Irgendwann war Andreas wohl in dem Stuhl neben Chris' Bett eingeschlafen, denn als er wieder zu sich kam, war es bereits dunkel draußen.
Chris schlief immer noch tief und fest neben ihm und Andreas wusch sich mit den Händen über das Gesicht um seine eigene Müdigkeit abzuschütteln.
Er war gerade aufgestanden und hatte sich zu strecken begonnen, als eine Schwester die Türe öffnete und den Lichtschalter anknipste. „Herr Reinelt, ist alles soweit in Ordnung bei ihnen? Der Doktor ist jetzt hier für die Visite."
Sie trat auf die Seite und der Doktor, der vorher mit Andreas im Gang gesprochen hatte kam durch die Tür geschritten. Er hielt eine Patienten Akte in der Hand und beachtete Andreas gar nicht weiter als er um das Bett herumschritt und eine Hand auf Chris Schulter legte um ihn zu wecken. „Herr Reinelt?" fragte er und schüttelte Chris leicht.
Chris schreckte hoch, die Augen weit aufgerissen. Er strauchelte, als er versuchte, sich aus der Bettdecke zu befreien, in die sich sein Bein verwickelt hatte. „Ich—"
„Immer mit der Ruhe, Herr Reinelt," besänftigte ihn der Doktor im ruhigen Tonfall. „Sie sind im Klinikum in Emden. Können sie sich noch daran erinnern was passiert ist?"
Immer noch etwas außer Atem, kniff Chris die Augen zusammen um das grelle Licht auszublenden, das von der Neonleuchte an der Decke kam.
Andreas trat an das Bett heran um seelische Unterstützung zu leisten und fühlte wie sich Chris durch seine Nähe instinktiv etwas mehr entspannte.
„Ja ähm, ich bin gestürzt", antwortete Chris etwas zögerlich. „Mein Bruder hat mir gesagt, dass ich am Oberschenkel operiert worden bin."
„Das ist richtig, Sie hatten eine Schenkelhalsfraktur", ergänzte der Arzt mit sachlicher Bestimmtheit und rückte seine Brille zurecht. „Wir haben die Bruchstelle mittels einer dynamischen Hüftschraube und einer Platte fixiert. Aber die Blutversorgung war leider einige Zeit lang unterbrochen, was zur Folge hat, dass Sie wohl mit erheblichen Bewegungseinschränkungen rechnen müssen."
Andreas konnte in Chris' Gesicht sehen, wie er mit sich rang, die Worte des Doktors zu verarbeiten. Es dauert einen Moment bis er zu verstehen begann, was der Arzt ihm verständlich machen wollte, dann machte sich Unglaubwürdigkeit auf seinen Zügen breit. „Wollen Sie mir damit etwa sagen, dass..."
„Es könnte sein, dass Sie von nun an mit erheblichen Leisten- beziehungsweise Hüftschmerzen leben werden müssen, Herr Reinelt. Ich schließe eine Arthrose nicht aus. Aber fürs Erste werden wir den Heilungsprozess einfach genau beobachten müssen."
Der Schock stand Chris ins Gesicht geschrieben und es zerriss Andreas das Herz ihn so zu sehen, den Mund immer noch leicht geöffnet, das Kinn gesenkt so als waren die Worte einfach auf seiner Zunge eingetrocknet und gestorben. Er sah aus, als hätte er keinen Tropfen Blut mehr in seinen Adern, so als hätte er in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen Sonnenstrahl abbekommen. Kreidebleich und geschockt. Ungläubig schüttelte er den Kopf und versuchte zu verstehen, was das für seinen weiteren Lebensweg zur Folge hatte, was es bedeutete.
Chris war immer schon ein schneller Denker gewesen. In der Schule hatte er immer schon die besten Noten nach Hause gebracht und war ein absoluter Musterschüler gewesen. Er hatte Grips und handwerkliches Geschick, konnte verdammt schnell logisch denken und Fakten kombinieren. Andreas hatte ihn immer schon für sein Allgemeinwissen und seine natürliche Neugierde bewundert. Aber jetzt in diesem Moment wünschte Andreas sich nichts sehnlicher, als das Chris nicht ganz so neugierig wäre, als dass sein kleiner Bruder nur ein einziges Mal in seinem Leben keine Fragen stellen würde. Dass Chris' Kopf sich nicht bereits mit den möglichen Auswirkungen und Folgen seines Unfalls überschlagen würde.
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Anders Als Man Denkt
AksiEs ist der letzte Auftritt der Tour und Chris hat sich eine Grippe eingefangen. Geschwächt vom Fieber und emotional aufgewühlt nach einem Streit mit Andreas passiert das Undenkbare: Chris hat einen Unfall auf der Bühne und wird schwer verletzt. Wir...