fünfundfünfzig

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Vor Finns Apartment klopfte ich und wenige Sekunden später öffnete Skylar mir die Tür.
„Hi!", grinste er und ließ mich herein.
Er trug eine kleine blaue Kochschürze.
„Hey, Skylar. Erinnerst du dich noch an mich?"
„Jap. Ich vergesse nie ein Gesicht."
Er trottete in die Küche, während ich meine Schuhe auszog und meine Sporttasche abstellte.
„Hey!"
Finn kam zu mir und umarmte mich.
„Du siehst absolut gut aus!"
Sein Blick glitt über meinen Körper und zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt war es mir nicht unangenehm.
„Danke. Einundzwanzig Kilo."
Ich lächelte.

„Weißt du, ich kann dir gar nicht sagen, wie Leid mir alles tut. Ich hätte Marcel früher stoppen müssen, dann wäre es nicht so weit gekommen."
Ich winkte ab.
„Ich wäre so oder so irgendwann völlig abgestürzt und in einer Klinik gelandet."
Ich würde allen Menschen vergeben, so viel stand fest, denn ich hatte nichts mehr, auf das ich sauer sein könnte.

In der Küche stand zu meiner Überraschung ein Mann neben Skylar, der langsam Basilikum hackte.
„Ich hoffe, dich stört nicht, dass heute noch jemand mit uns isst. Joey, das ist Spencer. Spencer, das ist Joey. Quasi ein Mitbewohner."
Finn kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Quasi?", fragte ich lachend und hielt dem braunhaarigen die Hand hin.
Zögernd nahm er sie an und mir entgingen nicht die Narben auf seinen Händen und Armen. Sie sahen recht frisch aus.
„Ähm, ja. Lange Geschichte. Er wohnt erst mal bei mir, bis er eine eigene Wohnung hat."
Ich lächelte und wackelte mit den Augenbrauen.
Es machte mir überhaupt nichts aus. Das tat gut. Irgendwie befreiend.
„I-ich kann auch gehen. Es ist deine Wohnung und-"
„Nein, nein. Alles ist gut", sagte ich sofort.
„Ich würde nur gern ein paar Minuten mit Finn alleine reden wollen, wenn das geht", fügte ich hinzu.
„Klar. Wir sind nebenan, okay?"
„Ich habe alles unter Kontrolle, ich bin schließlich schon fünf", sagte Skylar genervt und rührte in dem Topf herum.
Es sah süß aus, wie er auf dem Stuhl stand.
„Ja und ich habe dir schon zehn mal gesagt, dass du vom Herd wegbleiben sollst. Lass Joey rühren."
Skylar verdrehte seine Augen.
Finn schüttelte nur seinen Kopf und wir liefen ins Wohnzimmer.
„Der Kleine macht mich im Moment fertig."
„Tja, du warst als Teenager auch nicht gerade einfach, Mr Neunmalklug."

Wir setzten uns auf die große Couch und ich lehnte mich zurück.
„Das weiß ich nicht mehr. Also, erzähl mal, wie es dir geht. Du siehst echt verdammt gut aus."
Ich lächelte.
„Ja, ich nehme Medikamente, die perfekt auf mich abgestimmt sind wegen meiner Depressionen. Die ersten Wochen waren hart und ich war zu nichts zu gebrauchen. Dr Pain war wirklich so gut, wie es überall steht. Und Dylan, mein Betreuer, war einfach super. Generell kann ich nichts Negatives über die Klinik sagen."
„Das freut mich so!"
„Ja, und ich bin hier, weil wir ja in Ruhe reden wollten."
Finns Blick huschte kurz in Richtung Küche.
„Und ich wollte fragen, ob du mir verzeihen kannst", fuhr ich fort.
Finn sah mich verwirrt an.
„Ich? Dir? Spencer, ich bin der, der dir Leid angetan hat, nicht andersrum."
„Und ich habe dir verziehen, keine Sorge. Und ich bitte dich um Vergebung, denn mein Verhalten war nicht die feine Art."
Finn nickte.
„Schritt Acht. Aber bei mir gibt es nichts wiedergutzumachen, glaub mir."
Leicht lächelte ich.
„Und das mit uns... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll."
„Es ist okay. Wirklich. Das, was wir damals hatten, war einzigartig und das werde ich nie vergessen. Aber ich denke, wir haben uns beide weiterentwickelt. Es würde nicht funktionieren und du bist verheiratet."
Ich ließ seine Worte auf mich wirken. Finn hatte recht. Es würde nicht funktionieren.
„Freunde?"
Er hielt mir seine Hand hin.
„Freunde."
Lächelnd nahm ich die Hand an.
„Aber ich hätte noch eine Bitte an dich."
Ich biss mir auf meine Unterlippe.
„Falls Matt mir verzeiht, dass ihr euch aussprecht."
Er zog scharf die Luft ein.
„Ich meine, dass du ihm sagst, dass er nichts mehr zu befürchten hat. Falls er mir je verzeihen wird. Und das du vielleicht Liam fragst, ob er mir sagen kann, wo Matthew gerade ist? Ich habe absolut keine Ahnung."
Langsam nickte Finn.
„Ja, ich kann ihn nach dem Essen anrufen."
„Das ist super, danke. Und jetzt erzähl mir über diesen Joey."
Finn wurde rot- feuerrot.

„Da ist nichts. Er ist mein Nachbar. Wohnt zwei Häuser weiter und ich habe helfe ihm, gegen seinen gewalttätigen Ehemann anzukommen."
Er sprach leise und sah zur Küche, wo wir Skylar reden hörten.
„Sind von ihm die Narben?", fragte ich ebenso leise zurück.
Er nickte.
„Übler Typ. Hatte letzten Monat eine Auseinandersetzung mit ihm. Aber er hat so viel Einfluss, dass es schwer ist. Joey steht im Moment unter meinem persönlichen Schutz... Ich... ich mag ihn."
Ich lächelte.
„Ich weiß."
„Er ist der erste nach dir."
Noch immer lächelte ich.
„Das freut mich. Ich habe bald vor, eine große Party zu schmeißen. Da ich offiziell obdachlos bin, muss ich wohl meine Eltern fragen. Ich würde mich freuen, wenn ihr drei kommt."

Troublemaker | manxman ✔️Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt