkeit wurde von Dazais Niesen, Stark genug um seinen verwundeten Arm aus der Binde zu reißen, beansprucht. Noch eins. Noch eins. Immer, immer wieder, bis Oda ihm vorsichtig die Tüte aus der Hand nahm, unter seinen Platz legte.

"Es bringt mir nichts, meinen 21. Geburtstag zu feiern, wenn mein wertvoller Freund an ihm stirbt, nur, weil er allergisch auf meinen Lieblingskuchen reagiert. Findest du nicht?"

Dazai antwortete mit einem Niesen. Chuuya, sichergestellt, dass sein Schützling nicht sterben würde, beziehungsweise in echter Gefahr schwebte, sah aus dem Fenster zurück – bereute es, seine Panik über einen Absturz kam sofort wieder. Er würde beim nächsten Mal nicht am Fenster sitzen. Andererseits würde Dazai den Zielort wohl kaum in zwei Jahren wieder verlassen. Chuuya sah weg von der in Wolken entschwinden Landschaft, ließ seinen Blick durch die Reihen in seinem Blickfeld schweifen. Ein schwarzhaariger Junge saß in ihrer parallel Reihe, ein Mädchen neben ihm. In einem Transporter befand sich ein Mysterium, das er als die Hündin, die vor ihm eingeteilt wurde, wieder erkannte. Braune Augen weiteten sich, als sie ihn sah. Kurz darauf wurde das Flugzeug von einem lauten Bellen erfüllt, brachte zwei der drei Kleinkinder zum Weinen.

"Higuchi, aus", ertönte dir Stimme des Kindes, klang streng und viel zu harsch, dafür, dass der Besitzer nicht älter als das jüngste Bandenmitglied von ihm sein konnte, noch jünger als der braun Haarige neben ihm.
Das Mysterium mit goldenen Feld wurde sofort still, sah ihn aber weiterhin aus ihren braunen Augen an, als würde sie auf eine Antwort warten.
Mysterien der gleichen Art konnten sich auch in Tiersprache untereinander verständigen, hatte der weiß Haarige gesagt. (Der eigentliche Grund, warum sie nicht als "Tarnmodelle" in den viel zu kleinen Käfigen gesessen hatten, der weiß Haarige redete nur ungern Menschensprache in dieser Form - und Chuuya verstand kein einziges "Miau" seines Partners in Tiersprache.)

Deshalb erwartete "Higuchi" nun, eine Antwort auf ihr Gebelle zu bekommen. Nur Verstand Chuuya, als falsches Mysterium, eben nichts als Gebelle. Nur Gebelle. Anstatt sie weiter anzusehen, sah er wieder aus dem Fenster, ignorierte die aufsteigende Panikwelle diesmal. Es passte ihm nicht, dass andere Mysterium so stehen zu lassen. Was konnte sie gefragt haben? Wie es ihm ging? Was etwas so einfaches? Warum er nicht in einem Transporter war? Eine empörte Frage? Vielleicht wollte sie wissen, was zu Hölle er sich gedacht hatte, war wütend wegen dem, was passiert war – vielleicht bat sie um Hilfe? Eine Hand legt er sich über seine Ohren, auf seinen Kopf, fuhr vorsichtig durch sein Fell, wie zuvor schon. Er schloss die Augen, überlegte, ob er den Kopf und damit die Hand seines Schützlings ab schütteln sollte. Die Hand war angenehm, was den Stress vor der Höhe etwas linderte.
Er ließ sie bleiben.

Als er sich dem anderen Mysterium wieder zuwandte, war es schon dunkel geworden, die Lampen innerhalb des Flugzeuges gingen an. Higuchi schlief bereits, sodass sich diese Sorge auf später verschob, von der Tatsache, dass er langsam auf Toilette musste, verdrängt wurde.
Da ein Hund schlecht durch das Flugzeug laufen und auf die Toilette gehen konnte, verdrängte er auch diesen Gedanken auf später. Das würde wirklich - ein langer Flug werden.

♦️

14 1/2 Stunden später hätte die Kraft der Landung ihn beinah zur Verwandlung gebracht, gerade so konnte er sich zurückhalten. Eine gute halbe Stunde später befanden sie sich in einem anderen schwarzen Wagen, fuhren eine hügelige Straße hinauf. Die Nachtluft war kühl, beim Betreten des Wagens liefen sie über Schnee, seine Pfoten waren eisig kalt, wurden beim Fahren (diesmal setzte sich Dazai nach vorne, ließ ihn frierend (ihm war nicht kalt. Nur seine Pfoten waren kalt und der Anschnallgurt störte) auf der Hinterbank zurück, sprach und lachte lauthals mit dem rot Haarigen, der fuhr.
Chuuya versuchte die Zeit zu nutzen um zu schlafen, - er sah in der Dunkelheit eh nichts. Generell, im Gegensatz zu Gehör und Geruchssinn, hatte seine Sehkraft sich nicht weiter verschärft, war dieselbe geblieben - gab es nach einem Hustenanfall (vielleicht war der Kuchen für den braun Haarigen gefährlicher als erwartet – hatte er nicht mindestens drei Stück davon gegessen?) seines Schützlings wieder auf.

Die Themen über die die beiden Menschen Sprachen, klangen locker und nostalgisch, zwei Freunde, die über eine lustige, gemeinsame Zeit zusammen redeten. Erst, als der Wagen anhielt und Oda fragte: "Soll ich noch mit rein kommen?", realisierte Chuuya, dass es ein Abschiedsgespräch gewesen war. Dazai schnallte sich ab, stieß die Tür auf.

"Vergiss es, er wird nicht froh darüber sein, dich zu sehen. Allerdings, wenn du mir aus dem Wagen helfen könntest, wäre ich dir sehr verbunden."

Sie ließen den Wagen und den rot Haarigen hinter sich, traten zurück in die eisige Kälte der Nacht. Vor der Tür angekommen, blieben sie stehen, hörten zu, wie der Wagen davonfuhr, damit das letzte elektronische Licht mitnahm.

"Tja, jetzt sind nur noch wir hier", sprach Dazai mit rauer, viel zu leiser Stimme, rieb sich mit der heilen Hand durchs Haar. "Wie fändest du es, wenn wir gar nicht erst klopfen, sondern unser Schicksal gleich von der Kälte entscheiden lassen?"

Chuuya antwortete nicht, fragte sich noch immer, ob der braun Haarige wirklich meinte, er würde ihn verstehen, oder einfach nur verrückt genug war, mit Tieren zu sprechen. Irgendwann seufzte Dazai unzufrieden, hob seine mittlerweile zitternde Hand zur eisernen Tür.

"Die Kälte wäre zumindest schnell und still gewesen. Na dann."

Mit drei kräftigen Schlägen (selbst in Tarnmodell Form hätte er besser zuschlagen können) an der Tür, machte der Junge ihre Anwesenheit bekannt; dumpfes Poltern tönte durch das dunkle Haus. Dann ging ein Licht an, schien durch das Fenster und unter den Schlitzen der Tür hindurch.
Die Tür ging auf und ein schwarzhaariger Mann stand in ihr; hinter seinen Beinen lungerten zwei weitere Gestalten, späten vorsichtig an ihrem Schutz vorbei.

All die Wärme, die von diesem Bild ausgegangen war, verflog, als der Mann anfing zu grinsen. Spöttisch. Vertraut. Gefährlich.

"Dazai-kun, willkommen zurück."

Sein Schützling merkte es auch, er konnte den schneller werdenden Herzschlag hören, spürte die unmerkliche Bewegung in seinen Beinen. Trotzdem, als Chuuya zu ihm hoch sah, lächelte der braun Haarige, wirkte wie die Ruhe selbst.

"Schön wieder hier zu sein, Mori-san."

Von blutigen Schleifen und schwarzen Tränen Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt