Doch recht schön

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Die erste Stunde mit Professor Lupin lief recht verhalten ab. Ich fragte kaum etwas und konnte an einem höflichen Umgangston festhalten, und Professor Lupin lächelte traurig, während er mir ein wenig über den ersten Zauberkrieg erzählte.

„Lily und James Potter arbeiteten mit mir zusammen für das Zaubereiministerium. Wir waren uns all den Risiken bewusst, doch als dann Lily und James an einem Abend so plötzlich von uns gingen und Frank und Alice wenig später gefoltert wurden, war das doch ein Schock. Kannst du dich denn noch an den Krieg erinnern?"

Natürlich fragte Professor Lupin nicht danach, ob ich mich noch an die Nachrichten hunderter von Toter erinnern konnte, sondern danach, ob ich Vaters Gesicht noch vor Augen hatte. Ich beschloss, diese lästige kleine Tatsache zu ignorieren und antwortete: „Ein wenig, aber ich war auch erst knapp vier Jahre alt."

„Natürlich, Mister Potter meinte kürzlich auch, er könne sich nicht mehr an seine Eltern erinnern. Es schmerze ihn zwar sehr, aber die Erinnerungen würden bei ihm einfach nicht zurückkommen." Lupin sah gedankenverloren hinaus aus dem Fenster. Seine Finger strichen über die wenigen Stoppeln am Kinn.

„Harry ist fast ein Jahr jünger, in dem Alter spielt das wohl eine große Rolle", meinte ich und sah in Lupins grüne Augen. Sie sahen bei weitem nicht so atemberaubend schön aus, wie die von Harry. Meine ursprüngliche Augenfarbe war auch präsenter.
„Nun, da mögen Sie wohl recht haben."

Es folgten Tage mit viel Regen und Schnee. Am letzten Wochenende vor Weihnachten durften wir wieder nach Hogsmeade. Ich versuchte, mich irgendwie erneut davor zu drücken, aber schließlich wurde ich von Fred, George und Lee dazu genötigt, mit ihnen zu gehen.

Es war mir mehr als unwohl zumute, als die Zwillinge, Lee, Angelina Johnson, Alicia Spinnet und ich, die viel jüngere kleine Alecto, die verschneiten Straßen hinab nach Hogsmeade gingen.

Den gesamten Weg fühlte ich mich sehr mulmig und starrte lieber auf meine dicken Stiefel, die neben Lees riesigen Schuhen kleine Fußabdrücke hinterließen. Höflich wie sie alle waren, banden mich die Fünftklässler auch in ihre Gespräche mit ein, aber meine Antworten waren kurz und mir so peinlich, dass ich mich immer gleich wegdrehte.

Besonders als Lee mich fragte, ob mein Bruder auch nach Hogsmeade gehen würde. Mein Kopf lief knallrot an, und ich hatte das Gefühl, meine Zunge wäre vor Kälte eingefroren, als ich stotternd antwortete: „Ich weiß nicht ... also er ist ... also er mag sowas ... also so ein Spaßausflug - sowas mag er eigentlich sehr gerne. Also vermutlich schon."

Es war so schrecklich, dass ich den Rest des Hinmarsch stur geradeaus blickte und versuchte, nicht mehr zu Lee zu schauen. Ob er mich jetzt noch kindischer fand? Wir klapperten alle Läden ab. Der Geruch von Zimt, Vanille und Weihnachten hing über dem ganzen Dörfchen. Goldene Lichter leuchteten auf den Schnee herab und irgendwoher spielte es ein Weihnachtslied.

Trotz der misslungenen Konversationen breitete sich ein wohliges Gefühl von Weihnachten in meinem Magen aus und lächelnd kaufte ich soviel, wie mein Geld es mir erlaubte. Mit dem Süßkram würde ich sicher bis zum Ende des Schuljahres auskommen.

Ich war zwar nur der stille Begleiter gewesen, das berühmt berüchtigte fünfte Rad am Wagen - wie ich es so oft schon gewesen war - aber insgesamt war der Ausflug nach Hogsmead trotzdem ganz schön. Auch wenn ich mir meiner Gefühle für Lee noch unsicherer geworden war und immer noch nicht wusste, was die Zwillinge und er von mir wollten.

Über die Winterferien fuhr ich nach Hause, da Philo und Emm mich überredet hatten. Zu Weihnachten waren zum Glück weder verschollene Blackdamen, noch verliebte Shacklebolts aufgetaucht, dafür aber ein grauhaariger Mann. Er hatte zwei Bücher für Philo und mich und Blumen und Schmuck für Emm mit. Wir Kinder spekulierten natürlich sofort, ob Mister Leonardo Harrison wohl Emms Freund wäre, doch diese erklärte nur lachend, er sei bloß ein guter Freund. „Wer's glaubt, wird selig", meinte Philo und erhielt dafür das Schütteln eines roten Kopfes.

Mister Harrison war sehr höflich, nett, machte immer wieder kleine Witze, aber jeder konnte die Anspannung im Raum spüren. Emms Lachen klang ein wenig zu aufgesetzt und spätestens nach ihrem zweiten Toilettengang wusste ich, dass Mister Harrison so bald wohl nicht mehr zu uns zu Besuch kommen würde.

Beim Abendessen vor der Rückfahrt am nächsten Morgen, gab es Huhn mit Kartoffeln und Gemüse, was eines von Philos und meinen Lieblingsgerichten war. Während des Essens schwiegen alle ein wenig bedrückt und Emm sah uns Kinder lange an. In ihren warmen braunen Augen konnte ich echten Kummer darüber sehen, dass wir wieder abreisen würden.

Tatsächlich war ich recht froh darüber, dieses Jahr nicht in Hogwarts geblieben zu sein, da es gut tat, eine Auszeit zu haben. Ich hatte stundenlang vor dem Fenster sitzen können, während kleine weiße Flocken draußen getanzt hatten und längere Spaziergänge durch den Schnee gemacht. Vielleicht war es mein Alter, aber seit neuestem genoss ich die frische Luft wie nichts anderes.

Ich liebte es, wie kleine Eiszapfen auf den Vordächern immer größer wurden, begrüßte die kleinen eisigen Stiche wenn der Wind mir Schneeflocken ins Gesicht wehte und genoss den Duft von Rauch, Tannen und Punsch. Sogar diese kitschig leuchtende Weihnachtsdekoration, die vor allem Muggel liebend gerne in ihren Vorgärten anhäuften, konnten meine Sinnlichkeit nicht drüben.

In diesen Stunden der Ruhe fühlte ich mich in diesem kleinen Muggelvorort fast wie zuhause. Die Abreise kam leider viel zu schnell. Mit ungewohnt flauem Gefühl im Magen ließ ich mich von Emm kurz drücken und rollte meinen Koffer zum Hogwarts Express.

Als ich neben Lavender, Parvati und ein paar anderen Mädchen im Abteil saß und hinaus schaute, wurde ich fast ein wenig sentimental. Die vorbeifahrende Winterlandschaft mit den zugefrorenen Seen und den schneebedeckten Bäumen, fiel mir heute zum ersten Mal richtig auf. Wie schön das Leben doch sein konnte, wenn man alles vergisst und einfach nur im Hier und Jetzt lebt.

Zurück in Hogwarts merkte nicht nur ich, dass etwas nicht stimmte. Auch die anderen Gryffindors unseres Jahrgangs beäugten Hermine, Harry und Ron skeptisch. Hermine saß nämlich nicht wie sonst bei ihren Freunden, sondern fünf Plätze weiter neben Percy. Harry und Ron würdigten sie keines Blickes und löffelten mit finsteren Blicken ihre Suppen.

Auf die Frage von Seamus hin, was denn los sei, knurrte Ron nur: „Hermine ist los." Natürlich befragten Lavender, Parvati und ich am Abend Hermine, was denn los sei, doch auch sie machte dicht. Nach mehreren Anläufen meinte sie nur, Harry hätte einen schlimmen Fehler begangen und sie hätte diesen nun McGonagall gemeldet. „Ich habe es nur gut gemeint", meinte sie trotzig und verschränkte die Arme.

Lavender und Parvati sahen sich kurz an, dann verschwanden sie mit Waschzeug nach draußen. Für sie war die Sache erledigt.

„Das wird schon wieder Hermine." Musste es, sonst würde ich nicht mehr gut an Harry herankommen.
„Weißt du Alecto, die beiden sind so kindisch. Natürlich werde ich es erzählen, wenn Harry unerlaubt einen gefährlichen Besen bei sich im Zimmer hat! Vor allem auch, wenn ein Mörder wie Black momentan unterwegs ist."
„Aber der wird es wohl nicht ausgerechnet auf Harry abgesehen haben." Ich schüttelte den Kopf.

Vermutlich wäre ich ebenfalls sauer, hätte Hermine mich verpetzt. Hermine sah mich eine Spur zu kalt an. Ihre braunen Augen sahen erst so aus, als würden sie mir etwas sagen wollen, dann zog Hermine aber doch den Kopf ein und ihre Pupillen wurden kleiner. Anscheinend vertraute sie mir immer noch nicht so recht. Wer konnte ihr das aber auch verübeln?

Die Tochter des dunklen Lords (Harry Potter Fanfiction)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt