Weiß wie die Raben
✨ Sie kannte Feen, Geister, Gestaltwandler, Trolle und so oft hatte sie sich gefragt, ob er ein Fabelwesen war. Ob er blutete, wenn man ihn schneiden würde. Ob er Schmerz fühlen konnte. Ob Worte wie „Ich liebe dich", die für einen Menschen die Welt bedeuten konnten, ihn erreichen würden.
Vielleicht war er tausend Jahre alt, ein nordischer Gott und die Brücke zwischen Leben und Tod.
Vielleicht war er so alt wie sie, aber aus unerfindlichen Gründen ein Elf aus einer anderen Welt.
Vielleicht hatte der Moorpfad sie an diesen Ort geschickt, weil sie im Gegenteil zu Oliver zu etwas Großem bestimmt war.
Seine Haut war frisch gefallener Schnee und seine Augen Eis. Ihre Haare waren Blut in seiner Welt. ✨
Emeraldmoor ist ein einfaches Städtchen, verborgen auf einer namenlosen Insel.
Vier Straßen führen in vier Himmelsrichtungen.
Regeln gibt es kaum.
Oder vielmehr nur eine:
Man durfte nicht fragen.
Nicht, warum das sagenumwobene Moor so ist, wie es ist.
Nicht, was es mit der bedrohlichen Nebelburg auf sich hat.
Nicht, warum die Frauen im Kunsteck wahrsagen können.
Das kommt den drei Freunden Oliver, Eve und Cordelia gelegen.
Denn sie alle tragen Geheimnisse in sich, nach denen niemals jemand fragen sollte.
Woher kam Oliver vor fünf Jahren?
Wieso kehrt Cordelia immer wieder vom Tod zurück?
Und warum darf Eve nicht mehr allein durch den Wald gehen?
Doch wie es mit Regeln nun einmal ist, wird auch diese irgendwann gebrochen.
Plötzlich kreisen weiße Raben über den Kürbisfeldern.
Sonnentropfen verwandeln sich in Schakale.
Lieder wandern durch den Nebel.
Was wie ein Märchen beginnt, ist längst keines mehr.
Denn manche Geheimnisse wollen verborgen bleiben.
Und manche Herzen werden selbst den Smaragden zu schwer.