Als ich aufwachte dachte ich, dass der Tag an dem ich sterben würde noch in weiter Ferne liegt. Eigentlich dachte ich es nicht, ich glaubte es zu wissen. Wer rechnet denn schon damit in wenigen Tagen zu sterben? Niemand der mir bekannt ist auf jeden Fall. Ich stand aus meinem verwuschelten Bett auf und starrte in meinen Spiegel, direkt in die Augen meines verwuschelten Ichs. Man sagt die Augen sind der Spiegel zur Seele. Ich pflege zu sagen, dass dies wohl eher den Mund betrifft. Es sind die Worte die eine Person kennzeichnen, die Art wie sie sich äußert. Nicht nur durch die Blicke können die tiefsten Gedanken erahnt werden. Vor allem der Mund ist das Tor zu den Gedanken und wenn man erst mal den Mut dazu entwickelt sich jemandem anzuvertrauen, sind die Worte auch der Schlüssel. Das alles lief mir durch den Kopf ich als ich mich so im Spiegel betrachtete. Natürlich betrachtete ich auch mich selbst, denn dazu sind Spiegel auch da. Das müde Gesicht, das mir entgegenblickte, hatte schon mal besser ausgesehen. Wahrscheinlich lag das daran, dass mein gestriger Alkohol Konsum höflich gesagt „weniger hätte betragen können“. Meine Großmutter, hätte sie mich so gesehen, würde sich bei meinem Anblick im Grabe umdrehen. Sie war immer der Meinung, ich sei zu schlau sowas. Dieser Meinung war ich auch bevor sie starb. Vor ihrem Tod, hatte ich nicht mal im Traum gedacht mich so zu betrinken, dass mir die Erinnerung genommen wird. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Anflug von Scham über mein Gesicht. Schnell schüttelte ich den Kopf. „Du musst dich für nichts rechtfertigen, “ beruhigte ich mein Gewissen „auch du hast ein Recht auf Spaß!“ Ich konnte Schuldgefühle nicht leiden, doch wer tut das schon? Meine Augen betrachteten nachdenklich mein Sweatshirt. Es kam mir unbekannt vor, doch der Geruch war überwältigend und löste etwas Tröstliches aus. Zwar war es mir viel zu groß und die Ärmel reichten weit über meine Hände, aber dennoch gefiel ich mir darin. Es hatte etwas Interessantes an sich, so dass man nicht die Augen davon richten konnte. Trotzdem zwang ich mich weg zu sehen. Mein langes schwarzes Haar fiel unregelmäßig über meine zierlichen Schultern und ich band es schnell zu einem recht unordentlichen Zopf zusammen. Es war schon wieder so lang dass man mich selbst damit hätte fesseln können, doch ich liebte meine Haare und für nichts in der Welt würde ich mich von ihnen trennen. Tja, wenn man mich so dastehen sah, dachte man ich würde jeden Augenblick zerbrechen. Ich hasste das. Die Leute unterschätzten mich, trauten mir nichts zu. Sie glaubten zu wissen zu was ich Fähig war, doch sie irrten sich. Ich wendete mich von meinem Spiegelbild ab, den Blick geradewegs auf die Gestalt gerichtet die unter meiner Bettdecke friedlich schlief. Da erkannte ich. Das war nicht mein Bett. Das war nicht mein Spiegel. Das war nicht mein Sweatshirt. Das war ganz sicher nicht mein Zuhause.
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Auf dem Boden der Tatsachen
JugendliteraturJedes Leben ist einzigartig. Jedes Leben ist kostbar. Jedes Leben ist begrenzt. Clairedif ist 17 Jahre alt, überdurchschnittlich gut in der Schule und will ihr Leben in vollen Zügen genießen. Nach einem One-night-stand mit ihrem Geschichtsprofessor...