Lucy

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Nur um Millimeter verfehlte der Pfeil meinen Kopf. Das gierige Knurren hinter mir verstummte Augenblicklich. Regungslos blieb ich stehen.
Wie versteinert konnte ich keinen Muskel rühren.
Mein Blick wanderte auf die Blätter der Eiche, welche gut 30 Meter entfernt stand. Sie raschelten.
Im nächsten Augenblick stand eine Gestalt auf der Straße. Sie war vollkommen in einem Schwarzen Umhang mit Kapuze verdeckt. Ein Halstuch, welches sie bis über die Nase gezogen hatte, verdeckte den Großteil ihres Gesichts. Nur die stechend Hellblauen Augen waren noch zu sehen.

Und diese Augen fokussierten mich. Als würde sie direkt in meine Seele schauen, wandte sie ihren Blick nicht eine Sekunde von mir ab.
Langsam lief sie auf mich zu, den Blick starr auf mich gerichtet.
Sie hing den Recurve-Bogen, welchen sie in ihrer rechten Hand hielt, über ihre Schulter.

Nur noch wenige Meter stand sie von mir entfernt...

Aus ihrer Gürteltasche zog sie ein großes Jagdmesser, fest hielt sie es in ihrer Hand.

Im nächsten Moment spürte ich die scharfe Klinge an meinem Hals. Sie drückte gegen meine Kehle.
Mit der linken Hand tastete sie meinen gesamten Körper ab. Sie ließ nicht einen Zentimeter aus.
Ihre Augen sahen direkt in meine, ihren Blick hatte sie noch immer starr auf mich gerichtet. Ich dachte nichtmal daran, mich zu wehren.

Sie stieß ihren Atem genervt aus. Kurz darauf nahm sie Klinge von meiner Kehle.
Erleichtert lockerte ich meinen Atem, doch mich zu bewegen traute ich mich noch immer nicht.
Die Gestalt lief an mir vorbei, auf den Untoten hinter mir zu. Ich drehte meinen Kopf um sie beobachten zu können.

Sie stemmte einen Fuß auf den Kopf des Untoten. Mit einer Hand zog sie den Pfeil aus seiner Stirn.
Geekelt wischte sie das Blut von dem Pfeil und steckte ihn in ihren Köcher, den sie auf ihrem Rücken trug.
Sie lief wieder an mir vorbei.

"Komm." Flüsterte sie kalt und ging mit immer schnelleren Schritten vor.
Zögernd setzte ich meinen Körper in Bewegung. Schwerfällig setzte ich einen Fuß vor den anderen und lief der Gestalt hinterher.

Es war keine Leichtigkeit mit ihr Schritt zu halten. Sie war schnell und flink und wich Hindernissen geschickt aus.
Wir rannten durch einen kleinen Wald und liefen durch einen kalten Bach. Meine Schuhe trug ich seit mindestens 3 Wochen und sie waren lange nicht mehr Wasserdicht.
Sie bog in eine kleine Wohnhaussiedlung ab und rannte die dunklen Straßen entlang.
Zielstrebig lief sie auf ein rotes Haus am Ende der Straße zu.

Ich sah mich um und mir fiel auf, dass die Türen der Häuser mit roter, gelber oder grüner Farbe bestrichen wahren.

Vor einer Tür mit roter Farbe blieb sie stehen. Aus ihrer Tasche kramte sie einen Schlüsselbund mit sieben Schlüsseln.

"Schließ auf." Befahl sie mir und drückte mir die Schlüssel in die Hand.
Zitternd drehte ich den Schlüssel im Schloss und klickend ging die Tür auf. Ich zuckte bei dem Geräusch verängstigt zusammen.

"Geh vor. Bis zur linken Tür im ersten stock." Ihre Stimme klang kalt und doch beherrschend. Ich gehorchte ihr aufs Wort.

Ich lief die quietschenden Stufen hinauf bis in den ersten Stock. Ich blieb vor Tür stehen und wollte sie aufschließen, doch die Gestalt unterbrach mich.

"Stopp. Ich schließe auf. Die Wohnung ist sicher, da brauche ich dich nicht vorschicken um für mich zu sterben." Ich glaube, sie lächelte unter ihrem Tuch, aber sicher war ich mir da nicht. Ihre Stimme klang weich, eher weiblich. Offensichtlich war sie eine Frau.

Sie schloss die Tür auf und trat in die Wohnung. Ich lief ihr vorsichtig hinterher. Ich wollte mich umsehen, doch traute mich nicht, mich groß zu bewegen.
Blitzschnell drehte sie sich um und ich fand mich einen Moment später an die Wand gedrückt wieder. Wieder drückte das Messer gegen meinen Hals.
"Wie viele Walker hast du getötet?!" Schrie sie mich an. Ich wusste nicht, was sie mit Walkern meinte, aber ich dachte mir, sie meine diese Untoten. Eine andere Erklärung konnte ich nicht finden.

"K-keinen." Antwortete ich mit zittriger Stimme.

"Wie viele Menschen hast du getötet?!" Schrie sie mich wieder an.

"Menschen getötet? Warum sollte ich das tun?" Fragte ich sie verunsichert.

"Beantworte meine Frage!" Rief sie nur.

"Keinen. Ich habe nicht einen Menschen getötet!" Antwortete ich. Langsam wurde ich wütend.

"Warum hast du es getan?" Fragte sie mich und ihre Stimme wurde langsam ruhiger.

"Die Frage erübrigt sich do..." versuchte ich zu sagen.

"Warum? Warum hast du keinen getötet?" Ihre Stimme wurde wieder lauter und aggressiver. Ich bekam es wieder mit der Angst zutun, ihr Messer drückte härter gegen meinen Hals.

"Es... es war bisher nicht nötig." Sagte ich ruhig.

"Was war mit dem Walker auf der Straße? Der, den ich für dich töten musste?" Fragte sie hart.

"Ich hab ihn nicht bemerkt." Flüssterte ich peinlich berührt. Ich schämte mich für meine schlechte Auffassungsgabe.

"Nicht bemerkt..." sagte sie geschockt und schüttelte mit dem Kopf. Sie nahm das Messer von meinem Hals, erleichtert lockerte ich wieder einmal meinen Atem.
"Pass auf, was du tust. Nochmal rette ich dich nicht. Im Gegenteil. Du weißt jetzt, wo ich lebe. Solltest du Dummheiten machen, werde ich nicht zögern, dich zu töten. Aber momentan bist du ohnehin nicht gefährlich."erklärte sie mir ruhig. Sie klang nicht mehr so streng wie zuvor, jetzt machte sie sich eher über mich lustig.

Sie wandte sich von mir ab und lief in einen großen Raum. Ich entschied, ihr langsam und unauffällig zu folgen.
Sie ging zu einem Schrank mit Spiegel, vor welchem sie stehen blieb.
Sie nahm die Kapuze und das Halstuch ab, dann zog sie den Umhang über ihren Kopf.

Sie war vielleicht 17 oder 18 Jahre alt und relativ schlank. Sie hatte eine gute Figur. Sie hatte langes, rabenschwarzes Haar, welches glatt auf ihren Rücken fiel. Ihre Hellblauen Augen stachen nun total hervor. Ich würde sie als wunderschön beschreiben.
Sie trug lange, enge schwarze Unterwäsche, welche ihre Konturen perfekt betonte.

"Ich heiße Lucy." Lächelte sie mir zu. Sie sah nun soviel netter aus als noch mit Umhang. Sie wirkte auch gleich viel höflicher, offensichtlich hatte sie bemerkt, dass von mir keine Gefahr ausging. "Wie ist dein Name?"

"Bryce." Antwortete ich schüchtern.

"Wie alt bist du und woher kommst du?" Sie wollte wohl echt alles wissen. Sie nahm den Umhang in die Hand.

"Ich bin 18. Ich komme aus Toronto."

"Toronto? Das ist weit. Wie kommst du nach Ottawa?" Sie wirkte ungläublich. Sie öffnete den Schrank. In ihm lagen mehrere Sturmgewehre und Handfeuerwaffen. Außerdem viele Messer und ein weiter Recurve-Bogen. Auf dem Schrankboden lagen einige Kisten mit Munition.

"Ich bin gelaufen." antwortete ich ruhig. Angestrengt versuchte ich nicht in den Schrank zusehen. Es gelang mir nur mit größter Mühe.

"Gelaufen? 450 Kilometer? Ohne Waffen, ohne Schutz?" sie blickte ungläubig zu mir rüber. Aber sie hatte recht, diese Entfernung war riesig und ich entkam einige male nur knapp dem Tod. Unglaublich war es allemal.

"Ja. Ich bin gelaufen. Nachdem meine Nachbarn meine Familie getötet haben musste ich fliehen. Die gesamte Stadt war überfüllt von diesen... Walkern, wie du sie nennst. Die ersten Kilometer konnte ich mit dem Auto fahren, doch die Straßen waren irgendwann blockiert und ich konnte nur zu Fuß weiter." erzählte ich. Meine Augen füllten sich mit Tränen, in Erinnerung an meine Eltern.

"Und du hast tatsächlich überlebt? Kann ich kaum glauben. Du siehst nicht sonderlich stark aus." Lucy musterte mich von Oben bis Unten. Sie lächelte, offensichtlich wollte sie mich etwas aufziehen.

Ich war nicht wirklich schwach. Im Gegenteil, ich war relativ Muskulös. Bevor das alles los ging war ich Leistungssportler. Und sie hatte meine Muskeln spüren müssen als sie mich abtastete.

"Ich hatte Glück. Ein paar Mal verfolgten mich diese Walker. Aber ich konnte bisher immer entkommen. Aber ich musste noch nie töten." entgegnete ich.
Ich war vielleicht nicht der beste Kämpfer, aber mich als schwach zu bezeichnen beleidigte mich etwas.

"Und der auf der Straße? Ihm wärst du sicher nicht entkommen. Er stand nur noch ein paar Zentimeter von dir entfernt und du sagst du hast ihn nicht mal bemerkt." Sie hing den Umhang in den Schrank, den Bogen und die Pfeile ließ sie auf dem Sofa liegen. Sie flechtete ihre Haare zu einem lockeren Zopf.

"Denn hätte ich tatsächlich nicht überlebt, denke ich..." ihre Worte machten mich nachdenklich. Sollte ich jetzt tatsächlich tot sein? Die Vorstellung, von einem Untoten Mann gefressen zu werden, war einfach nur grausam. Ich spürte einen Schauer, der meinen Körper durchfuhr. Ich fühlte den Schmerz. Auch, wenn ich nie verletzt worden bin.

"Warum hast du mich gerettet, Lucy?" fragte ich ungläubig. Ihren Worten nach war ich doch nur ein Klotz am Bein, sie hätte mich genauso gut sterben lassen können. Oder mich einfach selbst erschießen.

Sie sah mich nachdenklich an. Sie wirkte, als hätte sie selbst keine Antwort darauf.
"Ich hatte Mitleid. Du standest dort, hilflos und einsam, in der Nacht. Ich konnte dich nicht einfach sterben lassen. Auch wenn es einfacher gewesen wäre... Jetzt muss ich noch einen durchfüttern." sagte sie schließlich. Sie wirkte leicht genervt, als sei sie vollkommen uneinverstanden, dass sie mich gerettet hat.

"Leben noch mehr hier?" fragte ich Hoffnungsvoll. Ich hatte lange keine Menschen mehr gesehen und ich hoffte, mal wieder mit einer ganzen Gruppe reden zu können.

"Nur ich allein. Und naja, jetzt du. Aber damit kommen wir zum nächsten Punkt." sie ging zu einer Kommode rüber und nahm ein großes, zusammengerolltes Stück Papier heraus. "Komm rüber."

Ich ging zu ihr herüber und sie rollte das Papier auf dem Tisch aus.
"Was ist das?" fragte ich neugierig. Ich konnte ein paar Zeichnungen auf dem Papier sehen, welche aussahen wie Straßen und Häuser. Vermutlich war es eine Karte eines Wohngebietes.

"Das ist eine Karte. Sie zeigt das gesamte Wohngebiet. Diese Blöcke sind die Häuser. Die breiten, Parallel laufenden Linien sind die Straßen. Abkürzung und Fluchtwege siehst du hier." sie deutete mit dem Finger auf einen schmalen Strich, auf welchem in feiner Handschrift ein "F" gezeichnet war.
Auch auf dieser Zeichnung waren die Häuser Farblich markiert.

"Ich markiere jedes einzelne Haus. Rot bedeutet, dass sie sicher sind und sich keine Walker mehr in diesem Haus befinden.
Gelb heißt, dass in diesen Häusern noch Vorräte sind, die wir holen müssen. Allerdings sind da auch noch Walker in den Wohnungen und Kellern. Allerdings nicht viele. Höchstens 10 pro Haus. Kann man also mit fertig werden.
Und grün heißt "STOPP!!". In den Grün markierten Häusern sind Horden von Walkern. Die sind absolut unsicher und nicht einmal ich traue mich dort hinein. Es wäre purer Selbstmord. Sicher mindestens 25 bis 30 Walker pro Haus, manchmal auch so viele in einer einzigen Wohnung.
Egal, was für Vorräte in diesen Häusern sind, dort geht niemand rein.
Ich benutze die Farben absichtlich so, dass Grün das Schlimmste darstellt. Das verwirrt Eindringlinge. Sie denken, grün sei sicher. Sie laufen ins Haus - und werden gefressen.

Aber nun zum wichtigen : Wir brauchen, jetzt, wo wir zu zweit hier leben, mehr zu essen und sonstige Vorräte. Also werden wir ein Haus räumen. Und zwar das hier."
Sie drückte den Finger auf ein Haus, auf welchem in schwarz die Nummer 26 stand. Vermutlich die Hausnummer.

"Wir gehen in das Haus Nummer 26. Es ist Gelb markiert, aber es sind nicht viele Walker darin. Ich wollte es schon vor ein paar Tagen ausräumen, aber kam nicht dazu.
Auf jeden Fall, wir werden es ausräumen und sichern. Die Häuser in dieser Gegend sind alle gleich aufgebaut : Sechs Wohnungen, drei rechts, drei links.
Wir werden niemals alleine in eine Wohnung gehen. Das wäre nicht sicher genug. Wenn ich alleine bin, bin ich zwar auch alleine in der Wohnung, aber es riecht weniger nach lebendigem Mensch. Mit einer zweiten Person, die vor der Tür wartet, würden die Walker nur zum Eingang gelockt werden. Das wäre zu viel.
Also, wir gehen rein, töten die Walker, verlassen die Wohnung. Dann die nächste Wohnung, Walker töten, raus gehen, nächste Wohnung und immer so weiter, verstanden?" fragend sah sie zu mir und zog eine Augenbraue hoch.

"Verstanden." sagte ich Stolz.

"Nagut, dann weiter. Sollten wir in Schwierigkeiten geraten und fliehen müssen, nehmen wir niemals die Hauptstraße. Diese Walker werden von breiten Straßen und Wegen angelockt, da sie sich dort besser in Horden sammeln können. Wir fliehen immer zu diesem Haus. Also dem, in dem wir grade sind. Nummer 33, merke dir das!" ermahnte sie mich und ich erschrak etwas.
"Wir fliehen über diese Fluchtwege." Sie zog ihren Finger über mehrere dünne Striche auf der Karte, welche allesamt mit einem "F" gekennzeichnet waren.

"Diese Wege führen alle direkt zur äußeren Kellertreppe des Hauses, durch welche wir ins Haus gelangen. Immer die linke Wohnung im ersten Stock.
Soweit, so gut. Noch Fragen, Bryce?"

Ich senkte meinen Blick, die Scham trieb mir die Röte ins Gesicht.

"Ich kann nicht kämpfen, Lucy. Nur mit Fäusten. Ich habe noch nie Waffen benutzt." erklärte ich ihr peinlich berührt.

"Oh man das soll was werden mit dir... Du nimmst ein Messer, genau wie ich auch. Der Bogen macht in den Häusern keinerlei Sinn und Schusswaffen.. Daran denken wir erst gar nicht.
Du musst feste zustoßen, wenn du die Viecher töten willst. Es geht etwas leichter als bei Menschen, aber dennoch brauchst du viel Kraft. Und immer ins Gehirn!!! Sonst bringt es überhaupt nichts. Diese Wesen fühlen keinen Schmerz oder sonst was. Nur mit zerstörtem Gehirn sterben sie."
Lucy kannte sich offenbar gut mit den Walkern aus. Ebenso schien sie die gesamte Gegend auswendig zu können. Ich fragte mich, wie lange sie wohl schon hier lebte.

“Wenn wir eine Wohnung befreit haben, also alle Walker getötet, durchsuchen wir die Schränke. Jeden einzelnen. Du nimmst alles mit, was du finden und tragen kannst. Guck bei Nahrung, die nicht in Konserven gepackt ist, erst auf das Haltbarkeits-Datum. 2,3 Monate drüber ist nicht tragisch.
Jeder kleine Faden kann wichtig sein.“ Ich fühlte mich fast wie in der Schule. Nur war es deutlich schöner, ihr zuzuhören.

“Wir starten morgen Früh. Ich wecke dich rechtzeitig, keine Sorge.
Übrigens, ich vertraue dir mittlerweile etwas. Du bist nicht gefährlich. Wir werden trotzdem nicht in einem Zimmer schlafen. Sollte ein Walker rein kommen und mich angreifen, kannst du immer noch aus dem anderen Raum kommen und helfen.“
„Uhm.. Klar, einverstanden.“ Mir war es sowieso lieber nicht mit ihr im selben Raum zu schlafen. Sie mochte mir vielleicht etwas vertrauen, doch mir war sie nicht geheuer. Sie war stark. Auch als Mädchen war sie vermutlich stärker als ich. Und wer weiß, was sie nach der Aktion morgen mit mir anstellt. Die Nacht würde ich überleben, keine Frage. Sie benötigte mich für die Räumung morgen, auch wenn sie mich nur als Futter in den Raum stoßen würde.

„Also. Du wirst das Zimmer den Gang durch nehmen. Es ist relativ groß, ganz hinten in der Ecke steht ein Bett. Zur Sicherheit, und hoffen wir, dass du sie nicht benutzen musst, hängen im Schrank einige Waffen und Munition. Im Nachttisch liegt eine Pistole und ein Jagdmesser. Bitte versuch es erst mit dem Messer. Der Lärm des Schusses würde nur noch mehr von den Viechern anziehen. Kapiert?“ Sie sah mich strengen Blickes an.

Ich nickte ihr zustimmend zu und ging in mein Zimmer.
Es war dunkel, die Jalousien waren zugezogen und die Wände in dunkler Farbe gestrichen.
Auf dem Nachttisch neben dem Bett standen drei Kerzen, teilweise schon abgebrannt. Offensichtlich hat schon einmal jemand in diesem Raum gelebt.

Ich setzte mich auf das Bett, die Matratze war schon durchgelegen, offenbar schon ziemlich alt. Dennoch war sie bequemer als die Böden, auf denen ich die letzten Tagen geschlafen hatte.
Ich öffnete die Nachttischschublade und fand tatsächlich eine 9 Millimeter Pistole und ein Jagdmesser. Solch eines, wie Lucy es mir vor ein paar Stunden noch an die Kehle gedrückt hatte.
Ich nahm es in die Hand und schnitt ein wenig in die Luft. Es lag gut in meiner Hand und war angenehm schwer, ich verstand, warum Lucy es so gerne an Hälse drückt.

Ich legte es zurück in die Schublade und schloss diese. Das alte Holz knarrte etwas. Ich warf mich auf das Bett, mein Kopf versank im weichen Kissen. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Erst jetzt fiel mir der Geruch nach altem Haus aus. Es roch wie der Kleiderschrank meiner Oma.
Es klopfte an der Tür. Ich öffnete langsam meine Augen.
„Komm rein.“ Sagte ich leise.
Lucy öffnete langsam die Tür. Sie blieb im Rahmen stehen und sah zu Boden, ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, ihre Haare verdeckten es.
„Hey Bryce, bist du angezogen?“ fragte sie schüchtern.
„Klar. Kannst ruhig ganz rein kommen.“ Lächelte ich ihr zu.
Sie hob ihren Kopf und sah mich an, dann kam sie langsam auf mich zu und blieb vor dem Bett stehen. Ich richtete mich auf und setzte mich hin.
„Wollte dir nur mal kurz das hier geben.“ Sie nahm eine Packung Streichhölzer aus ihrer Tasche.
„Irgendwie musst du ja die Kerzen anzünden. Außerdem, will ich dir das hier wiedergeben.“ Aus der anderen Tasche nahm sie einen Anhänger. Ich brauchte einen Moment, um zu merken, was für ein Anhänger es war.

Es war eine goldene Kette mit einem Herz-Anhänger. Das war die Kette meiner Mutter!
„Wann… Wann hast du den genommen?!“ fragte ich sie entsetzt, während meine Hände hektisch meine Hosentaschen durchsuchten.
Lucy sah schuldig zu Boden, während sie mir die Kette reichte.
„I-ich nahm ihn aus deiner Tasche, während ich dich vorhin durchsucht habe. Ich dachte, du kämst vielleicht auf die Idee, mich damit anzugreifen. Ich hab grade reingesehen… Das hätte ich nicht tun dürfen, tut mir leid. Aber ich muss ihn dir jetzt wieder geben, nimm ihn.“ Ich war weniger Sauer, als von Lucys Ton verwundert. Vorhin war sie noch durchgehend so kalt, jetzt blieben ihr fast die Worte im Hals stecken, offensichtlich hatte sie tatsächlich große Schuldgefühle. Sie schien den Tränen nah.
Ich nahm die Kette ruhig aus ihrer zittrigen Hand. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sie aus meiner Tasche genommen habe. Ich hatte allerdings auch keine Zeit um überhaupt darüber nachzudenken.
„Schon gut, Lucy. Du hattest deinen Grund, mach dir keine Gedanken.“ Versuchte ich sie zu beruhigen.
„Wie kommst du darauf, dass ich mir Gedanken mache?“ sagte sie kühl, ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Gefühlslosen Strich.
Verwirrt sah ich sie an. „Naja du wirktest grade ziemlich Schuldbewusst.“ Sagte ich verwundert. Sie hatte so schnell ihre Gefühlslage geändert, das hatte ich noch nie zuvor bei jemandem erlebt.
„Schuldbewusstsein? Schuldgefühle? Bryce, sowas kenne ich nicht.“ Ihre Stimme war wieder kalt. Es fühlte sich an, als wäre es im Raum plötzlich 20 Grad kälter geworden. Sie drehte sich von mir weg und ging zur Tür. Ich sah ihr verwirrt hinterher.
„Du solltest die Kerzen nicht die ganze Nacht brennen lassen. Ich habe nicht mehr viele und wer weiß, ob wir morgen welche finden. Du solltest auch langsam schlafen.“ Sie griff nach der Tür und begann, sie zu schließen.
„Und komme nicht auf die Idee, mich anzugreifen während ich schlafe.“ Sie zwinkerte mir leicht lächelnd zu, dann schloss sie die Tür und ich hörte ihre Schritte, wie sie in ihr Zimmer ging.
„Was ein Mädchen. Wunderschön, aber sie wechselt ihre Laune ja schneller als Schwangere.“ Sagte Bryce leise zu sich selbst. „Aber bei ihr bin ich immerhin sicher. Ich hoffe, ich stelle mich morgen gut an. Sterben währe jetzt nicht so geil.“
Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und legte mich unter die Decke, die Kerzen ließ ich heute Nacht aus. Ich schloss die Augen, doch schlafen konnte ich lange nicht.
Das Knurren und Kratzen der Walker auf den Straßen erfüllte mich mit Angst.

Fear the darkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt