Kapitel elf | Schule ist für'n Arsch

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Es war Montag. Mittagspause. Wir hatten sie ‚Die Zeit des Tages, in der die Kinder, die sich kein Essen in der Kantine leisten können (ist sowieso Geldverschwendung) planlos durch die Gegend laufen müssen' getauft. War nicht sonderlich kreativ, aber klang nicht so ätzend wie Mittagspause. So als würden wir schon seit 60 Jahren in der selben Firma arbeiten und zur Mittagspause ein Sandwich essen, was uns unser Partner zubereitet hat. Die Art von ätzend.

Da wir Seniors waren, hatten Leo, Oscar und ich beschlossen unsere Privilegien auszunutzen, sich vor die Schule zu setzen und die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers zu genießen. Tatsächlich war es wieder so warm geworden, dass wir doch keine Jacken mehr brauchten. Scheiß Klimawandel.

„Wo kommt Victor eigentlich her?", fragte Oscar. Er hatte den Freitag tatsächlich meine Schicht übernommen und überlebt.

„Fragst du das jetzt, weil er schwarz ist? Es gibt auch schwarze Amerikaner", brummte Leo.

„Jo", gab ich ihm recht und sah Oscar fragend an. Zugegeben, es klang nicht besonders schlau.

„So meinte ich das doch gar nicht", Oscar stöhnte genervt. „Denkt ihr ernsthaft ich bin so rassistisch?"

„Ja", sagten wir gleichzeitig und grinsten uns an.

„Na danke auch", brummte jetzt der dritte im Bunde und verdrehte die Augen. „Victor hat da so was angedeutet."

„Alter, du hast ihm die scheiß Afrika-Nummer abgekauft?!", lachte ich. „Keine Sorge, er hat nicht mal entfernte Verwandte dort drüben. Das macht er nur, um Mitleid von heißen Typen zu bekommen."

Oscar schnaubte. „Heiß? Ich?"

Oscar war von uns allen die moralische Person. Er war ehrlich, hatte eine Allergie gegen Lügen und war bescheiden. Manchmal ein wenig zu bescheiden.

Er zählt zu meinen besten Freunden, weswegen ich nichts mit ihm anfangen würde. Wir sind fast wie Brüder. Aber würde ich ihn in einem Paralleluniversum als Fremden sehen, würde ich vermutlich alles daran setzen herauszufinden, ob er auch auf Jungs steht. Ich weiß tatsächlich nicht mal in diesem Wir-sind-Bürder-Universum, was für eine Sexualität er hat, aber Sexualität ist schließlich nichts, was einen Menschen vollkommen ausmacht. Es ist ein wichtiger Bestandteile im Leben der Person, aber im Endeffekt sollte es allein nicht entscheidend sein, ob ich die Person mag oder eben nicht. Sollte Oscar in diesem Paralleluniversum aber nicht zu 100% hetero sein, wäre der nächste Schritt ganz klar flirten. Ich meine die Locken, die blauen Augen, die Wangenknochen... mein Paralleluniversum-Ich ist im Paradies.

„Aber so was von heiß", grinste ich und wackelte mit den Augenbrauen. „Von einer Skala von hässlich bis heiß bist du ultraheiß."

Oscar wurde rot. Leo lachte: „Und ich?"

„Du bist mehr so im Bereich hässlich", grinste ich ihn an.

„Was?! Weil ich schwarz bin? Rassistisch!" Ein paar Kieselsteine flogen in meine Richtung. Arschloch.

„Ey!", rief ich empört. „Ich hätt' die ins Auge kriegen können!"

„Heul doch."

Damit war diese Unterhaltung beendet. Ich blickte zur Sonne auf und genoss mit zusammengekniffenen Augen die warmen Strahlen auf meinem Gesicht. Es war sowieso schon mit Sommersprossen überdeckt, da würden zwei mehr nicht auffallen. Natalie und Harlow hatten beide keine.

Es gab so viele Unterschiede zwischen uns Dreien - nicht nur äußerlich - aber trotzdem waren wir Geschwister und somit eine Familie. Genauso wie Oscar und Leo und Sofia. Klar, manchmal bin ich voll angepisst von deren Aktionen, aber im Endeffekt sind wir immer für einander da und das ist was wirklich zählt. Das Problem ist nur, dass ich langsam anfing mir zu wünschen, dass Wyatt auch Teil dieser kleinen Gruppe wird, die ich Familie nenne.

Dabei kannte ich ihn noch gar nicht. Da ist eine Wunschperson in meinem Kopf, die dem echten Wyatt, soweit ich das schon sagen kann, echt scheiße ähnlich ist und ich nicht mehr aufhören kann mir Situationen vorzustellen, wie das alles sein könnte, wenn wir mehr wären. Wir könnten zusammen zur Schule gehen. Wir könnten nach der Schule zusammen abhängen. Wir könnten uns an den Wochenenden treffen. Scheiß perfekte Traumwelt. Natürlich wäre das alles nicht so einfach.

Ich glaube, dass ich nur noch mit einer Hand mich am Rand eines großen Grabens festhalten kann, aber mit jedem Gedanken, den ich an Wyatt verschwende, löse ich mich immer weiter bis ich in das riesige Loch falle, aus dem ich nicht so schnell wieder rauskomme.

Ich muss mich stoppen, bevor ich ihm noch weiter verfalle, denn zwischen uns kann nicht mehr als Freundschaft entstehen. Nur habe ich keinen Plan, wie ich das hinbekommen soll. Ich saß schon zu tief in der Scheiße.

„Also Freitag triffst du dich wieder mit Wyatt?", fragte Leo mich, als ob er Gedanken lesen könnte.

Ich nickte. „Jo."

„Wie fühlen wir uns dabei?", fragte jetzt auch Oscar.

„Gut?" Es klang mehr wie eine Frage. „Schlecht? Ich hab' doch keinen Plan."

Ich wusste echt nicht wie ich das alles finden sollte. Wie ich mich fühlen sollte. Ich war in letzter Zeit einfach nur verwirrt und müde. Müde von den Fragen.

„Weißt du, was mich ein bisschen anpisst?" Leo sah mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an. „Warum ich dir nie Fahrradfahren beibringen durfte."

Ich verdrehte die Augen. Ich dachte, es wäre etwas Ernstes. „Wichser."

„Das war eine ernstgemeinte Frage, Junge!"

Die Antwort auf die Frage war eigentlich ganz einfach: Ich wollte gar nicht Fahrradfahren lernen. Klar, als ich kleiner war und sie in diesen ganzen Geschichten immer zu den tollsten Orten Fahrrad gefahren sind, sah das alles ganz anders aus, aber jetzt war es eigentlich nicht wichtig für mich so etwas zu können. Es war einfach nur eine Ausrede um mit Wyatt abhängen zu können. Ich sag' doch: Ich bin knietief in der Scheiße mit meinen beschissenen Gefühlen

„Schule ist für'n Arsch", sagte ich.

„Sag bloß", seufzte Leo Augen verdrehend.

„Was hat das jetzt mit der Frage zu tun?" Fragend sah mich Oscar an, während Leo nur nickte.

„Na, alles was wir in der Schule lernen is' sinnlos", erklärte ich. „Wir lernen wie man Parabeln zeichnet und so anderen Dreck, aber ratet mal, was wir nicht lernen: Fahrradfahren. Ich geb' ja zu, dass ich nie Bock drauf hatte das zu lernen, aber vielleicht ist es doch ganz nützlich?"

Sie schienen mir diese Ausrede abzukaufen, obwohl ich die mir gerade ganz schnell ausgedacht hatte. Wir waren wohl alle nicht die hellsten Sterne am Himmel.

„Okay", meinte Leo langsam. „Macht Sinn. Aber gib' zu, dass du das auch wegen Wyatt machst."

„Meinetwegen." In letzter Zeit verdrehte ich tatsächlich viel zu oft meine Augen. Wäre es böse von mir, das auf Wyatt zu schieben? Ja. Ist mir das egal? Aber sowas von.

„Jo, Mädels", sagte Oscar mit einem Blick auf die Uhr. „Wir müssen langsam wieder zurück."

„Geht klar, Schnucki."

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