Schubladengesellschaft

Schubladengesellschaft

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WpMetadataNoticeLast published Fri, Apr 9, 2021
Wenn ich eine Sache über mich sagen müsste, würde ich sagen dass ich erstens, nicht "muss" sondern allerhöchstens "sollte", und zweitens eine Sache sowieso nicht bedeutungsvoll ist, einfach weil sie nichts weiter als einen sehr lückenhaften ersten Eindruck erschafft. Und ich halte absolut nichts von ersten Eindrücken, denn sie sind belanglos verglichen mit dem Bild das niemals aufhört an Einzelheiten dazu zu gewinnen, das sich immer weiter entwickelt, mit jedem Mal wenn man mit einer Person, in dem Fall mit mir, Worte wechselt. In der Gesellschaft der heutigen Zeit wird allerdings eindeutig zu selten getaucht. Von der Oberfläche hinuter in die Tiefe zu den Hintergründe von allen ach so offensichtlichen "Tatsachen", die jeden einzelnen mit jeder neu entdeckten Info von einer Schublade zur nächsten verfrachtet. Abgestempelt und nicht hinterfragt steckt also jeder in seiner von der Gesellschaft ausgewählten Schublade fest. Jede Schublade mit ihrem von der Menschheit zugewiesenen Aufkleber, der die Kategorie der darin gefangenen Menschen bestimmt.
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ich habe keine Ahnung, was damals passiert war und vor allen Dingen, warum es jetzt meinen Geist dermaßen besetzt, dass ich alles nach Zeugnissen dieser Zeit absuche. Vergebens. Alles, was ich habe, ist ein kurzer Eintrag in meinem Tagebuch, in dem steht, dass ich dich am Liebsten vermöbelt hätte. Was ich damals nie getan hätte, da war ich doch viel zu schüchtern. Ich kann mich kaum erinnern, mit dir mehr als zwei Worte gewechselt zu haben. „Hallo" und „Tschüss", wahrscheinlich hast du mich genauso gesehen, die beste Freundin deiner Stieftochter, die ab und zu vorbei kommt. Mehr nicht. Wir lebten nebeneinander her, alles, was ich von dir weiß, ist dein damaliger Beruf, warum auch immer ich das noch weiß. Habe keine Ahnung, wie alt du warst, obwohl du, glaube ich, jünger als deine Frau warst. Ich habe sie immer bewundert, weil sie mir so locker und trotzdem stark vorkam, und fand euch als Paar cool. Obwohl sie auch Prinzipien hatte, die ich nicht nachvollziehen konnte, ich erinnere mich an eine Nacht, als deine Stieftochter und ich Toffifee genascht hatten und es am nächsten Morgen Ärger gab, dass wir zu laut herum geknistert hätten. V. musste immer heimlich naschen. Und ja, wir waren häufiger ungezogen, als ihr mitbekommen hattet. Wäre es nicht angebracht, mich dafür über's Knie zu legen?

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