Zwillinge und Mafia

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Unsere Kindheit war wohl eine der schönsten. Nur zu gern dachte ich an die wundervollen Momente zurück. Oft sind wir mit der Familie zu einem Picknick gefahren oder haben ein Grillfest im Garten veranstaltet. Meinem Bruder und mir war auch lange nicht bewusst, dass unsere „Familie" sich von anderen unterschied.
Wir hatten schließlich, wie alle Kinder, eine Mutter und einen Vater. Auch eine kleine Schwester konnten wir, voller Stolz, zu unserer Familie zählen. Dass, was unsere Familie von anderen Familien unterschied, waren unsere vielen Onkel und Tanten, die wir hatten. Diese große Anzahl ergab sich nicht durch die vielen Geschwister oder Freunde, die unsere Eltern hatten. Unsere Familie war über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, durch gemeinsam organisierte Taten, durch Schwüre und Verrat immer wieder gewachsen oder geschrumpft.
Manche waren durch unglückliche Umstände in unsere Familie gekommen, andere hatten sich bewusst dafür entschieden und mit allen Mitteln unter Beweis gestellt, wie vertrauenswürdig sie waren. Und viele andere, so wie wir, wurden in diese Familie geboren. Die wenigsten hatten es geschafft unserer Familie zu entkommen. Denn Mitwisser, die nicht zu unserer Familie gehörten wurden nur in den seltensten Fällen geduldet. Wenn uns jemand verriet, dann mussten alle, die zu dem Verräter gehörten, sterben.

Denn „wir" waren die Mafia.

Das organisierte Verbrechen. Wir waren die, die den Großteil der kriminellen Aktivitäten der Stadt oder gar des Landes zu verantworten hatten. Wir waren die, die Drogenhandel, Prostitution, Menschenhandel, Schutzgelderpressung und vieles andere florieren ließen. Wir waren die, die die Mittel hatten, um den Strafen mit einen Lächeln oder einem Fingerschnippen zu entgehen. Bei uns rühmte man sich mit Strategien und Taten, die das Leben anderer Menschen zerstörte.
Doch wir waren die, bei denen Zusammenhalt noch groß geschrieben wurde. Bei uns half man sich gegenseitig. Die Familie, auch wenn sie nicht im Blute verbunden war, ging durch gute, wie durch schwere Zeiten.

Wir waren füreinander da.

Nur eine Sache war bei uns so verhasst, wie wohl bei jedem Menschen auf dieser Welt ebenso. Verrat! Heute wussten mein Bruder und ich, wie man mit Verrätern umgehen musste. Allerdings hatte uns das zweite Gesicht unserer Familie in Grund und Boden erschüttert, als wir 10 Jahre alt waren. Es hatte unser gesamtes Weltbild auf den Kopf gestellt. Unsere fürsorglichen Onkel, die mit uns gelacht und gespielt hatten, waren die gleichen Männer gewesen, die unser Haus gestürmt hatten und unsere Eltern mit einer Brutalität abgestochen hatten, als hätten sie sie nie gekannt. Wir hatten dabei im Zimmer gestanden und alles gesehen, während unsere Schwester in ihrem Babybett geschrien hatte. Das wir verschont wurden, war unserem einzigen leiblichen Onkel zu verdanken, der vor unserem Oberhaupt auf den Knien rumgerutscht war und um unser Leben gebettelt hatte. Nur kurz vorher hatte er von den Plänen unserer Eltern erfahren und sein Überleben garantiert, indem er unverzüglich zu unserem Oberhaupt gerannt war und alles offengelegt hatte.
Unsere Eltern hatten geplant zu fliehen. Einfach im Urlaub zu verschwinden und vom Erdboden verschluckt zu werden. Sie wollten nicht, dass wir dieses Leben leben. Sie wollten flüchten, solange wir noch nichts verstanden. Solange wir dachten, dass wir eine ganz normale Familie waren. Doch dieser Plan endete damit, das mein Bruder und ich die härteste Lektion zuerst lernten.
Solltest du es wagen die Familie zu verraten, bist du tot.

Das war nun schon 11 Jahre her. Ich dachte trotzdem immer wieder gern an die Zeit vor diesem Vorfall zurück. Mama, Papa, Nine, Jonah und ich.
Glücklich.
Meine Eltern hatten mir den Namen Jakob gegeben. Ihnen war wichtig gewesen, das ihre eineiigen Zwillinge den gleichen Anfangsbuchstaben teilten. Was sie wohl von unserer jetzigen Situation halten würden? Jetzt teilten wir mehr als nur einen Buchstaben. Jetzt waren wir beide Jonah, denn Jakob war offiziell vor 11 Jahren mit seinen Eltern gestorben.
Nun ging mein Bruder auf Events, Reisen und Veranstaltungen. Immer mit mir im Gepäck. Nicht selten sind es Veranstaltungen von Feinden oder potenziellen Verrätern. Jonah hatte dabei die leichte Aufgabe. Er sorgte dafür, dass es rund um die Uhr Zeugen für seine Anwesenheit gab. Ich suchte in dieser Zeit alles ab. Wenn es ging ohne sich erwischen zu lassen. Doch wenn ich entdeckt wurde, lächelte ich und war nur Jonah. Jonah, der die ganze Zeit auf der Feier präsent war und gar keine Zeit zum spionieren hatte.
Nichtmal Nine, unsere süße kleine Schwester, wusste mehr, dass ich existierte. Sie lebte bei unserem leiblichen Onkel und wuchs ganz normal auf. Ein wenig bekam sie schon mit, doch noch lange nicht alles. Und das wichtigste war: sie schwieg über alles. Dabei war sie gerade mal 13 Jahre alt.
Ich war froh ihr nicht mehr als Jakob unter die Augen zu treten. Denn irgendwann hätte ich ihr nicht mehr in die Augen sehen können. Sie war klug. Irgendwann würde sie alles verstehen, würde eins und eins zusammenzählen und schnell darauf kommen, was damals geschehen war. Warum unsere Eltern sterben mussten.
Allerdings würde die dann nicht wissen, dass ich noch lebte. Sie würde einfach ihr Leben weiter leben und um einen ihrer Brüder trauern. Jonah wird sie in allem unterstützen und fröhlich lächelnd auf sämtlichen Feiern tanzen.

Während ich durchsuchte, analysierte und tat was nötig war. Zur Not auch das, was unsere Familie auseinander gerissen hatte.

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So...da ist auch schon Geschichte Numero 2. Mir haben die Themen so gut gefallen und ich hatte jede Menge Ideen, aber irgendwie scheiterte es an der Umsetzung....
Kurz um: ich bin nicht zufrieden mit diesem Kapitel, aber auch nicht wirklich unzufrieden. Solide 3 also.

Die nächsten Themen sind:
Briefe und Himmel/Hölle

Ich wünsche viel Spaß :)

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