Große Reden schwingen

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Ich war immer schon schlechter darin gewesen, mir Lügen auszudenken, als ich mir gewünscht hatte. Die Gabe, mit Worten zu fesseln, hatte ich nicht von Vater geerbt, ich war der stille Typ. Ich war der Typ von Mensch, der unter Blicken anderer unsicher wurde und sich am liebsten unsichtbar machen wollte. So auch jetzt.

„Wieso lügst du uns an Alecto?", stellte Hermine die Frage. Ich rutschte unbeholfen auf der Sitzbank hin und her und kaute auf der Unterlippe herum.

Sollte ich doch einfach wegrennen? Um Zeit zu schinden stopfte ich mir Kartoffeln in den Mund und nahm zwei kräftige Schlucke Kirschsaft.

Sollte ich sie mit wenigen Informationen füttern und damit an der Stange halten, oder aufgeben und sie verscheuchen? Leider blieb mir zu wenig Zeit, um mir wirklich Gedanken darüber zu machen.

„Wir glauben, dass du die Schrift auf die Wand geschrieben hast, vielleicht sogar zusammen mit Malfoy." Harrys Anschuldigung kam unerwartet.

Ich verschluckte mich und begann lautstark zu husten. War ich letztes Jahr nicht schon einmal in einer solchen Situation gewesen?
Ron neben mir klopfte mir auf den Rücken und schob schnell meinen Teller weg, damit ich nicht auf die Idee kam, noch mehr zu essen, um Zeit totzuschlagen.

Ich beruhigte mich wieder, nahm noch einen Schluck Kirschsaft, bevor mir auch der vor der Nase verrückt wurde.

„Wisst ihr", ich musste einfach improvisieren, „ihr habt keinerlei Beweise, um mich zu beschuldigen. Ich verstehe, wenn ihr misstrauisch seid, doch ich hätte auch Gründe, um euch zu misstrauen. Ich würde also vorschlagen, wir tun uns zusammen und suchen den oder die Schuldige."

Das Ende betonte ich mit einer feierlichen Geste, indem ich zu grinsen begann und die Arme ausstreckte. Ich könnte über mich selber kotzen.

Die drei Gryffindors wechselten ein paar Blicke, begannen kurz zu tuscheln und nickten schließlich zustimmend.

„Dass wir dir vertrauen, haben wir aber nie gesagt, klar?!" Ich nickte Hermine zu.

„Und dass wir jetzt auf Freunde tun auch nicht", kam es ausgerechnet von Ronald.

Ich konnte es nicht lassen, spöttisch über ihn eine Augenbraue hochzuziehen. Er war echt lächerlich.
Trotzdem stimmte ich natürlich zu; ich wäre sonst echt blöd gewesen, dieses einmalige Angebot auszuschlagen und freute mich wie ein Honigkuchenpferd.

Die nächsten Tage versuchte ich verzweifelt, die drei von meiner Unschuld zu überzeugen. Besonders gut klappte das aber glaube ich nicht. Sie taten zwar nicht mehr so, als wären sie die Richter und ich die Verdächtige, doch insgeheim überlegten sie bestimmt weiterhin, wie sie mich überführen konnten.

Ich versuchte das Beste daraus zu machen, indem ich all meine Prinzipien über Bord warf und sogar zu lächeln begann, wenn einer der Drei den Raum betrat.

Am Abend versuchte ich mit Hermine über den Schultag zu sprechen, in der Früh besuchten wir zusammen die Bibliothek und beim Essen erkundigte ich mich bei Harry wegen Quidditch und bei Ronald wegen seiner Familie.

Sonst ließ ich den drein aber ihren Freiraum, wirklich dabei haben, wollten sie mich schließlich immer noch nicht.

Emmeline hatte einmal gesagt, sie hätte in ihrer Schulzeit als Gryffindor Streit mit Slytherins gehabt.

Sie wäre jedoch ganz und gar nicht stolz darauf und würde es gutheißen, wenn ich mit beiden Häusern zurecht käme. Dass das der Fall war, wurde mir nach einem äußerst turbulenten Zwischenfall am Eulenturm klar.

Zusammen mit Hermine, Harry und Ronald ging ich gerade die Stufen zum Eulenturm hinauf - ich versuchte mich derweil beim Gespräch der drei über Snape zu beteiligen - als Draco gefolgt von Grabbe und Goyle unseren Weg kreuzte.

Nach Hermines genervten Aufstöhnens zu urteilen, hatte es schon die ein zwei - vielleicht auch mehr - Auseinandersetzungen zwischen Draco und Harry gegeben.

Gerüchte waren mir darüber auch schon zu Ohre gekommen. Auf jeden Fall sah niemand besonders froh darüber aus, dem anderen über den Weg gelaufen zu sein.

„Malfoy", begann Harry den äußerst feindseligen Auftakt. Fast schon knurrend versperrte er dem Slytherin den vereisten Durchgang hinunter. Vermutlich wäre dies jedoch gar nicht von Nöten gewesen. Wütend verschränkte Draco nämlich seine Hände und zischte mindestens genauso feindselig den Namen des Gryffindors.

Hermine legte beruhigend eine Hand auf Harrys Arm. Ich tastete unterdessen vorsichtig nach meinem Zauberstab.

„Du hast dich noch nicht bei Hermine entschuldigt, Malfoy!"

„Dafür, dass ich das Schlammblut 'Schlammblut' genannt habe?" Draco lachte schallend auf, seine Anhängsel grunzten hinter ihm.

Hermine währenddessen wurde rot, Harry so sauer wie eine Zitrone. „Wie kannst du es wagen?"
Ronald zog seinen Zauberstab. Blitzschnell und ohne groß darüber nachzudenken schlug ich jedoch seine Hand zurück und sprang selber mit gezücktem Stab zwischen die Slytherins und Gryffindors. Alle Blicke waren auf einmal auf mich gerichtet.

Ich brauchte einige Sekunden, um mir meiner Situation bewusst zu werden und schließlich irgendwelche Wörter zusammenzuschustern: „Ich wollte nie nach Gryffindor, Draco. Mein Wunsch wäre es gewesen, in Slytherin einen Platz zu finden und mich mit Menschen aus diesem Haus anzufreunden.

Jetzt bin ich aber hier und so wenig ich es für möglich gehalten habe, nachdem ich ein hartes Jahr gehabt habe, weiß ich nun, dass es auch Gryffindors gibt, die man mögen kann. Es wäre nur schön, wenn das auch andere erkennen würden."

Hatte ich vor ein paar Stunden noch gedacht, ich wäre die größte Niete in große Reden zu schwingen, war ich jetzt umso stolzer auf mich. Es war vielleicht nicht das beste, was man hätte sagen können und auch nicht hübsch formuliert, angekommen schien es aber allemal gekommen zu sein. Blieb nur noch zu überlegen, warum genau ich das sagen hatte wollen.

Etwas, was nicht einmal wirklich ernst gemeint war, was so aus dem Nichts kam, dass ich mir schon Sorgen um mein Unterbewusstsein zu machen anfing.

Sprachlos sahen mich die sechs nun an, keiner rührte sich. Nur die Eulen schuhuten in die unangenehme Stille hinein und zeigten, wie viel Zeit verstrich.

„Gehn' wir ... Harry, Ron." Hermine schob ihre Freunde langsam an den Slytherins vorbei. Mit mulmigen Gefühl und dem Wissen, dass das nicht alles sein konnte, folgte ich ihnen. Draco schenkte mir beim Vorbeigehen einen komischen Gesichtsausdruck. Nicht wütend, nicht überzeugt, nicht stolz, nicht fragend, einfach komisch.

Unsere Schritte knirschten auf den vereisten Stufen. Keiner sprach ein Wort. Vermutlich wusste niemand, wie er anfangen sollte.

Schließlich war es Ronald, der oben angekommen die ersten Worte fand. Natürlich aber nicht an mich gerichtet, das traute er sich immer noch nicht. Vielleicht sollten er und ich doch auch einmal unter vier Augen sprechen? Ich hatte das Gefühl, unser ungeklärtes Geheimnis tat der aufbauenden Beziehung zwischen Harry und mir nicht gut.

„Harry, Hermine, Alecto, meint ihr, wir sollten nicht langsam zurückgehen? Es wird schließlich bald dunkel und das Essen beginnt in ... äh drei Stunden." Wir nickten zustimmend.

Die zwei Eulen mit Ronalds und Hermines Briefen waren früher nicht mehr zu sehen, als dass wir die ersten zehn Stufen hinunter gegangen waren.

Die Tochter des dunklen Lords (Harry Potter Fanfiction)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt