Meine Liebe,hier ist meine Geschichte für dich, frei unter dem Gedanken "Ich schenke dir eine Geschichte."
Die Hellebore und der Hirsch
Einst im flüsternden Schatten eines alten Waldes begegneten sich ein Hirsch und eine Hirschkuh. Schon beim ersten Blick erkannte eines im anderen das, was größer war als Worte: ein Zuhause, ein Versprechen, das kein Schwur brauchte. Sie liefen durch das hohe Gras, tranken an denselben Quellen, und ihre Herzen schlugen in einem Takt,als wäre es von Anfang an so bestimmt gewesen.
Doch eines Tages zerriss ein Knall die Stille.
Ein Jäger hatte die Hirschkuh getroffen.
Der Hirsch kam zu spät.
Ihr Körper lag still im Morgentau, umgeben vom Duft des Laubs, das sie so geliebt hatte. Er legte sich neben sie, rührte sich nicht. Die Sonne ging auf und unter Tage, Wochen, Jahreszeiten vergingen.
Und dann, wuchs an jener Stelle, wo ihr Herz zuletzt schlug, eine Blume.
Eine Hellebore.
Blassviolett, kühl, und doch von leuchtender Kraft.
Der Hirsch erkannte sie sofort. Es war sie.
Von diesem Tag an verließ er das Beet nie.
Er wachte bei ihr, durch Schnee, Sturm und Sommersonne.
Die Tiere des Waldes kannten ihn, den Hüter der Blume,und keiner wagte es, ihr zu nahe zu kommen.
Als der Hirsch selbst alt wurde und seine Schritte schwer,legte er sich eines Nachts an ihre Seite.
Und dort, wo sein Geweih das Moos berührte,
begannen neue Helleboren zu wachsen.
So sagt man heute:
Wenn du in kalten Wintern eine Hellebore blühen siehst,dann hast du vielleicht den Ort gefunden,
wo zwei Seelen sich nie wieder verloren haben.