Es war Sonntagabend.
Der Himmel hat sich in tiefes Rotorange getränkt und harmonierte mit der Sonnen die gerade am Horizont untergeht. Ich lächelte. Die Farben strahlten auf mein Gesicht und die Wärme küsste meine Wangen. Es war eigentlich viel zu früh für einen Sonnenuntergang im Frühling, ich nahm ihn jedoch gerne hin.
Mit Leichtigkeit folgte ich dem schmalem Pfad der sich vor mir befand, der mich direkt zu Tante Mally führen sollte.Nachdem ich gestern Nacht mit dem Taxi bei ihr angekommen bin, hat sie mich unter Tränen begrüßt. Die Nacht habe ich bei ihr im Bett verbracht, ein weiches Doppelbett, damit keiner alleine war. Wir haben gemeinsam gefrühstückt und haben den Tag damit verbracht mein neues Zimmer herzurichten. Tante Mally wohnt in einer unglaublich schönen naturbedachten Gegend. Sie hat nicht wirklich viele Nachbarn, jedoch waren alle nett, bestätigte sie. Trotzdem musste ich mich erst mal hier an alles gewöhnen. Frische Luft würde mir daher gut tun und ich hatte sie gefragte, ob ich friedlich eine Runde Spazieren gehen durfte.
„Mina, bist du dir wirklich sicher?"
„Ja, Tante Mally."
„Und du findest auch ganz sicher nachause?"
„Ja, Tante Mally."
„Du gehst auch nicht zu weit weg?"
„Nein, Tante Mally."
„Aber du bist wieder da, bevor es dunkel wird, ja?"
„Ja, Tante Mally"
„Du bist so ein gutes Mädchen, mein Schatz, pass bitte gut auf dich auf, ja?"
„Ja, Tant-"Sie umarmte mich stürmisch und sagte lachend, dass ich nicht immer so höflich sein musste. Ich schmunzelte auch etwas.
Mein Lächeln, dass der untergehenden Sonne galt, verschwand wieder. Ich konzentrierte mich nicht mehr auf meine Gedanken und folgte stumm dem kleinen Pfad entlang. Vor mir sah ich eine beleuchtete Straße, direkt neben einem kleinen Wald. Er war nicht weit weg und ich war mir nicht mehr sicher ob ich richtig war. Eigentlich sollte mein Weg die Ganze Zeit neben einem weiten grüngelben Feld verlaufen. Verwirrt sah ich mich um. Es kann doch nicht sein, dass ich so sehr in Gedanken geschwelgt bin, dass ich komplett vom Weg abgekommen bin? Vielleicht bin ich auf dem richtigen Weg und der riesige machtvolle Wald nun direkt vor mir ist mir vorher noch nie richtig aufgefallen.
Zögerlich ging ich weiter und hoffte einfach, dass mein innerer Kompass mich nicht im Stich ließ, aber ich war noch nie der Orientierungsmensch. Kurz nachdem ich den Wald betreten hatte, fing ich an etwas schneller zu gehen. Das kann nicht sein, wem mache ich was vor, ich hab mich eindeutig verlaufen.
Wieso war ich nochmal überhaupt reingelaufen, wenn meine kürzeste Strecke nicht durch einen Wald ging?
Tante Mally hatte jedoch etwas davon erzählt, als sie mir die Gegend ein bisschen beschrieben hat. Aber ich sah meilenweit ihr Haus nicht. Vielleicht lag es daran, dass es mittlerweile dämmerte und ich von dieser Entfernung aus nichts mehr sah. Außerdem versperrten mir die ganzen Bäume die Sicht auf eine freie Landschaft.
Verloren lief ich also weiter, stolperte ab und zu über einen ungünstig liegenden Stock oder stieß gegen einen Ast und ärgerte mich selbst über mich. Nicht mal einen ganzen Tag hier und schon wieder komplett auf mich alleine gestellt. Ich war ermüdet und gab auf mir selbst Ausreden einfallen zu lassen, erst mal brauchte ich einen klaren Kopf um weiter laufen zu können.
Tief ein- und ausatmend lehnte ich mich gegen einen älteren Baum mitten in der mir unbekannten Gegend und schaute auf meine Hände. Beide waren verbunden, es schauten nur meine dürren Finger heraus. Die Salbe darunter juckte unangenehm an meiner Haut. Heute Nacht wollte ich den Verband auswechseln, doch vielleicht machte ich das auch erst übermorgen kurz vor der Schule.
„Verlaufen?"
Erschrocken schrie ich kurz auf und wich den redendem Baum hinter mir mit Lichtgeschwindigkeit zurück. Aber es war kein redender Baum.
Nur mit Mühe erkannte ich einen Jungen mit dunkelbraunen längeren zerzausten Haaren, einem dreckigen weißem Shirt und einer dunklen hochgekrempelten Cargohose mit einem abschälendem Ledergürtel, der es sich auf einem der vielen Äste des Baumes gemütlich gemacht hat, an dem ich mich vor ein paar Sekunden angelehnt hatte und grinste mich frech an.
Noch nie hatte ich so einen komischen ersten Eindruck bekommen, wie der hier. War er Hobby-Affe?
Der Junge hob eine seiner dichten Augenbrauen, als ich ihm nicht antwortete und winkelte sein Bein an, sodass er seinen Arm darauf stützen konnte. Ziemliche Pose, die er da hatte.
„Hats dir die Sprache verschlagen Kleines?", fragte er mich schmunzelnd.
Ich hielt seinen Blick stand, doch wusste nicht was ich antworten sollte, deshalb schwieg ich weiter und starrte ihn nur verwirrt an.
„Wer bist du?", fragte er mich.
„Dasselbe könnte ich dich auch fragen und auch, was du da oben tust", presste ich hervor.
„Hast du aber nicht", er lehnte sich vor, um mich zu mustern.„Du kommst nicht von hier, oder?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Also, was tust du da oben?", wiederholte ich mich.„Was tust du da unten?"
„Verlaufen", brummte ich.
„Also hatte ich Recht."
Ich nickte nur stumm und strich unauffällig meine langweilige Jacke glatt.Er drehte sich mit dem Rücken zu mir um und ließ sich plötzlich nach hinten fallen und hielt sich nur noch mit seinen angewinkelten Beinen fest.
Ich blickte erstaunt in sein verkehrtes Gesicht und wie er sich ausgiebig mit den Armen streckte.
„Früher habe ich das auch ziemlich oft gemacht", rutschte es mir raus.
„Echt?", gähnte er, „Das musst du mir mal zeigen, ich glaub dir das nämlich nicht."
Er sprang von seinem Ast mit einem halben Rückwärtssalto herab und landete elegant auf beiden Beinen.
„Es stimmt aber", rief ich empört, als er direkt vor mir stand und auf mich runterschaute. Er war einen ganzen Kopf größer als ich.
„Ich konnte damals auch ziemlich gut klettern", schmollte ich etwas.
„Das müsstest du mir aber irgendwann mal beweisen", grinste er mich nur blöd an und lief auf einmal los.
„Kommst du?" rief er mir über seine Schulter zu und ich joggte ihm hastisch nach. Zeigte er mir jetzt den Weg nach Hause?
Auf dem Weg zu ihm zuckte ich plötzlich reflexartig zusammen, als etwas hinter mehreren dunklen Buschen raschelte.
„Hast du Angst? Willst du dich an meinem Arm festhalten?", provozierte er mich amüsiert.
Verärgert sah ich ihn an, rutschte aber doch etwas zu ihm auf.
„Nein danke, ich komm zurecht."
Mittlerweile war es schon düster und ich konnte nur schwer sein blasses Gesicht erkennen, während wir nebeneinander herschlenderten.
"Ich seh, dass du starrst."
Sofort zuckte ich zurück und schaute weg, bereute es aber gleich wieder, als ich ins finstere Dunkel starrte.
Man hörte ihn leise lachen.
„Du bist komisch."
„Du erst."
Er schenkte mir ein Lächeln.Aprupt blieb er stehen und zeigte gerade aus. Ich erkannte, dass der Ausgang in greifbarer Nähe war und irgendwo Licht brannte.
„Da vorne gehts raus, dann musst du nach rechts und geradeaus, falls du das Taximädchen bist, dass gestern hier angekommen ist."
Ich nickte nur langsam. Er hat mich gesehen? Es war ca Mitternacht gewesen.„Man sieht sich bestimmt noch, Kleines!"
Er hob die Hand noch kurz zum Abschied und verschwand dann in der Dunkelheit.
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Mina
Teen FictionMina's Geschichte fing vor zwei Monaten an, als ihre Eltern gestorben sind. Zerbrochen und verletzt zieht sie zu ihrer Tante Mally mit wenigen Sachen ans Land. Ohne zu wissen, wie sie sich fühlen soll, trifft sie Ryder. Ein frecher Typ, der sich ger...