Kapitel 28

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Kapitel 28

Die zierliche, strahlende Hand hielt die Klauen einfach fest. Egal wie stark sie rüttelten, sie konnten sich nicht aus der Hand befreien. Am Ende der Klauen wurde ein Maul weit aufgerissen und ein wutentbrannter Schrei gellte aus dem Schlund. Die Raserei in ihm stieg bis ins Unermessliche.

„Es ist vorbei", flüsterte die leuchtende Gestalt und richtete sich auf.

Hinter ihr öffnete Christopher seine Augen und starrte sie an. Er musste mehrfach Blinzeln um sicher zu gehen, dass er keine Halluzinationen hatte. Doch da stand sie. Ihr Körper leuchtete wie eine monddurchflutete Nacht. Feine Sterne glitzerten auf ihrer Haut. Selbst ihre sonst so feuerroten Haare waren der tiefen Nacht gewichen.

„Miray...", hauchte er und richtete sich taumelnd auf. Sein Körper war fast am Ende.

Sie drehte den Kopf leicht zu ihm und schenkte ihm ein unglaubliches Lächeln. Voller Wärme und Aufrichtigkeit.

„Helios. Ich habe endlich erkannt, was es bedeutet, ich zu sein."

Wieder drehte sie den Kopf und sah Dominic an. Sie musterte seine deformierte Gestalt von oben bis unten. Der liebevolle, aufmerksame und gewissenhafte Mitbewohner war schon vor langer Zeit verschwunden. Er musste einem machthungrigen und besessenen Geist weichen.

Miray ließ seine Klauen los. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Immer näher schritt sie auf ihn zu, während er sich keinen Millimeter rührte. Als sie dicht vor ihm stand, legte sie sanft eine Hand auf seinen überdimensionalen Arm. Ihre Fingerspitzen streichelten darüber.

„Es ist vorbei...", flüsterte sie abermals. Die Luft knisterte. Feine Blitze durchzuckten die Welt. Dominic ging in die Knie. Sein Körper schien zu schrumpfen und wieder normale Formen anzunehmen.

Christopher war an Mirays Seite getreten. Seine Augen hafteten fest auf Dominic, während seine Hand die ihre suchte. Sobald ihre Finger miteinander verflochten waren schwor er sich, sie nie wieder los zu lassen.

„Wie...so...?!", röchelte Dominic. Die Verwandlung seines Körpers zurück in die Formen eines menschlichen schien schmerzhaft zu sein. Immer wieder windete er sich oder versuchte sich von der Berührung Mirays zu lösen; schaffte es jedoch nicht.

„Helios und ich. Wir sind dafür da über all jene zu wachen, die sich selbst verloren haben. All die Alp hier...verlorene Seelen auf der Suche. So wie du."

Dominics Augen weiteten sich. Er verstand erst nicht, was sie ihm damit sagen wollte.

„Du bist schon lange tot, nicht wahr?", setzte Miray dann hinterher.

Es durchzuckte ihn. Immer wieder tauchten Erinnerungsfetzen vor seinem Auge auf. Wie er als Kind gespielt hatte und von seinem Vater dafür geschlagen wurde. Wie er gezwungen wurde zu trainieren und zu lernen. Wie er seine Mutter vermisste. Wie er durch Konstantins Hand starb, als dieser ihm im Alter von 17 ein Messer in den Rücken rammte. Wie ein Alp von Konstantin geleitet in seinen Körper fuhr und ihn am Leben erhielt. Wie er nach der Pfeife anderer tanzte, während sein Geist tief im Körper eingesperrt blieb.

„Tot...", nuschelte Dominic. Mit einem Mal entfachte ein entsetzlicher Schmerz in seiner Brust. Er krümmte sich zusammen, sein Arm immer noch in der Berührung von Miray gefangen. Er spürte wie eine Gittertür aufgestoßen wurde. Ein Kampf entbrannte in seinem Inneren, der schnell entschieden wurde. Aus seinem Mund stieß sich eine dunkle Rauchwolke und manifestierte sich in Gestalt eines phänomenalen Alps.

„Ich bin tot...es tut mir leid...", hauchte er noch, ehe sein Körper in sich zusammensackte und einfach zu Boden ging. Eine einsame Träne rann über seine Wange und tropfte auf den schwarzen Boden.

Wanderer - Dreamcatcher ✔ WattyWinner 2019Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt