𝙸 𝚜𝚎𝚎 𝚛𝚎𝚍 - 𝙴𝚟𝚎𝚛𝚢𝚋𝚘𝚍𝚢 𝚕𝚘𝚟𝚎𝚜 𝚊𝚗 𝚘𝚞𝚝𝚕𝚊𝚠
Ich betrete das Hotelzimmer, welches wir für diesen besonderen Tag gemietet haben. Drinnen ist es still. Langsam gehe ich durch den Flur, der direkt an das Schlafzimmer grenzt. Alles scheint so schrecklich widerlich perfekt.
Das Erste, was in mein Blickfeld kommt, ist ein großes Bett, bezogen mit dunkelroter Bettwäsche. In einer Ecke stehen mehrere weiße Kerzen. Anscheinend hätte man sie heute Abend angezündet und hübsch verteilt, doch so weit ist es nicht gekommen, denn in der Mitte des Zimmers steht diese eine Person, welche sich nun langsam zu mir umdreht.
Ich muss mich zusammenreißen, um nicht auf ihn loszugehen.
In mir brennt die Wut sich immer tiefer in mein Herz, als wollte sie mich von innen heraus zerreißen.
„Vivi“, flüstert Finn und kommt plötzlich auf mich zu.
Ruckartig weiche ich zurück.„Komm mir nicht zu nahe!“, keife ich, wobei ich das Knurren in meiner Stimme nicht unterdrücken kann – ich will es auch gar nicht verbergen. Er kann ruhig wissen, wie wütend ich auf ihn bin.
Zugleich bringt es mich um den Verstand in seine wunderschönen hellblauen Augen zu blicken, die mir so unglaublich vertraut erscheinen. Verdammt, wie konnte ich mich nur so sehr in ihn verlieben? Mir hätte von Anfang an klar sein sollen, dass das zwischen uns nichts wird, aber ich war blind und dumm. Das Zweite wahrscheinlich mehr als das andere.
Diese verdammte Liebe!
„Ich kann das erklären“, fährt er fort. Mit großen Schritten nähert Finn sich mir weiter. Ihn scheint mein Befehl, von mir wegzubleiben, gar nicht zu interessieren.
Am liebsten würde ich erwachen und realisieren, dass alles was passiert ist, nur ein dummer Traum war, weil ich kalte Füße vor der Hochzeit hatte - aber so ist es nicht.
Nun muss ich diesem Betrüger direkt in seine Augen sehen, die mich immer noch um den Verstand bringen. In mir kochen die Emotionen über. Ich kann nicht mehr sagen, was davon Hass und was Liebe ist, aber es macht mich verrückt.
Er hebt seine Hand, um durch mein dunkles schulterlanges Haar zu fahren, doch ich weiche zurück.
„Finn!“, fauche ich, klinge dabei jedoch nicht so zornig, wie ich es eigentlich wollte.
„Es ist nicht, wie du denkst.“Ich schnaube wütend: „Und was dann? Es war ein Versehen? Bist du einsam gewesen, während ich im Ausland war? Was war es?“
Während ich diese Fragen ausspreche, spüre ich, wie Tränen in meine Augen treten, doch genauso schnell, wie sie gekommen sind, verdränge ich sie auch wieder.
„Sie war einfach da, als das mit meinem Vater war. Du weißt ja, wie mich das Ganze mitgenommen hat.“„Und dann hast du versucht dir deinen Schmerz von ihr wegficken zu lassen oder wie soll ich das verstehen?“, diese Worte schreie ich ihm regelrecht in sein verlogenes Gesicht, in welches ich mich so unglaublich schnell verliebt habe.
Nun ist es nicht mehr möglich, die Tränen zurückzuhalten. Ehe ich mich versehe, fließen sie über meine Wangen, aber ich wische sie trotzig weg.
„Vivian!“, er wirkt bestürzt, jedoch nicht über die Tatsache, dass sein Handeln mich zum Weinen bringt.
„Stört dich meine Wortwahl?“, keife ich, „was stört dich denn noch alles an mir, dass du mich betrügst? Was stört dich? Oder liegt es nicht an mir?“Meine letzte Frage tropft nur so vor Ironie. Finn scheint es trotzdem nicht zu verstehen.
„Nein, natürlich nicht! Also, ja du warst im Ausland und ich hier allein…“
„Das ist mein Job!“Ich kann es einfach nicht fassen. Genauso wenig wie ich es glauben wollte, als mich vor einer Stunde diese dumme Tussi anrief und hinterfragte, ob ich Finn wirklich heiraten wollte. Verwirrt habe ich sofort bejaht. Das nächste, was ich darauf hörte, war ihr künstliches Lachen.
„Wer sind Sie überhaupt?“, fragte ich die Fremde irritiert.
Sie hat weiter gelacht, als wären meine Worte nichts als ein Witz, bis ich schließlich ungeduldig wurde.
„Möchten Sie mir vielleicht ihren Namen verraten?“
„Ich bin Tina, die Affäre ihres Verlobten.“Dazu hatte ich nichts mehr sagt. Ehe ich auflegen konnte, war mir mein Handy entglitten. Den Knall, wie es auf die Fliesen meiner Küche auftraf, hatte ich nicht mehr gehört. Mit einem Schlag war alles weg gewesen: Mein Verlobter, meine Hochzeit und meine gesamte Zukunft.
Die Welt um mich herum schien verstummt, genau wie meine Gefühle. Ich konnte nichts mehr spüren, als hätte ich selbst eine eiserne Wand hochgezogen, um mich vor dem Schmerz, Leid und der Trauer zu schützen.
Ich wollte ihr einfach nicht glauben, doch nur wenige Minuten später hat mich Finn über unser Festnetztelefon angerufen.
„Vivi?“, hat er als erstes gewispert.
„Stimmt es?“Mehr habe ich nicht erwidert.
„Was?“
„Hast du mit dieser Tina geschlafen?“
„Wir sollten reden.“Dann habe ich das Telefon einfach weggelegt und bin losgefahren. Im Nachhinein kommt es mir wie ein Wunder vor, dass ich es überhaupt ohne einen Unfall bis zu dem Hotel geschafft habe. Die Frau am Empfang hat mich schräg gemustert, als ich völlig geistesabwesend nach der Zimmernummer gefragt habe, doch mir war all das egal gewesen.
Nun stehe ich vor ihm.
All das ist real, egal wie unwirklich es mir vorkommt.„Du bist so ein Arsch“, schluchze ich. Eigentlich habe ich es ihm ins Gesicht brüllen wollen, aber meine Stimme bricht, noch bevor ich den Satz wirklich beendet habe.
Er bleibt dort, wo er ist.
„Es war nur einmal.“„Und wieso hat sie sich ausgerechnet heute gemeldet? Warum hätte sie unserer Hochzeit im Weg stehen sollen, wenn es doch nur irgendein One night stand war? Wie oft?“
„Vivi.“
Ich knalle meine Faust auf den Beistelltisch, sodass die Vase darauf gefährlich stark wackelt: „Hör auf mich anzulügen!“
„In dem Monat, wo du weg warst, haben wir uns vier Mal getroffen.“Ohne es steuern zu können, stoße ich ein hysterisches Lachen aus, das so gar nicht nach mir klingt: „VIER MAL? VIER? Willst du mich eigentlich verarschen?“
Er schweigt.
Betreten blickt er auf seine Füße.Ich bleibe ebenfalls reglos stehen. In einem schnellen Rhythmus hebt und senkt sich meine Brust.
Vorsichtig lässt er sich zurück auf das Bett fallen und stützt die Ellenbogen auf seine Knie.
„Wo?“
„Was meinst du?“, Finn sieht wieder zu mir.Zu gerne hätte ich ihm diese perfekten blauen Augen ausgekratzt.
„Wo habt ihr es getan? Seid ihr in unserer Wohnung gewesen?“
„Vivi.“Ungläubig starre ich ihn an: „Hast du wirklich keinen Respekt vor mir. Und ich wollte so einen wie dich auch noch heiraten. Vielleicht sollte ich dieser Tina ja dankbar sein!“
„Das meinst du nicht so!“
Plötzlich gehe ich auf ihn zu. Finn zuckt bei meiner ruckartigen Bewegung zusammen. Nur wenige Zentimeter vor ihm hielt ich an.
„Du glaubst mir gar nicht“, zische ich leise, „wie ernst ich das meine!“
Er öffnet seinen Mund zu einer Antwort, doch ich bin schneller. Meine flache Hand prallt gegen seine Wange, die schlagartig errötet.„Schäm dich“, ich spucke ihm diese Worte geradezu entgegen.
Nicht fähig sich zu bewegen starrt er mich an, aber das interessiert mich gar nicht mehr. Auf der Stelle mache ich kehrt und stürme hinaus.Ich will ihn niemals wieder sehen!
❁❁❁
𝐇𝐢!
𝐈𝐜𝐡 𝐡𝐨𝐟𝐟𝐞, 𝐝𝐢𝐞 𝐊𝐮𝐫𝐳𝐠𝐞𝐬𝐜𝐡𝐢𝐜𝐡𝐭𝐞 𝐡𝐚𝐭 𝐝𝐢𝐫 𝐠𝐞𝐟𝐚𝐥𝐥𝐞𝐧!
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Vivian - Kurzgeschichte
Short Story𝐄𝐢𝐧 𝐋𝐮̈𝐠𝐧𝐞𝐫, 𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐀𝐟𝐟𝐚̈𝐫𝐞 𝐮𝐧𝐝 𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐠𝐞𝐩𝐥𝐚𝐭𝐳𝐭𝐞 𝐇𝐨𝐜𝐡𝐳𝐞𝐢𝐭. Es ist ein Anruf, der den Stein ins Rollen bringt, welcher Vivian die Wahrheit offenbart - eine Kurzgeschichte.