Kapitel 1 - Die Verwechslung
Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Moment, in dem sie die Tür aufbrachen. Ich weiß nur noch, dass der Raum plötzlich von Licht geflutet wurde - hart, grell, erbarmungslos. Männer in dunkler Schutzkleidung stürmten herein. Stimmen, laut, scharf. Befehle flogen durch die Luft, vermischten sich mit dem Geruch von Schweiß, Eisen und Schmutz.
Einer der Männer kniete sich neben mich. Seine Hände, behandschuht, zitterten leicht, als er mein Handgelenk berührte, um meinen Puls zu fühlen. Er sprach mit mir, aber ich verstand kein Wort. Meine Ohren rauschten. Mein Körper vibrierte von innen, wie eine Saite, die zu oft gezupft wurde.
Ich blutete aus der Nase. Aus dem Mund. Aus kleinen Rissen über mein ganzes Gesicht. Meine Lippen waren aufgesprungen, die Haut an meinen Armen bläulich verfärbt, als hätte jemand mich zu einem Spielball gemacht. Und doch - ich weinte nicht. Ich spürte den Schmerz, irgendwo, aber wie durch Glas. Dumpf. Entfernt.
„Sie lebt", sagte der Polizist. Er sprach es aus, als müsse er sich selbst überzeugen. Dann rief er nach dem Sanitäterteam.
Wenig später hörte ich das Heulen des Krankenwagens draußen, das rhythmische Quietschen der Trage, die durch den schmalen Flur gerollt wurde. Die Männer redeten mit mir, versuchten, mir zu helfen, aber ich starrte nur an die Decke, als gäbe es dort etwas, das wichtiger war als mein zerbrochener Körper.
Ich erinnere mich noch daran, wie die Sanitäter mich auf die Trage hoben. Mein Kopf fiel nach hinten, der Blick streifte für einen Moment die zerkratzten Wände. Und da war es - das Graffito, das einer von ihnen an die Wand geschmiert hatte. Falsches Mädchen, stand da. In roter Farbe.
Falsches Mädchen.
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