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Weil Schicksal und er momentan in einem komplizierten Verhältnis zu einander standen - was wahrscheinlich mehr mit der Hexe zu tun hatte als mit all dem Mist den er bis jetzt angestellt hatte - saßen sie nach endlos vielen Stunden nun wieder in einem Flugzeug.
In einem Privatflugzeug, um nochmal deutlich klar zu machen, dass Dazais momentaner Vormund reich war.
Falls es sein Vormund war. Chuuya schwankte noch zwischen legal und absolut korrupt, denn es wirkte nicht so, als ob das Kind neben ihm wirklich hier sein wollte. (Vielleicht war es ja seine Aufgabe Dazai hier raus zu holen? Auf der Flucht in einem fremden Land, ohne Geld, Sprachkenntnisse oder einer tauglichen Fähigkeit? Sie könnten genauso gut in der Kälte auf ihr Ende warten. Leben kostete schließlich immer was, ohne Ausnahme. Er würde keine Pfote krümmen, soviel stand fest.)

Diesmal saß er in der Mitte, als das Flugzeug abhob. Es war genauso schlimm, wie am Fenster zu sitzen, machte für ihn keinen Unterschied. Er wollte seine Fähigkeit zurück, wirklich.

Ihr Fahrer saß am Fenster, hatte sich Kopfhörer (oder waren es Ohr-wärmer?) gekauft, mittlerweile aufgegeben, den braun Haarigen in ein Gespräch zu verwickeln. (Die ganze Fahrt zum Flughafen hatte er es versucht, fast schon bemitleidenswert gewirkt.)
Chuuya sah zu seinem Schützling, der immer noch in seinem Buch blätterte, von den Turbulenzen absolut unbewegt blieb. Es wurde ein langer, schweigsamer Flug, genau so schweigsam wie die Fahrt zuvor. Es gab Chuuya genug Zeit über 30 verschiedene Absturz-Szenarien nachzudenken, sich verrückt zu machen.

Im Flughafen liefen die Leute - keine Japaner, zumindest zum größten Teil nicht - alle wild umher, so nah, dass sie fast auf seine Pfoten traten, ohne runter zu schauen, ohne anzuhalten. Er mochte es gar nicht; es wurde immer verlockender sich einfach in Menschenform zurück zu verwandeln.

(Sie waren schon letztes Mal hier gewesen. Das war der Flughafen, auf dem sie ursprünglich gewesen waren; von hier aus hatte Oda sie zum Anwesen von Mori gefahren. Durchgängig. Ohne zweiten Flug. Und es hatte nicht annähernd so lange gedauert; es ging nicht auf. War die Fähigkeit Zeit, oder war sie Raum? Oder hatte er sein Zeitgefühl einfach nur hoffnungslos verloren? War er bewusstlos geworden, ohne es zu bemerken?)

Als sie den Flughafen endlich verlassen hatten, hieß es, dem Fahrer zu folgen, der sie zu und in ein Taxi führte, vor einem Gebäude anhalten ließ, das sich beim Betreten als Hotel herausstellte. Einer der Angestellten kam gleich auf sie zu, fuhr den braun Haarigen an, dass der Hund (also er) nichts hier verloren hätte, sie sich gefälligst raus scheren sollten. Sein Schützling hob daraufhin lediglich eine Augenbraue, wirkte irritiert.

Der Fahrer erklärte dem Angestellten, dass es besser wäre wenn er sie einfach nur zum gebuchten Raum führen würde, der "Boss" es selber so angeordnet hatte. Daraufhin entschuldigte der Mann sich und brachte sie zum Fahrstuhl, während der Junge neben ihm sich wieder gefangen hatte, die Umgebung mit dem gleichen Blick bedachte wie alles andere. Sie bekamen ein Zimmer, der Fahrer (hatte er sich vorgestellt? Er hatte sich wahrscheinlich vorgestellt) verabschiedete sich, meinte er würde sie später zum Essen abholen und ging. Als die Tür zu fiel, hörte er das gar lautlose drehen eines Schlosses.

Dazai sah zur Tür bis die gar lautlosen Schritte sich entfernt hatten, ehe er sich aus seinem Mantel wälzte, seufzte und auf dem Bett zusammensank. Erbärmlich. Sein Schützling sah erbärmlich aus, durch und durch. Chuuya tappte zu ihm rüber, sprang neben ihn aufs Bett - da er realisiert hatte, dass es Dazai nicht egaler sein könnte. Gut für ihn. Ein entspanntes Leben war eines, das sich leichter leben ließ als ein miserables. Sein Kopf wurde getätschelt, und der braun Haarige ließ sich rückwärts auf die Matratze fallen, die gefalteten Blätter wieder in seinen Händen.

"Glaubst du, wir schaffen es durchs Fenster?"

Chuuya sah zum Fenster, legte seinen Kopf einen Moment später wieder hin. Nie und nimmer, diese Arme konnten nicht mal das Gleichgewicht ihres Besitzers halten, geschweige denn sein Gewicht. Es wäre leichter zu warten, bis sie raus gelassen wurden, dem Fahrer das Genick zu durchbeißen und anschließend das Hotel zu verlassen. Nicht weniger unmöglich, nur mit weniger gebrochenen Knochen seines Schützlings. Nicht, dass Chuuya vor hatte was zu tun. Garantiert nicht.

"Du bist ganz schön langweilig für ein Mitbringsel, weißt du das? Man hätte dich im Heim einschläfern sollen."

Er leckte sich über die Schnauze, reagierte nicht. Plötzlich war das Gesicht des anderen vor ihm, starrte ihn direkt an. "Wirklich; was soll das? Du isst nicht, du bellst nicht, du sprichst nicht mal! Was kannst du eigentlich? Selbst einen Namen konnten sie dir nicht mitgeben. Haben sie dich so sehr loswerden wollen?"
Bittere Worte eines verwöhnten, einsamen Kindes. Musste schön sein, sich in solchem Luxus beschweren zu können. Allein das Zimmer musste ein Vermögen gekostet haben.

"Vielleicht nenne ich dich Fluffy. Oder Sir Nutzlos der Erste. Kotlecker wäre auch eine Option, oder doch lieber Moris Untergang? Mir gefallen die letzten zwei besonders gut."

Der letzte hatte was. Aber nicht genug um auf die Selbstgespräche zu reagieren. Chuuya blieb still, und nach einer Weile folgte Dazai seinem Beispiel, wurde so regungslos dass man meinen könnte, er wäre eingeschlafen.

Schließlich wurde die Tür wieder aufgeschlossen, der noch immer namenlose Fahrer betrat den Raum ohne zu klopfen, das breite Lächeln noch immer in seinem Gesicht. "Komm Dazai-san, gleich geht es los. Der Hund kann solange-"

"Der Hund kommt mit."

"Sei nicht albern, du bist doch kein Kind mehr. Das Restaurant lässt keine Haustiere-"

"Dann such ein anderes Restaurant." Dazai, schon längst wieder aufgesprungen und die Zettel versteckt, stand nun im Zimmer herum wie eine verwahrloste Puppe, blickte gleichgültig am Mann vorbei.

"Aber das geht nicht. Mori-san hat den Ort eigenhändig ausgesucht, und wir essen nicht alleine. Mach dir keine Sorgen, ich organisiere was zu essen für dein Spielzeug, sogar jemand der mit ihm raus geht-"

"Nein", unterbrach der braun Haarige ihn, zu schnell, der leichte Hauch von Panik zu spät unterdrückt. "Wenn das die Umstände sind, lässt es sich nicht ändern. Ignorier das Vieh einfach, kümmere dich nicht weiter darum." Dazai ging zu seinem Mantel, zog ihn vorsichtig an, nur um anschließend geradewegs am Fahrer vorbei, raus aus dem Raum zu humpeln, einen Schritt nach dem nächsten.

"Lass uns gehen, Rimbaud-san."

Der Fahrer kicherte fast, nickte, verließ das Zimmer ebenfalls, ohne ihn ein weiteres Mal anzuschauen. Erneut ging die Tür zu, erneut wurde er eingesperrt.
Das falsche Mysterium rührte sich eine Zeit lang nicht vom Fleck, ignorierte die in ihm eingepflanzte Sorge gekonnt, streckte die Pfoten aus. Korrupt. Definitiv korrupt, sein Instinkt war viel zu laut um nicht darauf zu vertrauen.

Andererseits war er wegen seinem Instinkt nun ein Hund und lag in einem überteuerten Hotelzimmer.

Was kümmerte es ihn eigentlich? Es war nur ein Essen und die eventuelle Gesellschaft von grotesken Gesichtern mit grotesken Meinungen; das schlimmste das seinem Schützling passieren konnte war der Verlust seines Appetites.

(Was schlimm war. Dazai sah auch so schon viel zu mickrig aus. Er brauchte das Essen.)

Chuuya blieb wo er war.

Blieb wo er war, wartete. Wartete, hörte der Uhr beim Ticken zu, eine Sekunde nach der anderen. Er wälzte sich im Bett auf und ab, aber es brachte nichts, eine bequemere Position ließ sich nicht finden. Auch nachdem er sich zurück verwandelt hatte; keine Chance.
Dem Kind hinterher zu laufen, machte keinen Sinn, würde zu dem zusätzliche Probleme bereiten. Er würde essen und wieder zurückkommen.

(Oder erschossen werden.)

Die Tür war immer noch abgeschlossen als er die Klinke runter drückte. Er hätte nie gedacht dass ihm einfaches Holz einmal so sehr das Leben erschweren würde. Ohne seine Kraft würde er sich dagegen schmeißen müssen, bis sie nachgab. Wie lange würde das dauern, Stunden? Er hatte keine Stunden, er würde den Geruch verlieren. Der rot Haarige seufzte, wandte sich mit wachsenden Kopfschmerzen von der Tür ab.

Ob er es durchs Fenster schaffte?

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⏰ Letzte Aktualisierung: Nov 02, 2021 ⏰

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