Die gesamte Zeit im Flugzeug verfolgte ich nur den kleinen Punkt auf dem Display, der sich London immer mehr näherte. Bei jedem kleinen Sprung, den er machte, fühlte ich mich besser, aber genauso stieg auch die Aufregung immer und immer weiter an. Einen Tag später war es dann so weit, ich sollte das Exoskelett zum ersten Mal anziehen und damit laufen. Mit jeder Sekunde, die verstrich, sah ich mich näher an meinem Ziel.
Als ich in den Raum einer Universität, in dem ich gleich meine ersten Schritte machen sollte, geschoben wurde, sah ich das für mich maßgefertigte Exoskelett zum ersten Mal. Ich wurde vorsichtig aus meinem Rollstuhl gehoben und auf das Skelett, welches auf einem Stuhl schon bereit gelegt war, gesetzt. Gesteuert wird es über ein Armband, es besteht aus zwei Schienen die jeweils an den Außenseiten meiner Beine geschnallt wurden, auf der Höhe der Knie und Hüfte befindet sich jeweils ein mit vielen Kabeln verwickeltes Gelenk. Zu dem Exoskelett gehören auch Schuhe, die an den Schienen fest verankert sind. So wurde das Gewicht des Skelettes von den Schuhen und nicht von mir getragen. Die Motoren wurden mir auf den Rücken geschnallt und zu guter Letzt wurden meine Beine und meine Hüfte noch durch Klettverschluss an dem Exoskelett befestigt.
Während die letzten Vorbereitungen getroffen wurden, ging ich noch einmal in mich und machte mir klar, dass ich genau jetzt im Begriff war, das zu tun, wovon ich mein Leben lang schon geträumt hatte. Ich stellte mir die Situationen im Alltag stehend so anders vor. Es war ein gutes Gefühl, zu wissen, dass, wenn ich gleich mit dem Exoskelett laufen sollte, ich gut festgeschnürt und verpackt bin. Doch nach einiger Zeit besiegte die Angst die Vorfreude und ließ mich Dinge sehen, die ich nicht sehen wollte. Was wenn ich trotzdem umstürze? Oder wenn das Skelett einfach ausfällt ?
Die Wissenschaftler gaben mir, das O.K.-Zeichen, jetzt lag es an mir, mich aufzurichten und den ersten Schritt meines Lebens zu machen. Gefühlte Minuten verstrichen, bis ich endlich den Mut fassen konnte und mich nach vorne lehnte. Es benötigte einige Sekunden bis das Exoskelett meine Bewegung erkannte und die vorprogrammierte Ausführung für das Aufstehen ruckartig begann.
Man konnte es mir ansehen, die Angst war vollkommen verschwunden und ich konnte nur noch lächeln. Zum ersten Mal stand ich auf eigenen Füßen, zum ersten Mal merkte ich, wie groß ich eigentlich bin und zum ersten Mal schauten die Menschen um mich herum nicht mehr auf mich herab. Endlich war ich auf Augenhöhe mit der gesamten Menschheit. Und dann machte ich meinen ersten richtigen Schritt und direkt darauf noch einen und ich muss sagen, es war das schönste Gefühl, das ich jemals hatte, als ob meine Beine mich überall hintragen könnten, es war ein Gefühl, für das es sich zu kämpfen lohnte. Endlich konnte ich Schritt für Schritt meine Zukunft meistern.
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FIRST STEP #BubbleAward2018
Short StoryJetzt soll es so weit sein, sie soll ihren ersten Schritt machen. Aber wie nur, wenn sie ihre Füße, Beine und Hüfte weder spüren noch bewegen kann? Vicki ist 19 und ihr gesamtes Leben lang schon querschnittsgelähmt. Bildquellen: http://view.stern.de...