Zweimal zu lange
Im dritten Stock hörte Lea jeden Morgen den Wecker der Nachbarn.
Er klingelte immer zweimal zu lange, als müsste jemand überzeugt werden, aufzustehen.
Sie stellte sich vor, wie dort drüben jemand reglos im Bett lag und gegen den Tag verhandelte. Ein inneres noch fünf Minuten, das nie laut ausgesprochen wurde. Irgendwann verstummte der Ton abrupt.
So begann fast jeder ihrer Morgen.
Lea kannte die Stimme des Weckers besser als die ihres Nachbarn. Sie wusste, wann er verschlief, wann er es eilig hatte, wann der Tag schwer auf ihm lag. Manchmal klingelte er gar nicht. An diesen Tagen blieb sie länger wach, als müsste sie auf etwas achten.
Sie hatten sich nie vorgestellt.
Nicht richtig.
Ein paar flüchtige Begegnungen im Treppenhaus. Sein Nicken, ihr kurzes Lächeln. Seine Jacke aus Leder, abgetragen, mit einem Schädel auf dem Rücken. Silver Skulls. Sie wusste nicht viel über den Club, nur genug, um zu verstehen, dass Fragen hier selten Antworten brachten.
Er hieß Jonah. Das hatte sie einmal gehört, als jemand unten auf der Straße nach ihm gerufen hatte.
Jonah mit dem Wecker, der zu lange klingelte.
Eines Morgens trafen sie sich unten vor dem Haus. Es regnete, und er hielt ihr wortlos die Tür auf. Seine Hände waren rau, die Knöchel gezeichnet von alten Narben. Kein Blick, der sie musterte. Nur Präsenz.
„Dein Wecker", sagte sie, bevor sie darüber nachdenken konnte. „Der klingt, als würde er dich nicht mögen."
Er sah sie an. Einen Moment zu lang. Dann zuckte ein müdes Lächeln über sein Gesicht.
„Er kennt mich zu gut."
Von da an blieb es nicht bei Blicken.
Sie tranken Kaffee auf der Stufe vor dem Haus. Erst schweigend, dann mit Worten, die nichts erklärten und trotzdem viel sagten. Er erzählte nicht vom Club. Sie fragte nicht. Nähe entstand nicht durch Wissen, sondern durch Akzeptanz.
Manchmal kam er spät. Manchmal gar nicht. Lea hörte den Wecker dann trotzdem. Oder bildete sich ein, ihn zu hören. Als wäre etwas von ihm do