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"Tut mir Leid, es ist etwas später geworden!", rief ich nuschelnd in den kleinen Hinterraum unseres Tanzschule, während ich kauend meine Sporttasche und meinen Rucksack in der Umkleide verstaute.

Meine Tante erschien mit einem Taschenrechner in der Hand in der Tür.

"Diesen Monat sieht es sehr schlecht aus. Kylie, ich fürchte, wir müssen dein Taschengeld kürzen.",sagte sie bedauernd, und ich konnte hören, dass es ihr Leid tat, mir diese Nachricht wieder ausrichten zu müssen.

Sie sah erschöpft und ausgelaugt aus, und man sah ihr an, dass sie seit vielen Jahren keinen freien Tag mehr gehabt hatte.

Ich wollte ihr nicht noch mehr zur Last fallen, also schluckte ich den Rest meines Müsliriegels hinunter, und presste meine Lippen zu einem Lächeln.

"Ist schon Okay Lo, wirklich."

"Kylie, eines Tages kommen bessere Zeiten für uns und das Studio, ich verspreche es dir."

"Hoffentlich. Ich mache mich dann an die Arbeit."

Ich schlüpfte in meine Sportkleidung, holte mir einen Putzkübel, und begann das noch leere Parkett unserer Tanzschule zu schrubben.

Bald darauf kam Mike um seinen Unterricht zu geben, und ich beeilte mich fertig zu werden.

"Lässt du dir das wirklich gefallen?", fragte er und beäugte mich mitleidig.

"Was denn?", gab ich zurück, und rauschte an ihm vorbei in die Putzkammer um den Eimer auszuwaschen.

Ich wusste genau was er meinte.

Er lachte und folgte mir in den engen Raum.

"Na, du weißt schon. Du kümmerst dich fast ganz alleine um alles. Du putzt das Studio, gibst einen Kurs, du hältst eure Wohnung in Schuss, umd dafür zahlen sie dir so gut wie garnichts, ich finde mit sechzehn sollte man Freunde haben und ausgehen, die erste Liebe erleben und-"

Mike machte mich wieder unmissverständlich darauf aufmerksam wie viel ich in meinem Leben verpasste. Und das machte mich wütend.

"Hör mal, Mike. Ich habe mir nicht ausgesucht, dass meine Eltern gestorben sind und das ich bei Lo und Jacob aufwachse.
Ich habe mir außerdem nicht ausgesucht, dass wir arm sind.
Aber weißt du was?
Ich liebe meine Familie, und deshalb werde ich ihnen immer helfen, so gut es geht, auch wenn ich dafür nicht ein ach so tolles Teenager Leben führen kann.
Es ist mir egal. Lo und Jacob sind dafür verantwortlich dass ich nicht in einem Heim bin, außerdem schuften beide jeden Tag, um mir etwas zu essen zu geben.
Darüber hinaus darf ich jeden Abend hier trainieren, und dafür bin ich ihnen dankbar", wieß ich ihn ausdrücklich zurecht.

Die Glocke der Tür ertönte gedämpft.

"Kein Grund mich so anzumaulen, war ja nicht böse gemeint. Ich muss jetzt Unterricht geben, die ersten Kids sind da."

Damit ließ er mich stehen.

Ich trocknete den Eimer ab und holte meinen Rucksack, um mit den Hausaufgaben zu beginnen.

Die Kinder tanzten mit Mike bereits, als ich auf die Bank die ganz am Rand der Tanzfläche stand zusteuerte.

Ich grüßte die Mutter die mit ihrem Kind auf der Bank saß,setzte mich mit etwas Abstand neben sie, und zog meinen Block und einen Stift aus meinem Rucksack.

3-Seitiger Aufsatz. Na toll. Mein Blick schweifte durch den Raum. Wie sollte ich denn so einen Aufsatz anfangen?

Mein Blick blieb an dem kleinen Mädchen das neben mir saß, und mich mit großen Augen musterte hängen.

"Warum bist du Hellhäutig?", piepste sie.

"Teala, so etwas fragt man nicht!", zischte die Frau.

"Ist schon Okay.", lächelte ich.

Ich war die Frage gewohnt. Hier in diesem Viertel lebten überwiegend Dunkelhäutige Menschen, und ich war meist die Außenseiterin mit meinen hellblonden Haaren und meiner käsigen Haut.

Früher wollte ich unbedingt anders aussehen, damit mich die anderen Kinder nicht hänselten.

"Meine Mummy und mein Daddy sind verreist, und bis sie wieder kommen wohne ich hier, weißt du?", sagte ich zu dem kleinen Mädchen.

Sie musste ja nicht unbedingt wissen, das meine Eltern wohl für längere Zeit in das Jenseits verreist waren.

"Achso.",sagte die Kleine.

Und von da an schwiegen wir und ich arbeitete weiter an meinen Hausaufgaben. Irgentwann stoppte die Musik, die Kinder gingen wieder und Mike verabschiedete sich kurz darauf auch.

Ich war gerade bei meiner Politik Hausaufgabe angekommen, als Lo nach mir rief.

"Ja?", fragte ich als ich bei Lo im Hinterzimmer war.

"Jenny hat gerade angerufen, sie ist krank. Ihr Kurs fällt also aus, wir sind für heute fertig. Du kannst jetzt schon anfangen wenn du möchtest, ich gehe jetzt nämlich zum Einkaufen. Wir sehen uns also dann Zuhause."

"Okay, danke Lo"

Sie lächelte mich an.

Ich lief zu meiner Sporttasche und holte meine Spitzenschuhe heraus.

Das leiße Klingeln der Tür verriet mir, das Lo das Studio verlassen hatte. Jetzt war ich allein. Endlich hatte ich ein paar Stunden für mich.

Ich band meine Spitzenschuhe zu und kämmte anschließend mein Haar zu einem ordentlichen Pferdeschwanz.

Dann lief ich in den Tanzraum und ersetzte Mikes HipHop-CD in der Stereoanlage durch eine Klassik-CD.

Anfangs blieb ich an der Stange um mich aufzuwärmen, dann wechselte ich in die Mitte der Fläche.

Ich ließ mich in den Takt der Musik fallen, meine Füße flogen leicht über das Parkett.

Ich ließ meinen Emotionen freien Lauf, ich blendete alles aus, vergaß alles um mich herum. Es gab nur noch mich und die Musik.

Und ich fühlte mich frei. Unendlich frei.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 13, 2016 ⏰

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