Mein Körper zitterte und ich schaffte es kaum, die Hand an den Türgriff zu legen, geschweige denn diesen zu bewegen.
Nervosität hemmte das Adrenalin in meinem Körper, und sie hielt mich davon ab, der Aufforderung meines Coaches nachzukommen. Vor wenigen Sekunden hatte sie meinen Namen aufgerufen und ich sollte mich schon längst auf den Weg zu ihr gemacht haben. Stattdessen stand ihr vor der verschlossenen Tür, starrte das fahle Holz an, aus dem diese geschaffen war und brachte es nicht fertig, meinen Puls zu kontrollieren.
Mein gestriger Tag war davon geprägt gewesen, Pro und Kontrapunkte auf einer Liste aufzuführen und diese immer wieder neu gegeneinander abzuwägen.
An meinem ersten und letzten gemeinsamen Abend mit Lennox hatte dieser mich dazu überreden wollen, auf die Wünsche in meinem Inneren zu hören, ohne die Angst mit mir zu tragen, ob meine Mutter stolz auf mich sein würde. Trotz der Enttäuschung, die ich nur einen Tag später durch ihn erfahren hatte, hefteten sich meine Gedanken an die ermutigenden Sätze, die schließlich ein großer Faktor in der Entscheidung gewesen waren.
Vielleicht war es absurd, die Stimme meiner Mutter gegen jene zu ersetzen, deren Ziel es nicht gewesen war, in meinem Leben zu bleiben. Je öfter ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu dem Entschluss, dass Lennox nur das ausgesprochen hatte, was ich tief in meinem Inneren schon gewusst hatte. Er hatte mir nur die Bestätigung gegeben.
Kurz vor dem Beginn meines Castings blieb mir schlichtweg nichts anderes mehr übrig als darauf zu vertrauen, dass meine Mutter spätestens am Ende der Saison doch ein wenig stolz gewesen wäre.
Ein letztes Mal sog ich Luft durch meine rasselnden Lungen, bevor ich endlich die Tür aufdrückte und nach innen marschierte. Laut meinen Informationen war ich die sechzehnte, die sich in diesem Jahr bewarb. Von neunundzwanzig. Neun würden dieses Jahr enttäuscht werden.
Ich platzierte mich in der Hallenmitte, ließ meinen Blick über die Bewerber auf der Tribüne schweifen, die bereits vor mir angetreten waren und richtete meine Augen dann auf Coach Clinton. Sie saß wie im letzten Jahr an einem eigenen Tisch, auf dem sie einen Haufen Blätter, eine Kaffeetasse und den gesamten Inhalt ihres Mäppchens verteilt hatte.Entspannt lehnte sie in ihrem Stuhl, ignorierte das leise Getuschel hinter ihr geflissentlich und richtete ihren Blick auf mich. Ich glaubte, ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen zu entdecken. Die Tatsache, dass mein Coach aber dafür bekannt war, wenige bis keine Emotionen zu zeigen, ließ mich an meinen Augen zweifeln.
„Ich bin Cartia Carlyle und ich war bereits im letzten Jahr ein Teil des Teams", fing ich mit der Vorstellung an. Mir war bewusst, dass sie mich vermutlich noch kannte, dennoch war dieser Einstieg einer, den ich erbringen musste. Der Form wegen.
Ich hatte die Hände hinter meinen Rücken verschränkt, nicht zuletzt um zu verbergen, wie stark sie nach wie vor zitterten. Meine Haare wogen in dem strengen Pferdeschwanz noch mehr als üblich und ich hatte bereits jetzt das Gefühl, die Kopfschmerzen spüren zu können.Ich biss mir auf die Unterlippe und richtete meinen Blick unbeirrt weiter nach vorne. „Es gibt nicht viele, die zwei Jahre in Folge in mein Team wollen, Cartia", setzte der Coach an. Ich stockte und mein Herz setzte einen Moment aus. Hörte ich da etwas wie.. Bewunderung in ihrer Stimme? War das möglich?
„Warum willst du dir das Training noch ein Jahr antun?", fuhr sie fort.
Ihre Augen wiesen jegliche Emotionen von sich und auch ihre Körperhaltung war so nichtssagend und ausdruckslos, dass ich spürte, wie die Hitze in meine Glieder kroch. Was war, wenn ich mich geirrt hatte? Wenn sie es im letzten Jahr gar nicht hatte erwarten können, mich loszuwerden und nun genervt davon war, dass ich wieder vor ihr stand?
Mein Blick huschte von ihr zu den Mädchen und einigen Jungs, die hinter ihr in kleinen Gruppen saßen. Einige von ihnen erkannte ich. Sie waren eine Stufe unter mir oder hatten schon letztes Jahr beitreten wollen, waren jedoch ausgeschieden. Auch ein paar Unbekannte Gesichter waren zu erkennen. Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse, deren Augen größer waren als meine Handflächen.
„Ich habe es immer geliebt, eine Cheerleaderin zu sein. Auf dem Feld zu stehen, und unsere Mannschaften anzufeuern. Außerdem möchte ich dieses Jahr unbedingt die Nationals mit dem Team gewinnen." Meine Stimme war fester als ich es geglaubt hatte, doch sie gab mir weitere Sicherheit und sorgte dafür, dass ich die Schultern durchstrecken, den Kopf heben konnte.
Letztes Jahr waren wir nicht gut genug gewesen, um den Pokal der Nationals und den Titel mit nach Hause zu nehmen und wenn ich darüber nachdachte, überkam mich der Ehrgeiz noch mehr. Ich wusste, dass wir das Potenzial dazu hatten. Wir mussten es nur vollkommen ausschöpfen.
Coach Clinton nickte und kritzelte etwas auf ihre Blätter, bevor sie wieder aufsah. „Auf welcher Position siehst du dich?", fragte sie weiter.

DU LIEST GERADE
Paralyzed | ✓
Teen Fiction𝑺𝒆𝒊𝒕 𝑾𝒐𝒄𝒉𝒆𝒏 𝒃𝒆𝒇𝒊𝒏𝒅𝒆𝒕 𝒔𝒊𝒆 𝒔𝒊𝒄𝒉 𝒊𝒎 𝒇𝒓𝒆𝒊𝒆𝒏 𝑭𝒂𝒍𝒍 - 𝒆𝒓 𝒉𝒂𝒕 𝒆𝒔 𝒔𝒊𝒄𝒉 𝒛𝒖𝒓 𝑨𝒖𝒇𝒈𝒂𝒃𝒆 𝒈𝒆𝒎𝒂𝒄𝒉𝒕, 𝒔𝒊𝒆 𝒂𝒖𝒇𝒛𝒖𝒇𝒂𝒏𝒈𝒆𝒏. Cartia hatte in ihrem Leben alles, was sie sich wünschen konnte, bis d...