Chris hatte sich bei einem seiner Kumpels verschanzt. Es war ein langjähriger Freund von ihm, einer von den wenigen, die er sogar noch von der Schule kannte, lange bevor er auf der Straße von irgendwelchen wildfremden Menschen um Selfies gebeten wurde.
Sein Freund hatte einen Blick auf seine aufgequollenen, rot-unterlaufenen Augen geworfen und einen Arm um seinen Nacken geschlungen. "Du siehst aus als könntest du ein Bier gebrauchen."
Seitdem waren Stunden vergangen. Sie hatten ein wenig gezockt, ein bisschen was getrunken und sich über alles mögliche unterhalten. Nur nicht darüber, was vorhin in der Werkstatt passiert war.
Jeder der ihn besser kannte, wusste, dass Chris sich nicht leicht gegenüber anderen öffnete. Er konnte verdammt gut zuhören und sich in andere Menschen hineinversetzen, aber er selbst gab fast nie Preis, was sich in seinem Inneren abspielte und er fühlte sich unwohl in Gesellschaft, die ihn diesbezüglich zu sehr in die Ecke drängte. Deshalb war es auch kein Zufall, dass er bei Markus Unterschlupf gesucht hatte.
Sein Kumpel hatte ihn noch nie mit irgendwelchen Fragen gelöcherte, nie nachgehakt, wenn Chris auf irgendwas nicht gleich eine Antwort parat hatte. Markus war einfach da und wusste immer genau, wie er Chris am Besten ablenken oder aufheitern konnte.
Aber heute half einfach gar nichts. So sehr er sich auch bemühte, Chris konnte sich einfach nicht beruhigen. Immer wieder, schwirrten die Worte seines Bruders in seinem Kopf umher, immerzu dachte er darüber nach was Andreas ihm gesagt hatte. Und dass es vorbei war. Alles war vorbei. Nur weil Chris einen Fehler gemacht hatte, nur weil er ein Idiot gewesen war, ein verdammter, egoistischer Idiot mit Fieber, der nicht mal mehr auf eine Traverse klettern konnte, ohne dabei das scheiß Gleichgewicht zu verlieren und--
"Hey, Chris, dein Handy", sagte Markus und dann erst bemerkte Chris, dass sein iPhone auf dem Couchtisch von Markus zu vibrieren begonnen hatte.
Es war Andreas.
Sofort hatte Chris wieder Tränen in den Augen.
Er ging nicht ran, machte die Tastensperre an und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch, für den Fall dass Andreas es noch weiter probieren würde.
"Willst du nicht rangehen?" fragte Markus fast schon beiläufig und nahm einen zaghaften Schluck von seinem Bier.
"Nö", gab Chris zurück und hielt die Augen auf den Fernseher gerichtet, auf dem irgendeine Reality Show lief. Er hatte keinen blassen Schimmer worum es darin ging. "Ist nur Andreas."
"Ich weiß," sagte Markus und sah ihn weiterhin eindringlich an. "Zum fünften Mal diese Stunde."
"Hmmm," ignorierte Chris den Einwurf seines Freundes. "Weißt ja wie er ist."
"Hattet ihr Stress oder was?", versuchte Markus es erneut.
Chris kniff die Lippen zusammen. Er war nicht spät abends hier hergekommen um sich einem Kreuzverhör zu unterziehen. Wenn es darum ging sich auszusprechen, hätte er sich gleich mit seiner Familie an einen Esstisch gesetzt und das ganze Scheiß Thema im großen Kreise durchgesprochen.
Markus seufzte. "Schreib ihm doch einfach kurz, damit er sich keine Sorgen macht."
"Ey, ich bin kein scheiß Kind mehr," murmelte Chris und schnaubte auf.
"Dann hör auf dich wie eins zu benehmen."
Chris schüttelte einfach nur den Kopf. Alles in ihm verkrampfte sich bei dem Gedanken Andreas zu schreiben oder sonst auf irgendeine Art mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er wollte einfach nur hier sitzen, sein Bier trinken und stumpfe Scheiße im Fernsehen gucken. War das denn zu viel verlangt?
"Hör mal, so schlimm kann's doch nicht gewesen sein."
Vielleicht... wenn Chris einfach gar nichts sagen würde, dann würde Markus einfach Leine ziehen und nicht noch tiefer in der Wunde bohren.
"Vielleicht solltest du--"
"Lass einfach gut sein, okay?!" fauchte Chris seinen Freund wütend an und sprang von der Couch auf. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar und zog an den Strähnen bis es im einen Stich versetzte. Ihm war schwindelig. Schlecht. Er hatte nichts gegessen, zu viel getrunken und eigentlich wollte er gar nicht wirklich hier sein. Aber zu Hause, waren zu viele Dinge die ihn an die Shows erinnerten. Zu viele Fotos von Steffi und den Kindern und Papa und Mama und Sylvia und Andreas. "Ich muss ne Runde an die frische Luft."
Sein Freund rief ihm noch irgendetwas hinterher, aber da war Chris auch schon draußen und ließ die Haustüre hinter sich ins Schloss fallen.
Kaum hatte er es aus dem Vorgarten raus auf die Straße geschafft, sah er im dämmrigen Licht ein Paar Autoscheinwerfer auf ihn zukommen.
Er kannte dieses Motorbrummen, kannte die Farbe und Beschaffenheit des Autos, kannte die Bremslichter, die Kratzer am Lack, die Seitenspiegel und das Kennzeichen.
Wie zur Hölle...
Andreas hupte und gerade als Chris schlagartig die Richtung wechselte und versuchte, mit pochendem Herzen zurück in das Haus seines Kumpels zu fliehen, hatte Andreas den Wagen angehalten und die Warnblinkanlage angemacht. Alle Lichter waren an und das Radio dröhnte leise durch die Nacht als Andreas ohne Jacke aus dem Auto sprang - er hatte den Zündschlüssel stecken lassen, der Idiot - und Chris hinterherlief. "Bruder, warte--"
"Was willst du denn hier?" fragte Chris genervt und schritt weiter auf Markus Hauseingang zu.
Andreas schnappte ihn an der Schulter und riss ihn herum. "Jetzt bleib doch mal stehen, verdammt! Ich muss mit dir reden."
"Reden? Worüber denn? Ist doch alles gesagt. Ich hab Max schon Bescheid gegeben. Er hat gemeint er sagt es der Crew."
Andreas sah ihn gequält an. "Hör mal, Chris--"
"Das ist doch das was du wolltest, richtig? Keine Shows mehr, keine Interviews oder Tours oder Auftritte im öffentlichen Rahmen. Die Ehrlich Brothers sind Geschichte."
"Bruder--"
"Was denn noch, Andi? Was willst du noch von mir, hm? Soll ich ein öffentliches Statement abgeben? Soll ich es der Familie erklären? Soll ich den Fans sagen, dass es am Unfall liegt?"
Andreas warf einen besorgten Blick um sich. Ein paar Lichter waren in den Nachbarhäusern angegangen und die Leute hatten angefangen ihre Gesichter an die Fensterscheiben zu quetschen. "Komm, lass uns nach Hause fahren. Dann reden wir in Ruhe."
"Nein, vergiss es", sagte Chris stur. "Ich bleibe hier."
Andreas war gereizt. "Warum? Damit du weiter deinen Problemen aus dem Weg gehen kannst?" Er seufzte und versuchte sich zu beruhigen. "Okay, hör zu. Ich hab Mist gebaut. Ich hätte nicht so ausrasten sollen, vorhin in der Werkstatt. Vielleicht war das alles ein wenig vorschnell. Alles aufzugeben, was wir uns so hart erarbeitet haben..."
"Ach? Jetzt auf einmal, ja?" Chris schnaubte. "Vorhin hat sich alles noch ganz anders angehört."
"Chris, bitte..." Andreas' Augen nahmen flehende Züge an. "Bitte steig einfach ins Auto, okay?"
Chris zögerte. Er wollte nicht so einfach klein bei geben. Er wollte auch nicht zurück nach Hause, nur um sich dort nochmal damit konfrontieren zu lassen, dass alles aus und vorbei war. Ihr ganzer Traum, all die jahrelange Arbeit, zerplatzt. Einfach so!
Andreas packte ihn am Handgelenk. "Komm."
Es war nur ein einziges scheiß Wort.
"Bruder?"
Chris schloss die Augen und ließ seine Schultern sacken.
Er hatte noch nie nein sagen können, wenn Andreas ihn um irgendetwas bat. Egal wie heftig sie sich auch gestritten hatten oder wie sehr Chris etwas nicht tun wollte, Andreas hatte es noch immer irgendwie geschafft, ihn in irgendeine neue Scheiße zu reiten.
"Na schön."
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Anders Als Man Denkt
ActionEs ist der letzte Auftritt der Tour und Chris hat sich eine Grippe eingefangen. Geschwächt vom Fieber und emotional aufgewühlt nach einem Streit mit Andreas passiert das Undenkbare: Chris hat einen Unfall auf der Bühne und wird schwer verletzt. Wir...