vivi871
Manche Dinge trägt man länger, als man denkt.
Sina hat früh gelernt, genau hinzusehen. Auf Menschen, auf Stimmungen, auf all die kleinen Zeichen, die andere übersehen. Heute arbeitet sie in einer Wohngruppe und ist für andere da, während sie von ihrem eigenen Leben längst nicht mehr besonders viel erwartet.
Liv dagegen musste bisher selten darüber nachdenken, wie es anderen geht. Mit zwanzig ist sie überzeugt davon, dass für die meisten Probleme irgendwo eine vernünftige Lösung existiert - man muss sie eben nur nutzen. Bis eine ziemlich dumme Nacht ihr achtzig Sozialstunden in einem Jugendzentrum einbringt.
Viel gemeinsam haben die beiden nicht.
Bis alte Kleidungsstücke plötzlich Dinge hinterlassen, die keinem von ihnen gehören. Ein Geruch, den es nicht gibt. Ein Gefühl ohne Grund. Bilder aus einem Leben, das sie nie geführt haben.
Und mit jeder fremden Erinnerung wird es schwieriger, die Welt noch genauso zu sehen wie vorher.
Denn manchmal reicht ein einziger Augenblick im Leben eines anderen, um zu begreifen, wie wenig man über einen Menschen weiß.
Und dass manche Geschichten vielleicht gar nicht dazu bestimmt sind, erzählt zu werden.