Part 2 - Der Mond ist aufgegangen

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WAS sollte mir dämmern? Ich spüre wie die Panik den Besitz meiner Blutbahnen ergreift. Ich spüre wie ich langsam wieder in die Bewusstlosigkeit sinke, vielleicht auch nur in den Schlaf. Plötzlich steht eine winzige Sonne im Raum. Eine Taschenlampe, du Pfosten. Sie blendet mich, sodass ich ihren Träger nicht erkennen kann. "Verdammt! Was soll das hier alles?", keuche ich überrascht. Der Schatten lacht mit einer ungewöhnlich rauen Stimme. Scheiß-Kettenraucher, geht es mir absurderweise durch den Kopf, und dann geht mir absurderweise durch den Kopf, dass ich das absurd finde. Du hast auch Probleme, Mädchen. Ich kreische auf, die Stimme scheint nicht von dem Kerl zu kommen. Sie scheint nicht einmal aus diesem Raum zu stammen. Sie ist von irgendwo weit weg, tief vergraben in meinem... "Du musst keine Angst haben, Leslie. Solange du mit uns redest wird dir nichts geschehen", das war der freakige Raucher, der sich nicht von der Stelle gerührt hat aber nach wie vor die Taschenlampe auf mich richtet, sodass meine Pupillen keine Chance haben sich zu weiten um diesen Typen zu erkennen. Schwach registriere ich, dass er meinen Namen kennt. Das ist mir alles ein bisschen zu viel hier. "Ich bin müde", sage ich, weil mir nichts besseres einfällt. Es ist als würde mein Gedankenfluss in meinem Kopf festkleben, es fällt mir schwer mich zu konzentrieren. "Das kommt von dieser Chloroform-Aether-Wasauchimmer-Lösung, die wir benötigt haben um dich bewusstlos zu machen", er überlegt kurz "aber mach dir keine Sorgen, das hat keine Spätfolgen oder so." Pause. Dann wieder dieses diabolische Lachen: "Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung. Ich hab Leute dafür, weißt du?!" Noch während er das sagt spüre ich wie ich wieder abdrifte, ohne aber wirklich in den Schlaf zu fallen.

Der Mond ist aufgegangen, die gold'nen Sternlein prangen am Himmel hell und klar...

Ich bin wach. Wirklich, wirklich wach. Und allein. Es ist Wahnsinn, wie laut diese Stimme sein kann. Und offensichtlich weiß sie auch welche Abneigung ich zu diesem Volkslied hege. Früher (bevor ich fast durch ein brennendes Gebäude beziehungsweise einer abgefeuerten Kugel gestorben wäre, naja, und auch bevor mir erlaubt war meine Höhenangst in Achterbahnen ab 1,20 Meter auszuleben) hat meine Mutter es mir regelmäßig als Gute-Nacht-Lied vorgesungen. Wenn man das Singen nennen kann. Sie liebt es zu singen, auch wenn sie, ehrlich gesagt, im höchsten Maße untalentiert ist. Ihre Stimme ist einfach unmelodisch, sie singt, ohne wirklich hoch oder runter zu gehen. Ich hatte nur nie den Mut ihr das zu sagen, meine größte Angst war sie zu verletzen, bis ich irgendwann Alpträume davon bekam. Darin verwandelte sich meine Mutter einen Roboter, der die ganze Nacht an meinem Bett sitzt und "Der Mond ist aufgegangen" mit seiner monotonen Roboterstimme plärrt. Ich will ihr sagen, dass sie aufhören soll, kann mich aber nicht bewegen und ich schrei und weine, doch es entweicht keine einzige Vibration meinen Stimmlippen. Dann wache ich auf, weinend und schreiend. Ab da an hat sie mir nie wieder vorgesungen, aber ich fürchte, dass ich ihr damit auch einen großen Teil, der Freude am Singen genommen hat und bis heute werfe ich mir das vor.

Die beängstigende Ähnlichkeit der Stimme und die meiner Mutter, bereitet mir eine Gänsehaut. Vielleicht ist es aber auch nur der Windzug, der über meine leichten, noch immer nach Rauch stinkenden Klamotten streicht. Es muss ein Fenster hier geben, freue ich mich in meinem nach wie vor leicht benebelten Gehirn. Doch nachdem ich ein bisschen an den Fesseln gerüttelt und außerdem bemerkt hatte, dass der Stuhl am Boden festgeschraubt ist verfliegt die Freude wie Asche im Wind (für einen kurzen Moment spüre ich wieder die Trauer um diesen einen Jungen irgendwo in einem Teil meiner Brust, der durchaus noch in der Lage ist außerhalb dieser vier Wände zu fühlen, aufflammt). Heute nicht, Kleines, heute kommst du nicht hier heraus. "Heute nicht", murmle ich. Mein Mund ist extrem trocken und mein Hals rau. Mein Kopf tut höllisch weh. "Wasser!", brülle ich, wie das Kind nach der Flasche.

Split LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt