Kapitel 6

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Flashback



Ihr Körper zitterte unter seinen Berührungen. Ihr Atem ging abgehakt und doch drückte sie ihn leicht weg, als sie sich aufsetzte. Zog ihre geöffnete Bluse fester um sich.
„Was ist?", fragte Draco verwundert und Astoria sah ihn nicht an.
Blickte alles in dem Raum an, nur ihn nicht, während sie auf seinem Bett saß.
„Wir sollten das nicht tun.", wisperte sie leise.
„Hast du wieder Angst, dass dich jemand sehen könnte?", fragte er und lachte leise, als er sie auf die Wange küsste. „Das letzte Mal hat dich auch keiner gesehen."
Das letzte Mal, als sie mit ihm in sein Zimmer geschlichen war, hatten sie sich auch nur geküsst und waren dicht beieinander gelegen. Das hier ... ging viel weiter. Sie waren noch nie so weit gegangen. Noch niemand hatte sie so gesehen, außer vielleicht ein Heiler, ihre Eltern und ihre Schwester. Und vielleicht ein paar Freundinnen aus ihrem Zimmer.

„Das ist es nicht.", erwiderte sie und sah ihn an, als er ihr unters Kinn griff.
Seine grauen Augen schienen ihr Gesicht abzusuchen.
„Hast du Angst? Ist es das?" Sie senkte die Lider. „Du weißt, dass ich dir niemals wehtun würde. Niemals etwas tun würde, was du nicht willst."
Sie schloss die Augen, als er seine Lippen wieder auf ihre drückte. Sie erwiderte den Kuss und löste sich erneut.
„Draco.", amtete sie schwer aus und er lehnt seine Stirn gegen ihre.
„Mmh?"
„Ich kann das nicht.", presste sie schwer hervor und sie sahen sich wieder an. Sie wurden rot. „Ich kann nicht.", wiederholte sie sich.
Er küsste sie wieder. Sie spürte seine Hand sich wieder unter die Bluse schieben.

„Wieso nicht?", fragte er leise gegen ihr Ohr und sie erschauderte. „Dein Körper signalisiert mir etwas ganz anderes." Wieso machte er es ihr so schwer? „Tori? Sag's mir.", forderte er leise und küsste sie am Hals.
Sie schluckte hart. Natürlich erregte sie es. Natürlich würde sie gerne mit ihm diesen letzten Schritt gehen und es wäre gelogen, wenn sie sagen würde, dass sie keine leichte Panik bei den Gedanken bekam, dass erste Mal in ihrem Leben Sex zu haben. Aber sie hatte vor allem Angst vor ihren Eltern.

„Mein Vater ...", sagte sie schwer und er küsste sie wieder. Oder ihre Mutter. „Wenn er das rausbekommt..."
Oder ihre Mutter. Ihre Mutter war die schlimmere von beiden. Viel schlimmer.
„Wird er nicht.", sagte er sanft und sie zitterte, als er ihre Bluse über die Schulter schob. Er umfasste sanft ihr Gesicht und küsste sie wieder. „Wird er nicht.", sagte er erneut zwischen zwei weiteren Küssen. „Ich verspreche es.", fügte er hinzu und drückte sie zurück in die weichen Kissen und sie glaubte ihn.
Vertraute ihm.






Es hatte viele danach gegeben. Viele Versprechen. Versprechen, dass es niemand erfahren würde. Versprechen darüber, dass er sie liebte. Dass sie alles war, was er brauchte und wollte. Dass er immer für sie da sein würde. So viele Versprechen und so viele, die nicht eingehalten wurden. Die nicht mehr von Bedeutung waren. Es kam ihr eine halbe Ewigkeit vor, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte geglaubt einem Infarkt zu erleiden, als er plötzlich vor ihr gestanden war. Einfach so. Natürlich hatte er sich verändert. Er war erwachsen. Hörte sich das dumm an? Er war damals schon erwachsen gewesen. Aber irgendwie waren sie einfach nur dumme naive Teenager gewesen. Er sah immer noch verdammt gut aus. Aber das lag vermutlich in den Genen. Zumindest hätte Astoria alles andere verwundert.

Sie waren in ein Café gegangen und hatten etwas bestellt bei der komischen Kellnerin die versucht hatte mit Draco zu flirten, der sie völlig ignoriert hatte. Selbst jetzt, als sie sich fast kunstvoll zum Tisch beugte und den bestellten Kaffee und Cappuccino abstellte.
„Danke.", sagte Draco ruhig und die Blondine verschwand wieder mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
Astoria zog ihre Tasse zu sich und umklammerte sie mit ihren beiden Händen, bevor sie aufsah. Sie hatte nicht damit gerechnet Draco wiederzusehen. Nicht, dass sie sich zu Beginn das nicht gewünscht hätte. Aber irgendwann war sie einfach in der Realität angekommen. Es war einfach bizarr nach all den Jahren, ausgerechnet ihm wieder gegenüberzusitzen. Sie blickte auf und zuckte innerlich heftig zusammen, als seine Augen aufmerksam auf sie gerichtet waren.

„Was?", fragte sie verwirrt und er schien erst jetzt zu begreifen, dass er sie anstarrte.
Er räusperte sich und sah auf seinen Kaffee.
„Nichts. Ich ... Nichts."
Sie runzelte die Stirn und nippte an ihrer Tasse, bevor sie diese wieder abstellte und tief ein und ausatmete.
„Also ...", fing sie schwer an und blickte wieder auf, in dieses bekannte Gesicht. „Du hast es Scorpius nicht erlaubt." Er schien zu zögern, bevor er
„Nein.", sagte.
Das wäre auch wohl zu schön gewesen, um wahr zu sein.
„Aber wie hat er mich dann gefunden, wenn du ihn nicht geschickt hast?"
„Ich wusste nicht einmal deine Adresse, bis ich im MACUSA nachgefragt habe.", antwortete er gegen. „Hat eigentlich irgendjemand von früher deine Adresse?"

Sie wusste es nicht.
„Zumindest niemand den du kennen könntest.", antwortete sie. „Was immer noch nicht meine Frage beantwortete. Wie konnte Scorpius dann hierherkommen?"
Draco seufzte und griff nach dem Zucker, den er in den schwarzen Kaffee hinein Rieseln ließ.
„Er hat einen Antrag gestellt?"
Sie runzelte die Stirn.
„Was für einen Antrag? Er ist minderjährig."
„Offenbar wurden einige Gesetze verabschiedet.", antwortete Draco und rührte in seiner Tasse umher. „Ich habe mich selbst erst darüber informiert. Nach diesem Gesetz, dürfen Kinder, nein haben das Recht, zu erfahren, wer ihre Eltern sind und sie haben das Recht sie kennenzulernen."
„Seit wann denn das?", fragte sie verwirrt.

„Seit dem ein paar Zauberer und Hexen beschlossen haben so alten Säcken wie unseren Eltern den Spaß zu verderben?", versuchte er lustig zu sein, doch Astoria konnte darüber nicht lachen. „Laut der Auskunftshexe in der Rechtsabteilung, seitdem Scorp sechs Jahre alt ist. Es gab da wohl einen Präzedenzfall, der alles ins Rollen gebracht hat. Eine Tochter wollte die Identität ihres Vaters wissen und hat gegen ihre Mutter geklagt. Sie hat gewonnen und ein neues Gesetz wurde verabschiedet. Nachdem dürfen Kinder die Identität klären lassen, und zwar ohne Zustimmung eines Elternteiles mit elf Jahren."
Das bedeutete, dass Scorp, alleine einen Antrag gestellt hatte. Alleine das alles geplant hatte. Alleine hierhergekommen war, nur um sie zu finden. Er, nicht Draco.

Der Blonde murmelte ihren Namen und sie sah ihn wieder an. Sie versuchte sich zu konzentrieren. Unterdrückte die Tränen und sammelte ihre Gedanken.
„Ich... er scheint so gar nichts über mich zu wissen."
Er senkte den Blick voller Reue.
„Kann er auch nicht. Du wirst... nun, es wird nicht über dich geredet."
Ausgelöscht. Sie wurde behandelt, als hätte sie es nie gegeben.
„Ich existiere für die Familie nicht. Sag es ruhig.", warf sie kühl ein und sein Kiefer schien sich anzuspannen. „Denkst du, das ist neu für mich? Die haben sogar Daphne damals gedroht sie rauszuschmeißen aus der Familie, wenn sie weiterhin mit mir Kontakt hält."
Was ihre Schwester natürlich nicht getan hatte. Daphne würde sich nie gegen die Familie stellen. So viel zum Thema Blut ist dicker als Wasser. Schwachsinn. Ehre und Traditionen waren dicker als Blut.

„Astoria, du weißt, dass es nie meine Absicht war, dich aus seinem Leben zu löschen.", versicherte er ihr und sie schnaubte. Umfasste ihre Tasse wieder fester. Dafür hatte er sich aber offenbar große Mühe gegeben. „Ich hatte keine Wahl.", hauchte er verzweifelter und sie schüttelte kaum sichtbar den Kopf.
Fixierte ihren Cappuccino.
„Spare dir das bitte. Es ist zu lange her."
Und sie hatte keine Lust auf eine weitere Diskussion, die ins Leere lief. Die nichts änderte. Denn er hätte eine Wahl gehabt. Sie beide hatten das. Aber er war zu Feige gewesen. Er hatte sie im Stich gelassen und was noch schlimmer war, sein Versprechen von damals gebrochen. Dieses dumme Versprechen, an das sie sich geklammert hatte, als Scorp wenige Stunden alt gewesen war.

„Tori.", murmelte er erneut ihren Namen und wollte nach ihrer Hand greifen. Sie zog sie vom Tisch auf ihren Schoss. Sie ertrug das nicht. Wollte nicht von ihm berührt werden. Diese alte Wunde, die sie geglaubt hatte, schon lange verschlossen zu haben, klaffte wieder wie eine schwere Kriegsverletzung. Offen und blutig. Sie war damals schon beinahe daran zugrunde gegangen. Sie konnte das nicht schon wieder zulassen. „Was hast du ihm erzählt?", fragte Draco nach einer Weile des Schweigens und sie zuckte die Schultern.
„Nicht viel. Er fragt viel nach, wie wir uns kennengelernt haben. Fragt nach meinen Interessen und ich nach seinen." Sie zuckte erneut die Schultern. „Er will mich einfach kennenlernen."

Und war das nicht ein normaler Drang? Die Mutter kennenzulernen. Scorp sah vielleicht Draco ähnlich, aber er hatte so viel von ihr. So viele Gemeinsamkeiten die sie an ihrem Sohn entdeckte. Er war wunderbar.
„Was hast du erzählt, warum du nicht mehr in England bist?"
Ihr Kind im Stich gelassen zu haben, traf es wohle her. Sie sah ihn wieder an.
„Nichts. Gar nichts. Aber er fragt danach." Er wollte Antworten. Draco schien erleichtert zu sein. „Ich habe ihm versprochen, dass wir heute raus aus der Stadt fahren. An die Küste. Damit er die Möglichkeit hat sich zurückzuziehen."
„Du kannst mit ihm darüber nicht reden.", widersprach Draco und sie sah ihn verständnislos an.
„Ich habe es ihm versprochen."
„Astoria..."
Sie unterbrach ihn sofort.
„Er ist kein kleines Kind mehr."
„Erwachsen ist er auch nicht."
„Draco er hat Fragen und du kannst ihn nicht sein ganzes Leben anlügen."

Er kniff seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
„Denkst du nicht, dass ich mich auch fürchte?", sprach sie leise. „Dass ich Angst habe, dass er es nicht versteht?"
„Du kannst nichts dafür.", sagte Draco und nippte an seinem Kaffee.
Sie lachte lustlos auf.
„Kann ich nicht? Hätte ich nicht einfach eine gute Reinblüterin sein sollen und dem ganzen Mist zustimmen müssen, damit ich meinen Sohn behalte?"
Er schüttelte stumm den Kopf und sagte nichts weiter dazu. Es war so lange her und doch kam es Astoria vor, als wäre es erst gestern passiert. Dieses bedrückende Gefühl von damals. Die Angst. Der Schmerz. Alles war wieder greifbar, seitdem Scorpius aufgetaucht war. Vermutlich hatte sie das alles einfach nur verdrängt.

„Geht es dir so weit gut?", fragte plötzlich der Blonde und Astoria blickte ihn wieder an. „Ich meine ... hast du alles im Griff?"
Sie senkte den Kopf wieder.
„Ja. Ich denke schon. Ich arbeite als Architektin."
Er lächelte schwach.
„Zu guter Letzt doch etwas, um dein Talent zu nutzen."
„Sieht so aus."
„Und, hast du einen Freund? Lebst in einer Beziehung? Du trägst kein Ring, also gehe ich davon aus, dass du nicht verheiratet bist."
„Das Gleiche hat mich Scorp auch schon gefragt. Nein, ich lebe momentan in keiner Beziehung. Ich habe mich mit einem guten Freund ein paar Mal getroffen. Aber..." Sie waren eben Freunde. „Es wäre zu früh, um irgendetwas schon zu sagen."

„Verstehe.", meinte er knapp und sie setzte sich gerader hin.
„Ich habe schon gehört, dass dein Vater dir im Nacken sitzt, damit du endlich heiratest."
Er grinste schief.
„Ja. Es gibt wohl kein anderes Streitthema. Wie immer."
„Und du beugst dich nicht mehr?"
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe einen Sohn. Scorpius ist mein Erbe. Die zukünftige Generation." Natürlich war er das. Wieder dieses bedrückende Schweigen. „Es tut mir leid, dass ich mich all die Jahre nicht gemeldet habe.", äußerte er sich fast sanft und sie blickten sich wieder an. „Aber ich dachte, es wäre besser so. Für uns alle."
Wie konnte er das nur glauben? Sie schob ihre Tasse weg und sah sich nach der blonden Bedienung um.
„Wir sollten langsam los. Ich habe Scorp gesagt, dass ich nicht lange im Büro brauche."

Er wirkte überrascht von ihrem plötzlichen Drang aufzubrechen.
„Aber... wir haben noch nicht geklärt, wie es weitergehen wird."
Wie es weitergehen wird? War das nicht klar?
„Ich werde Scorp nicht anlügen Draco. Ich werde versuchen seine Fragen zu beantworten und entweder du kommst mit und beteiligst dich an der Sache oder ich tue es alleine." Er schien mit sich zu ringen. „Er hat das Recht darauf." In seinen grauen Augen regte sich etwas. „Gib mir... gib mir einfach die Chance mit ihm Zeit zu verbringen, Draco. Ich bitte dich. Gib ihm und mir die Möglichkeit uns kennenzulernen."
„Astoria..."
„Das bist du mir schuldig, Draco."
Und eigentlich viel, viel mehr. Er atmete schwer aus.
„Na schön."

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