Kapitel 43

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Meine Augen kleben noch zu als ich von einer starken, eindringlichen Vibration aufwache, die einfach nicht aufhört. Ich taste nach meinem Handy und fluche lautlos. Ich weiß nicht, wie lange ich gestern auf war, aber draußen ist es schon hell geworden. Bis spät in die Nacht haben wir am Aufbau gearbeitet, wissend, dass wir heute schon um neun auf der Arbeit sein müssen, um die erste Show vorzubereiten. 

Ich mache meine Augen nur einen kleinen Spalt auf, meine Augen brennen vor Müdigkeit, mein Magen knurrt, das Bildschirmlicht blendet mich und ich reibe mir die Augen, sehe erstmal gar nichts. Als ich die Helligkeit runter gestellt habe, sehe ich: Ich habe acht verpasst Anrufe und zwei Nachrichten von Nikita. Ich komme nur dazu eine dieser Nachrichten zu lesen –

sag ihm ich wollte es

– als es an meiner Tür klopft, und vollkommen benebelt hieve ich mich auf und denke keine Sekunde darüber nach, was Nikitas Nachricht bedeuten könnte, als ich die Tür öffne.

Und sie sofort, mit voller Wucht und nicht vorhandene Kraft wieder zuschieße. Misha.

Sag ihm, ich wollte es.

Scheiße.

Scheiße.

Ich halte die Tür weiterhin zu, aber, Gott, bin ich morgens schwach. Ich bin gerade erst aufgewacht, und Misha drückt die Tür nicht nur, er wirft sich verdammt nochmal dagegen wie ein Tier. Er kickt sie auf.

„Fuck –" Ich springe von der Tür weg. Ich drücke mich in die weiteste Ecke der Wand – zwecklos. Kein Ausweg. Mein Wohnwagen-Abteil ist eine verdammte Sardinenbüchse.

Und Misha verliert keine Sekunde. Er stürmt direkt auf mich zu, als hätte er sich schon den ganzen Weg hierher vorgestellt, wie er's macht. Wie er mich foltern wird, bevor er meiner erbärmlichen Existenz ein Ende setzt.

Ich kriege gerade noch die Arme hoch – und es hört sich schrecklich an, ich will mich selbst gar nicht hören, aber ich verstehe noch nicht ganz, was Nikitas Worte bedeuten als ich den Mund öffne, hoffe nur, sie können mich retten. „Er wollte es! Er wollte es, bitte, es tut mir leid!"

Es passiert nichts. Und als ich langsam, ganz vorsichtig meinen Arm senke, sehe ich es. Seine Augen sind rot, sein Gesicht verzogen, als würde er seine Trauer unter Wut verstecken wollen. Es tut so verdammt weh, und noch mehr, weil es meine eigene Schuld ist.

Sein Blick brennt wie Säure auf meiner Haut. Und ich fluche innerlich. Wenn er mich bei einem Kuss mit Nikita schon taub schlägt, was macht er dann jetzt mit mir? Ich bin tot. Ich bin sowas von tot.

Misha wirft sein Handy auf mein Bett. Ich starre es an wie eine Bombe, die gleich hochgeht.

„Ist das deine Mutter?", fragt er, zu ruhig.

Verwirrt lehne ich mich vor und sehe, dass er den WhatsApp-Kontakt meiner Mutter offen hat. Meiner Mutter, verdammt. Woher zur Hölle ...? Panik kriecht wie eine kalte Hand meinen Rücken hoch. „Ja?", presse ich heiser heraus.

„Nika hat gesagt, sie ist homophob?"

Meine Lunge verkrampft sich. Die Angst in meiner Brust ist so stark, dass ich kurz meine Sinne verliere und aufhöre zu atmen. Nein. Das kann jetzt nicht passieren. Das darf nicht passieren.

Meine Mutter wird mich verstoßen, wenn sie davon erfährt. Ich weiß, das sieht grad nicht nach einem großen Drama aus, weil ich ohnehin im Zirkus bin, aber es ist meine Mutter. Sie hat mich großgezogen. Sie hat mich immer geliebt und unterstützt, trotz allem. Ich würde kein Zuhause mehr haben, zu dem ich zurückkehren kann. Keine offenen Arme, die mich liebend zurücknehmen würden, wenn es im Zirkus plötzlich doch nicht mehr so gut läuft. Kein Zufluchtsort. Meine Mutter würde mich nicht wie den verlorenen Sohn zurückempfangen; sie würde mich gleich wieder wegschicken.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt