Draco hatte an ein kleines Strandhaus gedacht. Eine Art Bungalow doch das war es nicht. Es war ein recht großes Haus direkt am Strand. Es stand auf Stelzen, um offenbar hohen Wasserständen zu trotzen. Es war modernisiert, besaß große Fenster und besaß trotzdem die alte Fassade. Es war umwerfend. Als Draco gefragt hatte, wie sie sich so etwas leisten konnte, hatte Scorpius
„Dad." peinlich berührt gemurmelt und dann hinzugefügt, dass seine Mutter einen gut bezahlten Job hatte.
Astoria hatte es belächelt und erklärt, dass es etwas komplizierter war. Während Scorp begeistert das Haus gestürmt hatte, um sich ein Zimmer auszusuchen, hatte Draco geholfen mit dem Gepäck und den Einkäufen, die sie zuvor getätigt hatten. Sie hatte erklärt, dass sie das Haus recht günstig erstanden hatte. Es eine Bruchbude war. Eine Bruchbude mit Potenzial.
Was irgendwie witzig war. Sie sah schon immer in so vielen Dingen Potenzial. Er seufzte bei den Gedanken innerlich, während er von seinem Zimmer auf den Balkon trat. Sie hatte in ihm Potenzial gesehen. Mehr gesehen als andere. Dinge, die er erreichen könnte. Sie hatte in jedem irgendetwas Wertvolles gesehen. Im Gegensatz zu ihm hatte sie ihre Fähigkeiten genutzt. Vor allem wohl ihren Überlebenssinn, um irgendwie weiterzumachen. Das Leben zu überstehen und nicht aufzugeben. Sein Kiefer spannte sich an. Es musste schwer für sie gewesen sein. Mehr als das. Getrennt von ihrer Familie. Ihren Freunden... ihm.
Nein, vor allem von ihrem Sohn. Von Scorpius. Sie hatte so viel verpasst. Ihr war es verwehrt geblieben das zu sein, was sie eigentlich war: Eine Mutter. Er lauschte dem Geräusch des Meeres. Es war hier eher eine ruhige Gegend. Keine dieser Touristenpunkte. Sie hatte beim Einräumen der Lebensmittel erzählt, dass es sie an England erinnerte. An die Küste und sie hatte damit recht. Wenn er nicht wüsste, dass er in Amerika wäre, könnte er der Täuschung erliegen, es wäre England. War er aber nicht. Es war nicht England. Es war Meilen davon entfernt und hier musste sie neuen Fuß fassen. Alleine, Verstoßen und Verlassen.
Aber sie hatte nicht aufgegeben. Sie hatte gekämpft und sich ein Leben aufgebaut, aus dem was ihr geblieben war. So war Astoria. So und nicht anders. So kannte er sie. Und sie war immer noch so schön, wie damals. Er wusste, dass er diese Gedanken nicht haben sollte, aber er hatte sie. Wieso hatte sie keinen Freund? Keinen Verlobten? Keinen Mann? Waren die Männer hier in diesem Land blind? Er war sich sicher gewesen, dass sie verlobt war. Sie wäre jetzt in dem Alter. Einen guten Job. Eine hervorragende Karriere. War das nicht der nächste Schritt im Lebensplan? Zumindest, wenn man in einer normalen Familie lebte?
Er horchte auf, als er das Spielen eines Klaviers hörte. Er hatte gesehen, dass im Wohnzimmer ein Flügel stand und er irrte sich nicht. Als er die Galerie betrat, sah er das Scorpius neben Astoria am Flügel saß. Sie spielten zusammen und als sie aufhörte und er es ihr gleichtat, strahlte sie ihn an.
„Du spielst gut."
„Danke. Oma Zissy hat es mir beigebracht. Ich wusste gar nicht, dass du es auch spielst." Stimmt, das hatte Draco nie seinem Sohn erzählt. „Als Kind gab es zwar Zeiten, da hat es wirklich genervt, das ständige Üben. Aber mittlerweile macht es mir richtig Spaß."
„Ich mochte Musik auch schon immer gerne. Es hat mich klar denken lassen."
Sie spielte ein paar Töne wieder an und Scorpius sagte vorsichtig
„Mum? Darf ich dich etwas fragen?"
Sie schien innezuhalten, bevor sie sich zu ihm wandte.
„Sicher. Das habe ich doch versprochen. Was möchtest du wissen?"
Dracos Sohn schien verlegen zu sein. Er kratzte sich am Hinterkopf
„Wie war das damals, als ihr rausgefunden habt, dass ich... nun ja..."
„Unterwegs bist?", versuchte sie es und Scorpius nickte mit rotem Kopf.
Astoria schien darüber nachzudenken.
„Nun... also du warst nicht geplant, so viel steht fest."
Scorp grinste schief.
„Davon bin ich ausgegangen. Du warst damals sechzehn. Wäre ziemlich verrückt, wenn das geplant gewesen wäre, oder?"
Ja, wäre es. Astorias Schwangerschaft hatte sie beide überrumpelt und bis heute war Draco nicht klar, was er falsch gemacht hatte. Er verhütete immer. Kannte den Spruch auswendig.
„Nun wir waren überrascht, ganz klar.", sagte sie leise.
„Habt ihr überlegt ... also nachgedacht, über einen Abbruch?"
„Scorp...", seufzte sie.
„Nein, ich will es wissen. Ich werde nicht böse sein. Ich meine, du warst sechzehn.", versicherte er ihr und Draco lehnte sich gegen die Wand.
Hatten sie wirklich. Und Draco war überfordert damit gewesen, als Astoria aus der Praxis des Heilers getürmt war. Aber er hatte ihr alles versprochen, als er sie eingeholt hatte. Nicht, weil er lügen wollte. Nein, weil er wollte, dass sie glücklich wurde. Das alles gut werden würde. Sie hatten sich beide getäuscht.
„Wir haben darüber nachgedacht, aber es kam für uns nicht infrage, das wurde uns sehr schnell klar."
„Ihr habt es also nicht nur, zu spät erfahren?"
Sie schüttelte den Kopf und lächelte milde.
„Nein, Scorp. Wir konnten es einfach nicht tun."
Sie strich ihm sanft durchs Haar.
„Und das war die beste Entscheidung für uns."
War es. Scorpius war alles, was Draco brauchte. Das wertvollste, was er besaß und vermutlich das Beste was er jemals in seinem erbärmlichen Leben zustande gebracht hatte.
„Du hast dich also gefreut, als ich auf der Welt war."
„Natürlich. Ich war überglücklich, als ich dich gesund im Arm halten konnte." Draco schloss die Augen. Sie hatte ihn nicht mehr losgelassen. Hatte sich geweigert zu schlafen, obwohl sie so erschöpft gewesen war. „Du warst so winzig und wunderschön, Scorpius.", wisperte sie mit belegter Stimme und umarmte ihn im nächsten Moment fest und sein Sohn ließ es zu.
Erwiderte die Umarmung. Sie schien eine Ewigkeit anzuhalten.
„Warum bist du nicht bei uns geblieben, Mum?", hörte Draco Scorpius leise fragen und Draco selbst glaubte zu merken, wie sein Herz aufhörte zuschlagen.
Astoria ließ Scorp los und schien mit der Fassung zu kämpfen.
„Das ist kompliziert."
„Versuch es einfach zu erklären.", bat der Jüngere.
„Und wenn dir meine Antwort nicht gefällt?", fragte Astoria gegen. „Wenn du mich dafür hasst?"
Scorpius Stimme war hell.
„Ich könnte dich nie hassen."
„Scorp..."
„Ich bin extra hierhergekommen, um alles zu erfahren. Ich meine, gut vielleicht bin ich nicht komplett begeistert, aber ich bin kein kleines Kind mehr, dass nichts versteht."
Erwachsen war er aber auch noch nicht.
Astoria fuhr sich an die Stirn.
„Deine Großeltern waren nicht gerade begeistert, als sie von der Schwangerschaft erfuhren."
„Ja, ich weiß. Oma Zissy hat davon erzählt. Besonders von Oma Eliza."
„Ja.", nickte Astoria. „Meine Mutter und der Vater deines Vaters haben... nun nennen wir es einen Deal ausgehandelt." Scorpius sagte nichts. „Es ging vor allem darum zu heiraten."
Scorpius runzelte die Stirn.
„Und das kam für dich nicht infrage?"
Sie seufzte.
„Es ging nicht ums heiraten selbst, Scorp. Wäre es das gewesen hätte ich damals auf jeden Fall ja gesagt. Dein Vater und ich haben uns geliebt. Dagegen hätte also nichts gesprochen."
Nein, das war es wirklich nicht gewesen.
„Es ging dabei um das Ablegen eines Blutschwurs." Es war furchtbar still, nur das Rauschen des Meeres war zu hören. Als Scorp aufstand, fragte Astoria vorsichtig. „Du weißt, was das ist?"
„Natürlich.", sagte Scorpius scharf. „Dad kann noch so oft glauben, dass er mich modern erzieht. Ich kenne viele dieser mittelalterlichen Traditionen. Viel zu viele."
Draco senkte den Kopf. Er hatte seinen Vater viel zu oft zusammengestaucht, wenn er versucht hatte Scorp veraltete Dinge beizubringen. Dafür hatten sie zu viel bezahlt, als noch an diesen Dingen festzuhalten.
„Man gibt praktisch seinen eigenen Willen mit dem Schwur ab.", schimpfte Scorp und wandte sich wieder seiner Mutter zu. „Hat Vater dem zugestimmt? Hat er das gut gefunden?"
Astoria schüttelte den Kopf.
„Nein. Nein Scorpius."
Dracos Sohn schien mit sich selbst zu kämpfen. Draco sah genau seine Wut. Sah, wie er mit sich kämpfte, nicht zu platzen vor Ärger. Er setzte sich wieder neben seine Mutter und sah sie an. Atmete schwer ein und aus.
„Erzähl bitte weiter."
„In Ordnung."
Sie schien darüber nachzudenken. Vielleicht was sie erzählen sollte und was nicht.
„Nun das andere im Vertrag war fest nebensächlich.", sprach sie weiter. „Ich sollte darauf verzichten meinen Abschluss zu machen. Eine Ausbildung oder ein Studium anzustreben kam natürlich auch nicht mehr infrage."
Sie sollte sich dem fügen, was der Ansicht ihrer Mutter, stets Astorias zugeteilte Rolle war. Hausfrau und Mutter zu werden. Die Familie repräsentieren. Hübsch auszusehen und praktisch den Mund zu halten.
„Konntest du dagegen nichts tun? Rein gar nichts? Ich meine, hättest du nicht einfach abhauen können mit Dad und mir?", fragte Scorpius gequält.
Hätten sie. Wenn er nicht so ein Feigling gewesen wäre.
„So einfach war das damals nicht, Scorpius.", erwiderte Astoria und Draco hob den Kopf.
Sie log.
„Was ist passiert nach meiner Geburt?", fragte er leise und Astoria atmete zitternd aus.
Draco selbst war passiert. Er hatte gelogen. Sie angelogen. Astoria hatte sich auf ihn verlassen und er hatte sie getäuscht. Sie im Stich gelassen. Würde das sein Sohn verstehen? Ihm das verzeihen? Vermutlich nicht.
„Meine Mutter hat dich mitgenommen und ich hatte keine Möglichkeit an dich mehr ranzukommen, da man mich aus der Familie geworfen hat." Sie ausgelöscht hatte, als hätte sie nie existiert. „Ich hatte nichts. Niemanden.", sagte sie erstickt. „Deinem Vater wurde der Umgang mit mir verboten. Vermutlich hätten sie ihm ansonsten auch das gleiche wie mir angetan, Scorpius und damit wärst du ohne Eltern aufgewachsen."
Scorp schluckte sichtlich. Wieso log sie? Ja, im Grunde war es so gewesen. Aber hätte er nur ein wenig Rückgrat besessen, wäre er auf ihren Plan eingegangen. Sie hatte recht gehabt. Er hatte eine Möglichkeit gehabt und nur nicht genutzt.
„Was hast du gemacht?"
„Mein früheres Kindermädchen hat mich bei sich aufgenommen." Draco horchte auf. Das hatte er nicht gewusst. „Und als es mir besser ging, ich mich erholt habe von der Geburt, bin ich ins Ministerium. Ich habe verlangt, dass man dich mir zurückgibt." Sie schüttelte kaum sichtbar den Kopf. „Aber das haben sie nicht. Die damalige Hexe, die den Fall bearbeitet hat, kannte meine Mutter. Und sie hatte gute Argumente. Ich sei zu jung, zu unreif und natürlich nicht volljährig."
Astorias Stimme klang bitter.
„Mir war klar, dass mein Alter an der Tatsache nichts ändern würde. Sie würden erst zustimmen, dass ich dich sehen darf, wenn ich diesen Vertrag unterschreiben würde."
„Und deshalb bist du gegangen.", stellte Scorp fest und Astoria nickte schwer.
„Ja. Ich konnte nichts tun und ich ertrug es nicht. Zu wissen, dass du in der Nähe bist. Ein Katzensprung entfernt ..." Sie brach ab. Legte ihre Hand an ihre Lippen. „Ich musste mir etwas aufbauen. In England hätte ich das nie gekonnt." Nun dafür hätte vor allem ihre Mutter wohl gesorgt. „Also bin ich hierher. Hab mir eine neue Existenz aufgebaut."
„Ich hasse sie.", wisperte Scorpius und als Astoria ihn ansah, sprang er auf. „Wie konnten sie uns das antun? Lucius, Eliza und ... Merlin, ich hasse sie alle vier!", schrie er.
„Sag so etwas nicht."
„Was soll ich ansonsten sagen?", fragte er hitzig gegen. „Wie kannst du sie in Schutz nehmen? Sie haben dir mich weggenommen?! Sie haben dich verstoßen. Ausradiert." Dracos Sohn schüttelte voller Wut den Kopf. „Wenn sie dich nicht mehr in ihrem Leben haben wollen, schön. Aber sie hatten nicht das Recht, mir dich wegzunehmen! Wegen dummen alten Traditionen oder dem Gerede der Leute. Bei Merlin, selbst Potter wurde Vater kurz nach dem Krieg und es hat kein Drache danach gebrüllt."
„Scorp..."
„Nein! Ich werde ihnen das nie verzeihen! Niemals."
Astoria stand auf und legte entschieden ihre Hände auf Scorps Schultern.
„Ich will es nicht gut reden, Scorpius. Aber sie sind in anderen Zeit aufgewachsen." Scorp schnaubte. „Und deine Großmutter Narzissa hat mir damals versprochen, bevor ich gegangen bin, dass sie auf dich achtgibt. Auf dich und deinen Vater."
Scorp schüttelte den Kopf und presste schwer hervor.
„Es ist nicht gerecht."
„Nein ist es nicht.", antwortete sie und Scorpius umarmte plötzlich seine Mutter. Dracos Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er seinen Sohn schluchzen hörte. Wann hatte Scorp das letzte Mal geweint? „Schon gut Scorpius. Schon gut.", wisperte Astoria schwer. „Ich bin doch jetzt hier. Ich bin hier."
Ja, jetzt war sie hier und schützte Draco immer noch, obwohl er das mit Sicherheit nicht verdient hatte, indem sie log.
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Gestohlenes Glück
FanfictionScorpius ist fest entschlossen seine Mutter zu suchen und sie kennenzulernen, gegen den Willen seiner Familie. Wird er die Antworten bekommen, die er sucht? (Drastoria)