Geisterkind (2. Version)

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Das Mädchen das ich sah, hatte kurze schwarze Haare und ein kindliches Gesicht. Sie trug einen blau-weißen Matrosenanzug, welcher sie als Mitglied der Miyami Grundschule auswies. Aber irgendwie, sah sie nicht aus wie die anderen Grundschüler. Ihre Gestalt war irgendwie anders, klar und doch leicht zu übersehen. Ich war mir sicher das solch ein Mädchen viele Freunde hätte haben können, wenn es doch nur bemerkt würde. 

Aber ich bemerkte sie. Ich lächelte sie an "Guten Morgen!" sagte ich zu ihr, als ich an ihr vorbei ging. Sie lächelte, ihr Gesicht strahlte regelrecht. Ich ging weiter, doch sie blieb am Tor stehen.

Als ich nach der 5. Stunde die Schule wieder verließ, stand sie immer noch am Tor. Ich blieb stehen und schaute sie an. Ich weiß nicht wie lange das so ging, aber lange genug damit merkwürdig wurde. Ich wunderte mich über das Durchhaltevermögen des Mädchens. Und ich wunderte mich, dass es die Schule nicht betreten hatte. Doch vor allem wunderte ich mich darüber, dass ich sie bis heute noch nie bemerkt hatte. "Wie heißt du?" fragte ich sie, doch zur Antwort, bekam ich lediglich ein lächeln. Naja das war irgendwie auch eine Antwort. Aber da dass Mädchen keine Anstalten machte auf eine andere Art zu antworten, ging ich an ihr vorbei und machte mich auf den Weg nach Hause. 

Nachdem ich schon ein Stück gegangen war, drehte ich mich noch einmal um da ich das Gefühl hatte beobachtet zu werden. Das Mädchen stand hinter mir, sie war mir offenbar nachgelaufen. Mir machte es zunächst nichts aus, ich ging einfach weiter. Aber als ich zu Hause ankam, stand war sie immer noch hinter mir. Das war schon ziemlich merkwürdig, ich hätte sie doch bemerken müssen, wenn sie hier in der Gegend wohnen würde. Und jetzt? "Möchtest du vielleicht mit zu mir kommen?" fragte ich sie stirnrunzelnd, zur Antwort nickte sie. "Dann sag mir wenigstens deinen Namen und warum du mir gefolgt bist!" sagte ich etwas schroff, denn meine Mutter hatte mir verboten mir unbekannte Menschen mit nach Hause zu bringen. Sie schaute nur betroffen auf den Boden, blickte wieder zu mir auf und flüsterte: "Drinnen!" dieses eine Wort reichte aus und sie gewann meine Zuneigung. Ihre stimme war Glockenhell und irgendwie rein. "Na dann komm!" forderte ich sie auf und schloss die Tür auf, meine Schwester war anscheinend noch nicht zu Hause, also war das Haus bis auf uns beide leer.

"Möchtest du was essen? Ich kann für uns beide kochen!" fragte ich und wieder nickte das Mädchen. Sehr Gesprächig schien sie ja nicht gerade zu sein. "Gut dann setzt dich während ich koche" forderte ich sie auf und begann damit Gemüse zu schneiden und Reis zu kochen. Als das Essen fast fertig war, deckte ich den Tisch und setzte Tee auf, dann aßen wir gemeinsam aber schweigend, nur einmal hob das Mädchen den Kopf und lächelte mich an um gleich darauf weiter zu essen. Nach dem Essen sagte sie weiterhin einsilbig "Lecker!" Ich freute mich darüber dass ihr die Mahlzeit geschmeckt hatte, aber so langsam wurde ich doch neugierig mit wem ich es hier eigentlich zu tun hatte. Meine Neugier sollte bald Befriedigung finden, nach einer kurzen Pause begann sie ohne weitere Aufforderung von sich zu erzählen:

"Mein Name ist Megumi Miwako, ich bin 12 Jahre alt und im Jahr 1967 geborgen." Ich war erstaunt "Aber ich bin ebenfalls 12 und wurde 1997 geboren! Das ist doch nicht möglich, wie kann das sein?" Sie hob den Kopf und schaute mir direkt in die Augen "Ich starb im Jahr 1979  an den Folgen Autounfall und deshalb bin ich immer alleine und habe keine Freunde. Ich suche schon sehr lange nach einem Medium dass mich bemerkt und mich bei sich aufnimmt. Bitte lass mich bei dir wohnen." flehend sah sie mich an, dabei verbeugte sie sich vor mir. Ich war verwirrt "Medium?" fragte ich. Megumi sah anscheinend das ich nicht wirklich verstand wovon sie sprach also begann sie zu erklären "Das sind Menschen die Geister sehen und manchmal auch mit ihnen kommunizieren können." noch immer verwirrt nahm ich ihre Erklärung auf "Medium, Geister... mal angenommen du erzählst die Wahrheit. Warum kann dann ausgerechnet ich Geister sehen und mit ihnen sprechen? Und warum ist mir das dann bis jetzt noch nicht aufgefallen? Und warum möchtest du ausgerechnet bei mir wohnen?" fragte ich nach. Megumi zögerte, sagte dann aber "Warum du ein Medium bist, kann ich dir jetzt noch nicht sagen, weil ich es nicht weiß, vielleicht lerne ich den Grund kennen wenn ich dich besser kennen lerne. Und ich möchte bei dir wohnen weil du das erste Medium bist, dem ich überhaupt begegnet bin. Es gibt nicht so viele von deiner Sorte. Bitte lass mich bei dir wohnen, wo soll ich denn sonst hin?" In ihren Augen stand die Angst, Angst vorm allein sein, Angst davor zurückgewiesen zu werden. Also gab ich nach, ab heute hatte ich eine neue Mitbewohnerin und meine Schwester und mein Vater würden sie nicht einmal bemerken.

5 Jahre später
Inzwischen bin ich 17 Jahre alt, doch Megumi sieht immer noch genauso aus wie zu unserer ersten Begegnung. Bis heute hat sie mir nicht erzählt wieso gerade ich zu einem Medium geworden bin, obwohl ich mir sicher bin dass sie die Antwort inzwischen kennt. Langsam formen sich Worte in meinem Kopf, mein Mund möchte gerade die Frage aussprechen, da kommt mir Megumi zuvor: "Du möchtest wissen warum du ein Medium geworden bist." stellt sie fest. Ich nicke nur und frage gar nicht erst woher sie das wusste. Megumi ist ein Geist und Geister sind nun mal anders. Ich warte auf ihre Erklärung, aber sie lässt sich Zeit, wie immer doch schließlich erläutert mir Megumi  endlich ihre Theorie. "Es ist vermutlich, weil du einen großen Verlust erlitten hast. Du musstest schließlich in jungen Jahren miterleben wie deine Mutter starb. Du warst in nächster nähe und hast schwer darunter gelitten. Dazu kommt noch dass sie keines natürlichen Todes gestorben ist, es war ein Mord. Solch traumatische Ereignisse verändern Menschen, dich hat es den verstorbenen näher gebracht. Gerade deshalb hast du die Gabe Geister zu sehen. Vielleicht auch um Kontakt zu deiner Mutter aufnehmen zu können, dich zu verabschieden. Du kannst sie suchen, wirst du es tun?" Ich schweige, ich bin mir sicher das Megumi die Antwort bereits kennt. Ich werde sie suchen, auch wenn es Ewigkeiten dauert. Wenn ich schon diese Fähigkeit habe, sollte ich diese auch nutzen. Megumi schaut mir in die Augen "Dann lass uns gehen, wir werden sie finden."

Sammlung Geisterhafter KurzgeschichtenWhere stories live. Discover now