Ungeduldig nippe ich an meinem Kaffee und sehe wieder auf um mein gegenüber besser unter die Lupe nehmen zu können. Ich kenne ihn nicht und ich werde ihn wahrscheinlich nie weiter kennenlernen, was mich glücklich stimmt, denn er ist mir nicht gerade sympathisch, er scheint mir zu oberflächlich, seinem Blick nach zu urteilen.
Ich drehe mich um um einen flüchtigen Blick in den Saal zu werfen, aber Chris ist nirgends zu entdecken. Er scheint sich in die Küche verzogen zu haben. Ich seufze leise. Also musste ich mich alleine mit diesem Kunden herumschlagen. Mein Blick wird leicht genervt und ich höre ihm nicht mehr wirklich zu, da er eh nicht infrage kommt. Als ich ihn dann endlich verabschieden kann atme ich erleichtert aus und schließe die Tür hinter ihm, froh ihn losgeworden zu sein. Endlich. Ich lehne mich gegen die Tür uns höre Laute aus der Küche. Hat Christian schon wieder die Küche in Brand gesetzt? Ich hoffe für ihn nicht. Ich habe keine Lust schon wieder kochen zu müssen. Als ich aber die Küche betrete, bemerke ich nur, dass er wieder einmal die Klingeltöne an seinem Handy einstellt. Ich seufze leise und deute auf den Kochtopf, den er vergessen zu haben scheint. "Gibt's noch was?", frage ich und er sieht erschrocken auf, anscheinend War er zu sehr in seine geliebte App vertieft um mich zu bemerken. Eilig nickt er, packt sein Handy weg und steht auf um die Suppe umzurühren. Ich schüttele grinsend meinen Kopf und greife neugierig nach der Zeitung und schlage die Seite auf, der die Todesopfer der letzten Tage stehen. Christians Kollege legt sie mir immer bevor er zur Arbeit geht hinein, sodass ich nach einem geeigneten Fall suchen kann. Ich Ziehe das kleine weiße Blatt Papier neugierig hervor und betrachte es eingehend, bevor ich es wieder beiseite lege. "Wieder nichts. Die sind alle verdammt uninteressant. Weshalb kann Udo die nicht alleine lösen?", frage ich meinen Mitbewohner und muss einen gelangweilten Seufzer unterdrücken. Ich kann es nicht mehr leiden, dass die Polizei an so klaren Fällen scheitert, was ihnen nicht einmal peinlich ist. Ich lasse mich auf dem Stuhl nieder und schaue gelangweilt aus dem Fenster, bevor ich mich wieder erhebe. "Ich glaube, ich gehe lieber mal etwas spazieren.", meine ich, da ich nicht daran glaube, dass das essen in der nächsten Stunde fertig ist. Ich greife nach meiner Jacke und dem alten, abgenutzten Hut einer guten Freundin und verlasse die WG um die mehr oder weniger frische Stadtluft einzuatmen. Ich vergrabe draußen meine Hände in den Taschen meines Mantels und betrachte schweigend die Menschen um mich herum, die, wie üblich, ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen und anscheinend nichts interessantes zu verbergen haben. Es ist schon traurig, dass hier nicht wirklich etwas passiert, worüber sich Christian aber, im Gegensatz zu mir, freut. Wir hatten vor ein paar Wochen beschlossen in dieses kleine Dörfchen hier zu ziehen, da ich hier mehr Ruhe hätte und Christian endlich abschalten kann. Nur hatte ich nur zugesagt, damit Christian abschalten konnte. Ich hasste Ruhe, sie war mir zu langweilig. Meine Mutter hatte mich immer als Arbeitstier bezeichnet und damit hatte sie immer recht gehabt, auch wenn ich ihr früher gerne widersprochen habe, sie hatte mit vielem Recht. Zum Beispiel wusste sie auch, dass ich in Crash Curver verliebt war, bevor ich es wusste. Sie konnte auch mit einem Blick erkennen, mit wem ich zusammen war und wer mir das Herz gebrochen hatte. Sie kannte mich immer besser, als ich selbst mich kannte, was ich wirklich vermisse. Vor zwei Jahren ist sie, dank meines Vaters, an einem Autounfall gestorben. Sie hatte das Glück auf dem Beifahrersitz zu sitzen als mein Vater das Auto gegen einen Baum fuhr. Sie war sofort tot, mein Vater kam mit ein paar leichten Kratzern davon. Da er nichts dafür konnte, dass dieser verdammte Mistkerl in dem anderen Auto auf der Straße stehen geblieben war, kam er auch damit davon. Aber verziehen habe ich ihm das ganze noch immer nicht. Ich bin sicher, dass er da seine Finger im Spiel hatte und da er mir bis heute noch nicht bewiesen hat, dass er unschuldig ist, ist er für mich schuldig.
Als ich einen Jahrmarkt entdecke, bleibe ich belustigt stehen und ziehe mein Handy hervor um Christian anzurufen. Vor Monaten hatte er einmal vorgeschlagen eine Geisterbahn zu besuchen, aber da wir in unserer Nähe keine gefunden hatten, hatten wir dieses Ziel aus den Augen verloren. Jetzt haben wir die Chance die Fahrt nachzuholen. Christian würde sich sicher darüber freuen, zumindest denke ich das. Als er abnimmt höre ich die Musik aus unserer Stereoanlage und seufze leise, versuche aber, dass mit einem Husten zu überspielen. "Was gibt's?", fragt er und ich erkläre ihm kurz, weshalb ich angerufen habe. Die Anlage wird ausgeschaltet und ich kann vor meinem inneren Auge sehen, wie er Schuhe und Jacke anzieht und die Wohnung verlässt, ohne die Tür abzuschließen. "Tür zu.", meine ich noch, bevor wir auflegen und ich auf den Jahrmarkt zugehe um schon einmal die Karten für die Geisterbahn zu holen. Lilian würde mich auslachen und versuchen, mich zurück unter die lebenden zu holen, ihrer Ansicht nach wortwörtlich. "Bist du nun komplett übergeschnappt? Du bist eine junge Frau von 29 Jahren und gehst in eine Geisterbahn? Das ist etwas für 12-jährige, nicht für Frauen ende 20." Lilian hat ihren eigenen Weg und ihre eigene, wie sie sagt, Religion aufgebaut, nach deren Regeln sie zu leben pflegt. Verstehen, weshalb sie zum Beispiel nur an Dienstagen zum Arzt geht tue ich nicht, aber wenn sie unbedingt danach leben will soll sie es tun. Es bringt nichts, zu versuchen sie davon abzubringen. Als ich es versucht habe, hat sie mich aus unserer gemeinsamen Wohnung geschmissen, was mitunter ein Grund dafür ist, dass ich jetzt mit Christian zusammen in diesem unscheinbaren Dorf lebe, wovon sie glücklicherweise nicht einmal etwas weiß. Sie hält nichts davon, dass Mann und Frau zusammenleben, wenn sie keinerlei nähere Verbindung haben, wie eine Beziehung zwischen Liebenden oder eine geschwisterliche Bindung. Lilian lebte in ihrer eigenen Welt, was ich aber inzwischen akzeptiert habe, obwohl ich anfangs meine Probleme damit hatte. Angefangen hatte sie mit dem ganze kram schon sehr früh, etwa mit jungen Neun Jahren. Ich war damals sieben und hatte nicht verstanden, was sie damit überhaupt meinte und mir machten auch eher unsere Eltern Sorgen, da sie des Abends immer in der Küche zusammenkamen und über irgendwas berieten. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber ich sah, dass Mom äußerst verzweifelt wirkte und unser Vater immer versuchte, sie irgendwie zu beruhigen, es aber nie schaffte und damit auch, langsam, aber sicher, der Verzweiflung immer näher rückte. Jetzt könnte man behaupten, Lilian wäre daran Schuld, dass die Ehe unserer Eltern zerbrochen war wie Fensterglas wenn ein Fußball dagegen fliegt, aber, wie wir hinterher erfuhren, war der Trennungsgrund unserer Eltern ein ganz anderer. Dad hatte eine schwangere Freundin, zu der er ziehen wollte. Ich war gerade 15 und in der Pubertären Phase, während Lilian sich lieber auf Partys beim trinken wiederfand, zu denen sie Mom auch schonmal gerne mitschleppte. Mom war in einem Tief versunken und ich versuchte verzweifelt, sie da heraus zu holen, hatte gegen ihre Trauer aber keine Chance. Ungünstigerweise starben in der Zeit ihr Vater, sowie ihr Bruder, was auch nicht wirklich bei ihrer seelischen Genesung half. Das seelische Tief meiner Mutter brauchte drei Jahre, bis es endete und einen gutaussehenden, neuen Lover, den ich ihr im Internet gesucht hatte. Die Beziehung hielt drei Tage und ein paar Stunden, aber sie reichte aus um neue Hoffnung wachsen zu lassen und die Trauer komplett in die Vergangenheit zu verschwinden. Ich hatte keine Zeit bei ihr zu bleiben und zu versuchen sie wieder aufzubauen, da ich gerade dabei war, meine Zukunft zu planen und sie in die Tat umzusetzen, weshalb Lilian mit ihren 20 Jahren bei ihr blieb. Sie hatte durch den Abbruch ihres Studiums genug Zeit sich um sie zu kümmern und mit ihr ebenfalls einen Plan für die Zukunft zu schmieden. Die beiden eröffneten gemeinsam einen Kosmetiksalon und machten ließen damit den Kindheitstraum meiner Schwester wahr werden.
"Carter?" Ich sehe auf. Christian steht vor mir. Vor, in etwas sieben Jahren, lernte Lilian ihn kennen, und lieben. Die beiden hatten eine glückliche, zufriedene und gut haltende Beziehung, bis Christian ihre Religion nicht mehr aushielt und in der Nacht vor ihr flüchtete und ausgerechnet bei mir auftauchte, da er nicht wusste wo er hin sollte. Seine Familie lebte am anderen Ende der Welt und Freunde hatte er hier noch nicht wirklich gefunden. Lilian hatte mit ihm im Haus unserer Mutter gewohnt und unseren Vater konnte er nicht leiden, weshalb wohl nur ich übrig blieb. Hotels mochte er nicht, außerdem hätte er irgendwann eh eine wirkliche Bleibe gebraucht, weshalb ich ihm anbot, eine Nacht in meinem Gästezimmer zu schlafen und dann weiterzusehen, woraus dann aber wohl oder übel ein paar Jährchen wurden, die bis heute andauern. Lilian meinte, ihr Glaube ließe es nicht zu auf uns sauer zu sein, was Christian und ich sehr begrüßten, auch wenn es uns verwundert, da Lilian das früher noch anders gesehen hätte.
"Komm. Wir gehen rein.", reißt Christian mich aus meinen Gedanken, der mich hinter sich her und in Richtung Geisterbahn zieht. Ich gebe dem Mann der die Tickets kontrolliert unsere Karten und folge Christian dann schweigend. Wir lassen uns in der erstbesten Gondel nieder und ich warte ungeduldig darauf, dass wir losfahren. Ich sehe mich um um kurz die Bahn zu checken, die nicht wirklich gruselig wirkt und schenke Christian für einen kurzen Augenblick meine Aufmerksamkeit, sehe mich dann aber wieder um. Ich war schon ein paar mal auf Geisterbahnen, aber diese hier reicht noch an keine ran. Andererseits: Wenn es Christian glücklich macht, werde ich schon zufrieden damit sein. Als unser Wagen sich in Bewegung setzt, werde ich leicht in den Sitz gedrückt und sehe mich aufmerksam um. Ich kann es nicht leiden, wenn ich hinterher nicht mehr weiß, wie die Bahn aussah. Irgendwie hatte ich im Laufe der Zeit den Drang entwickelt, mich an alles erinnern zu müssen, was ich getan habe. Auch wenn es Jahre her ist.
Christian neben mir hat seine Hände in den Hosentaschen vergraben und betrachtet leicht amüsiert die hässlichen Fratzen, die immerwieder aus den Wänden hervor schießen. Er grinst immer wieder, wenn hinter, oder vor uns jemand aufschreit. Ich schüttele, grinsend, meinen Kopf und betrachte jedes Detail und präge es mir ein um es nicht zu vergessen. Als hinter uns wieder ein paar Leute aufschreien denke ich mir nichts dabei, als allerdings eine Frau aufspringt und die Wagenreihe dadurch stehenbleibt wird meine Interesse geweckt. Ich stehe ebefalls stehen und sehe in die Richtung, in die die Frau zeigt. Ich werde leicht blass als ich den leblosen Körper eines Mannes am Rand der Bahn erblicke. Ich wechsele einen kurzen Blick mit Christian, der mir zunickt und mir aus dem Wagen hilft. Vielleicht habe ich endlich mal einen ordentlichen Fall. "Vorsicht.", meint er noch, bevor ich auf den Körper zugehe. Ich sehe im Augenwinkel, wie Christian beginnt mit der Menschenmenge zu sprechen und versucht, sie zu beruhigen. Der Mann liegt mit dem Gesicht nach oben und sein Starrer Blick, sowie seine Unbeweglichkeit bei meinem Versuch seinen Arm zu heben, verrät mir, dass er schon viel zu lange tot hier liegt. Ich sehe wieder kurz zu Christian, stehe auf, da ich mich neben den Mann gekniet hatte, und gehe um die Leiche herum. Ich greife, den Hemdärmel über die Handfläche gehoben, nach seinem Portemonaie und ziehe seinen Ausweis heraus. Der Name sagt mir nichts. Mir entfährt ein leiser Seufzer. Solche Angaben brachten einen immer sehr viel weiter. Aber andererseits schien dieser Fall immerhin etwas interessanter...
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Sherlock
FanfictionKurzgeschichten zu dem großen Sherlock Holmes 《Besuch um Mitternacht》
