Ein Kind huscht über den Kirchplatz. Es ist allein. Es rennt und stolpert und fällt hin, doch keiner bemerkt es.
Es ist ein eisiger Winter, doch das Kind trägt lediglich eine kurze Hose und ein zerrissenes Langarmshirt. Die Farbe ist verblichen und Dreck hängt überall. Nicht einmal Schuhe hat es. Die Haare hängen dem Kind wirr im Gesicht. Sie sind ungepflegt und bilden dichte dunkelbraune Locken. Das Gesicht trägt einen verängstigten Ausdruck. Die Augen spiegeln Einsamkeit und tiefe Trauer wieder. Das Kind ist blass und wirkt kraftlos.
Keiner beachtet es, weil es für keinen existiert.
Es steht auf und rennt weiter, die Knie aufgeschürft und mit Tränen in den Augen. Blut rinnt aus der Wunde und fließt ungesehen das Bein des schmächtigen Kindes herunter.
Die Menschen gehen weiter und das kleine Kind ist unbemerkt wieder verschwunden.2062
Die Welt hat sich verändert. Es ist alles viel schlimmer geworden. Überall liegt Müll. Plastik verseucht noch mehr die Meere als ca. 50 Jahre zuvor.
Die Wälder sind nahezu vollständig abgeholzt und überall ragen hässliche Betonklötze und hochmoderne angeblich klimaneutral Häuser in die Höhe.
Auto brummen durch die Straßen. Elektroautos ohne Lärm scheinen uninteressant zu sein und werden als gefährlich eingestuft. Schließlich hört man sie nicht kommen.
Das autonome Fahren ist nicht weiter Fortgeschritten seit der verherrenden Katastrophe einige Jahrzehnte zuvor. Es hätte einen riesigen Unfall mit unzähligen Verletzten und Toten gegeben. Seitdem waren autonome Fahrzeuge verboten in Deutschland.
Kultur ist so gut wie abgeschafft. Sie gilt als überbewertet. Es lebe die Faulheit und die Technik. Vor etlichen Jahrzehnten klagte man noch über Flüchtlinge, die neue Kulturen in das Land brachten und wohlmöglich die Herrschaft an sich reißen könnte. Jetzt würde darüber gelacht. Die Menschen interessiert es schlichtweg nicht mehr.
Der Rest der Welt ist uninteressant und Reisen existieren sowieso nur noch virtuel. Flugzeuge wurden seit dem Jahr 2020 immer weniger. Geschäftsleute hatten festgestellt, dass die Welt auch ohne persönliche Meetings weiterging.
In fast jedem der Entwicklungsländer herrscht bitterer Krieg und die Menschen in Europa sind taub geworden für Hilfeschreie. Sie sind blind geworden für Not und Leid. Sie sind gefühlslos geworden für Angst und Schmerz.
All das ist "out".
Hier wird schnell gelebt oder gar nicht. Wer nicht mitkommt wird ausgegrenzt und ignoriert.
Liebe ist nebensächlich, genau wie alle anderen Gefühle, und auch die Kirche hat nicht mehr viel zu sagen. Das Klima verschlechtert sich jährlich. Die Winter werden eiskalt und in den Sommersonnen verbrennt man erbarmungslos an der Hitze.
Die Ozonschicht existiert kaum noch und auch die Menschlichkeit löst sich von Tag zu Tag weiter auf...In diesen harten Jahren lebt ein kleines Kind, dass gegen alles ankämpft, weil es leben möchte!
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05.02.2062
Es ist bitterkalt.
Die Glockenläuten und die Sonntagsbesucher, die man schon bald an einer Hand ablesen kann verlassen die Kirche.
Man überlegt schon, diese durch eine Kapelle zu ersetzen. Bisher stimmen noch etliche dagegen, doch wie lange weiß keiner.
Die Menschen bleiben nur ein paar Minuten stehen, bevor sie sich mit einem "Tschüss", "Bye" oder einem klassischem Handschlag verabschieden und zu ihren Autos stampfen.
Die meisten tragen lange, dicke Wintermantel, produziert in Bangladesh oder Indien.Ein kleines Kind huscht wie ein Schatten über den nun fast leeren Platz und rennt in Richtung Hauptstraße.
Keiner beachtet das Kind. Es herrscht toten Stille.
Ein Huppen.
Jemand brüllt.
Dann wieder Stille.
Es ist alles so trist.
Die Sonne hat sich heute auch noch nicht Blicken lassen.Leo Salmen zieht am Mantel seiner Mutter, doch sie scheint ihn gar nicht zu bemerken.
"Mama?", versucht der Kleine es auf einem anderen Wege, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.
"Klappe!", fährt sie ihn an und er schweigt.
Eine kleine Träne kullert über seine kalte Wange, doch er wischt sie ganz schnell weg. Sein Stolz und sein Mut sind das einzige, was ihm geblieben ist in dieser Zeit...Das kleine Kind steht vor einer kleinen Holzhütte.
"Wo warst du?", fragt eine kleine zarte Mädchenstimme.
Sie ist höchstens vier Jahre alt.
Das Kind antwortet nicht, sondern öffnet seine geschlossenen Händchen. Darin befindet sich ein kleines Opferlicht.
Die Gemeinde hatte auf altmodische Teelichter bestanden statt den elektronischen.
Stolz reicht das Kind dem Mädchen das Teelicht. Dieses lächelt und nimmt das Kind in den Arm.
Das Kind ist etwas größer aber genauso dürr wie das Mädchen.
Sie gehen in das Holzhaus und wickeln sich zusammen in eine zerschlissene Decke.Leo und seine Mutter fahren nach Hause.
Schnell schließt die Mutter die Tür auf. Warme Luft schlägt ihnen entgegen und sie betreten eilig die Wohnung, doch Leo friert trotzdem. Ihm fehlt etwas, doch er weiß nicht genau, was es ist.
Langsam zieht er seine Jacke aus und verkriecht sich dann in seinem Zimmer.
Es ist groß und er besitzt mit seinen sechs Jahren sogar schon einen Laptop, denn er sofort hochfährt.
Bis zum Mittagessen ist er im Rest der Wohnung sowieso unerwünscht. Schnell öffnet er Skype und ruft einen Freund an.
"Ey, man wie geht's?", fragt Leo und schaut ihn an.
"Naja, wolln wa zocken, Bro?", fragt sein Freund zurück.
Leo nickt und schließt Skype wieder. Nur um dann eines seiner Lieblingsspiele zu öffnen. Und schon versinkt er in einer fremden Welt.
Er mag die Welt nicht, deswegen schafft er sich seine eigene...Amy Müller geht zu ihrem kleinem Tisch. Ganz viel Schminke steht dort. Doch sie können ihr Lächeln nicht zurückholen. Es ist alles trist. Sie mag ihr Leben nicht, doch was kann man schon ändern.
"Amy, Essen!", brüllt ihr Stiefvater durchs Haus.
Sie verlässt ihr Zimmer und trottet ins Esszimmer.
"Opa!"
Ihre Augen fangen an zu leuchten und sie läuft in seine geöffneten Arme. Tränen tropfen von ihrem Kinn.
"Ich hab dich vermisst!", schnieft sie.
Er lächelt und sagt nichts. Stattdessen streicht er ihr sanft durchs Haar.
"Ich dachte schon, du wärst auch tot..."
"Ich doch nicht!", lacht er sanft und schaut ihr in die Augen, während er ihr die Tränen wegwischt.
"Ich hab noch sooo viiel vor. Da kann ich doch nicht einfach sterben."
Sie lacht.
"Du musst mir alles erzählen!", ruft sie begeistert und ihre Augen beginnen zu glänzen vor Freude.
Er lacht erneut und streicht ihr eine Strähne hinters Ohr.
"Wenn du mir erzählst, was du so erlebt hast", meint er.
Betrübt schaut Amy zu Boden.
Wieder blinken Tränen in ihren Augen auf.
Langsam beugt sie sich vor und flüstert ihm ins Ohr: "Ich will hier weg!"Luis Hohne steht da neben seinem Kumpel und tippt auf seinem Handy rum. Da kommt eine Nachricht seines Kumpels.
Wollen wir essen fahren?
Ja, warum nicht?
Schnell tippt er die Worte. Sprechen findet er uncool. Außerdem mag er seine Stimme nicht.
MC's?
Nee,das ist mega out!
Luis verdreht die Augen.
Dann steigen die Beiden in sein Auto und fahren los.
"Alter, pass auf!", brüllt sein Kumpel.
"Was denn?", fährt Luis ihn an.
"Man du hätt'st den kleinen beinahe gekillt!"
"Na und? Soll der doch aufpassen!"
Geschockt schaut ihn sein Kumpel an. Aus dem Augenwinkel sieht er einen kleinen Schatten...Das kleine Kind war ein Junge, doch eigentlich hat er nie existiert.
Er war nie da und stehts wurde er nur als Schatten aufgefasst. Er war irreal. Sein Hilfeschrie blieb ungehört und seine Tränen blieben ungesehen.
Er hatte eigentlich nichts und dennoch nahmen sie ihm das letzte, was er noch hatte.
Er war ein Schatten in der Welt.
Das Schattenkind!
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Schattenkind
Teen FictionEin kleiner Junge ohne alles, allein. Eine Welt mit allem, verschlossen. Eine Familie mit Reichtum, arm. Ein Kind mit Computerspielen, taub. Ein Papst mit Liebe, stark. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der da ist und es doch...