Wenn man mich fragen würden, was ich auf der Welt am meisten hasse, würde ich neben Egoismus, Armut und Krieg wahrscheinlich „Das Geräusch des Weckers" antworten. Ein wirklich grässliches Geräusch. Jeden morgen spüre ich diesen kalten Schauer und das starke Herzklopfen, wenn ich aus meinem Schlaf und meinen Träumen gerissen werde.
Könnte man doch ewig weiterschlafen.
Ich verließ die wohltuende Wärme meines Bettes und lief mit schleppenden Schritten in die Küche, füllte Wasser in den Wasserkocher und nur einen Esslöffel Instantkaffee in meine Tasse. Mir gefiel der Geruch und das Gefühl von Kaffee am Morgen, doch kann ich ihn nicht trinken, wenn er zu stark ist.
Mein Handy lade ich über Nacht immer in der Küche auf, damit ich während der Nacht nicht von aufblickenden Display gestört werde. Ich nahm es vom Ladekabel ab und scrollte durch die verschiedenen Benachrichtigungen, die ich inzwischen erhalten habe. Nichts Besonderes...ein paar Newsletter Mails, eine Benachrichtigung von Instagram und eine Nachricht von Daniel, meinem Arbeitskollegen und Verlobten.
Eine neue Nachricht von Daniel.
Guten Morgen, soll ich dich abholen?
Ich schaute aus dem Fenster, es regnet in stark, kein Wetter in dem man mit dem Bus unterwegs sein möchte, vor allem wenn man mehrmals umsteigen musste. Sofort dachte ich an Daniels Auto mit der Sitzheizung und dem kompletten Schutz vor Nässe und Wind.
Guten Morgen
Wäre super!
Fühlte ich mich schlecht, dass ich mich mehr auf sein Auto freute, als auf ihn? Ja. Würde ich jemals etwas daran ändern? Nein. Dafür besitze ich nicht die nötige Stärke.
„Hallo schöne Frau." So begrüßte er mich jedes Mal, wenn wir uns sahen. Es ist ein Wunder, wie jemand dich als der schönste Mensch sieht, obwohl man sich selbst überhaupt nicht so wahrnimmt. Denn schön war ich nicht. Ich war...normal. Die Spitzen meiner dunkelblonden Haare verteilten sich zu allen Seiten, in meinem Gesicht fielen zuerst die dunklen Augenringe auf, die ich selbst mit einer großen Dosis Concealer nicht verdecken konnte. Selbst meine Augenfarbe war normal. Braun. Kein strahlendes blau, kein mystisches grün und kein seltenes grau. Einfach braun.
Daniel dagegen, war groß, nicht zu dünn, nicht zu dick, hatte dunkelbraunes Haar, welches mich immer an heiße Schokolade erinnert und Augen so schwarz, dass es einfach war sich in sie zu verlieren.
Er stand vor meiner Haustür, den Regenschirm hoch haltend, damit ich bis auf den Weg zum Auto nicht nass werde, er öffnete die Beifahrer Tür und ging sicher, dass meine Beine und Kleidung komplett im Auto sind, bevor er die Tür schloss. Ja, ich hatte echt Glück. Jedenfalls sagten mir das viele nachdem er mir den Heiratsantrag machte. Er sah gut aus, er war zuvorkommend und hilfsbereit und er liebte mich. Wieso also ist es so schwer für mich dies alles zu genießen?„Du siehst gut aus." Er hielt meine Hand, meine Finger spürten den Druck seiner Finger, jedes Mal wenn er den Gang wechselte.
„Danke. Du auch." antwortete ich und hoffte so etwas wie ein sanftes Lächeln zeigen.
Ich schaute aus dem Beifahrerfenster und beobachtete die Regentropfen, die im Rhythmus der Vibrationen des Autos die Fensterscheibe runterliefen. Fast sah es so aus, als würden die einzelne Tropfen ein Wettrennen veranstalten. Wer zuerst unten ankommt, hat gewonnen.
„Wir müssen uns langsam auf ein Datum einigen. Meine Mutter fragt mich jeden Tag, wann es endlich so weit ist." Ich wendete meinen Blick vom Fenster ab und sah nun Daniel an.
„Hmm...ich würde ungern im Regen heiraten, deshalb hab ich an Sommer gedacht. Vielleicht ganz klassisch im Juni." Das war gelogen. Ich habe überhaupt nicht an unsere Hochzeit gedacht und mir diese Antwort gerade aus dem Ärmel gezogen.
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Traumtagebuch - Mein Leben als Oneironautin
RomanceWas für eine Angst man verspüren muss, wenn man sich lieber in seinen Träumen zurückzieht, als seine Wahrheit zu leben... Chloe hat alles, was jeder haben möchte und trotzdem kreist das Wort Unzufriedenheit ständig in ihren Gedanken. Nachdem sie sic...