59 | Warum?

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»Geh in dein Zimmer und verwandel dich zurück«, wies Silvan mich mit kalter Stimme an und immer noch erstarrt rührte ich mich nicht, bis er einen Schritt auf mich zukam und vor mir in die Hocke ging.

Unsere Augen trafen sich, waren sich so nah, doch mich durchfuhr in diesem Moment nur noch Panik, während das Geräusch des Schusses in meinem Kopf immer widerhallte.

»Bitte mach einfach das, was ich dir sage«, flüsterte er leise und holte anschließend tief Luft. »Ich muss hier raus, Jade. Sonst bringe ich ihn wirklich noch um.«

Verwirrt huschten meine Iriden über sein Gesicht, auf dem sich ein kleines Lächeln bildete.

»Wir warten draußen.«

Er stand auf, wandte sich von mir ab und als ich mich dann herumdrehte, sah ich als Erstes das Loch in der Wand, neben dem mein Bruder saß und mich voller Panik ansah.

Mein Herz schlug trotz allem immer noch schneller als normalerweise und die Luft kam nur stoßweise in meine Lungen.

»Und mit so jemandem willst du wirklich zusammen sein?«, fragte Devin und fasste sich dabei ans Herz, als hätte er den Schock noch nicht ganz verdaut. Genau wie ich.

Ich konnte ihm keine Antwort geben und lief erleichtert und trotzdem immer noch aufgebracht in mein Zimmer, um mich dann zurückzuverwandeln und erst mal die Tür zu schließen.

Und dann war sie weg. Meine Stärke, mein Mut und mein Kampfgeist. Meine Wölfin hatte alles mit sich genommen und mir nur noch Angst dagelassen.

Angst davor, mich jetzt endgültig entscheiden zu müssen, obwohl ich meine Entscheidung schon längst gefällt hatte.

Silvan war ab jetzt mein Leben, daran gab es keinen Zweifel und doch tat es einfach nur weh, die Erkenntnis zu bekommen, dass mein Bruder nie wieder ein Teil meines Lebens sein könnte.

Während ich mir unter Tränen meine Unterwäsche und eine schwarze Leggins anzog, schweiften meine Gedanken eine Weile in die Zukunft ab.

Ich stellte mir vor, Kinder zu haben, die Geschichten darüber hören würden, wie schrecklich Untere wären und damit auch ihr Onkel. Stellte mir vor, mein Leben ohne ihn zu verbringen und zog mir dann noch schnell einen gelben Pullover an, um hier zu verschwinden.

Dieser Schmerz fraß sich tief in mich hinein und als ich wieder im Wohnzimmer ankam und Devin ansah, der vor der Haustür stand und zu Boden blickte, wünschte ich mir, er hätte mich nie entführt.

Er nahm mir mein Wunschdenken, denn wo ich vorher das Bild hatte, wie er glücklich mit Aleya am Sportplatz abhing, würde sich jetzt dieses Bild hier einbrennen, wie er gebrochen und verzweifelt an der Tür stand.

»Ich kann dich einfach nicht verstehen«, erklärte er mit gebrochener Stimme und schaute mich dabei mit riesiger Enttäuschung an, was mich noch trauriger werden ließ.

»Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen«, gab ich ihm ehrlich zurück, doch auch Tränen bahnten sich bei diesen Worten ihren Weg über meine Wangen, denn damit gab ich zu, ohne meinen Bruder leben zu können.

Devin sagte nichts mehr und wich meinem Blick aus, um auf mich zuzukommen, doch anstatt er mir zum Abschied alles Gute wünschte, rammte er mich nur leicht mit seiner Schulter und verschwand hinter mir in den Flur.

Es tat einfach nur weh ...

Ich schloss meine Augen, holte noch ein letztes Mal tief Luft und lief dann langsam zur Haustür, die ich nur zögerlich öffnete.

Mein Blick fiel auf Silvan, der am Auto lehnte und mir mitfühlend entgegenschaute. Er spürte meinen Schmerz wahrscheinlich genauso stark, wie ich seinen Hass zuvor gespürt hatte.

»Wir können«, gab ich nur leise von mir und wollte sofort ins Auto steigen, doch Silvan zog mich an seine Brust und hielt mich fester als jemals zuvor. Mein ganzer Körper beruhigte sich in seiner Umarmung und als er dann noch sanft über meinen Rücken streichelte, konnte ich endlich wieder aufhören zu weinen, auch wenn dieser Schmerz vermutlich nie ganz erlöschen würde.

»Wir finden eine Lösung, aber erst mal sollte sich alles beruhigen. Ich kann mich ... ich bin es nicht gewohnt, mich so unter Kontrolle halten zu müssen und er macht es einem auch nicht gerade einfach«, flüsterte er in mein Ohr und irritiert schaute ich zu ihm hoch.

Wollte er tatsächlich eine Lösung dafür finden, meinen Bruder nicht komplett aus meinem Leben zu streichen?

Wie falsch hatte ich ihn eigentlich von Anfang an eingeschätzt?

»Komm«, riss er mich aus meinen Gedanken und hielt mir zuvorkommend die Beifahrertür auf, um mir beim Einsteigen noch seine Hand zu reichen. Als er dann auf die andere Seite lief und Igor hinten Platz genommen hatte, fuhren wir auch schon los.

Ich schaute die ganze Fahrt über nur auf meine Hände, die ruhig in meinem Schoß lagen und dachte darüber nach, wie schlagartig sich alles verändert hatte.

Wo ich eigentlich immer der Meinung war, ich wüsste, wie mein Leben ablaufen würde, war jetzt alles anders gekommen und wenn ich auch immer der Überzeugung war, dass Devin mich beschützen würde, so war nun Silvan derjenige, bei dem ich mich sicher und geborgen fühlte. Mehr als bei jedem anderen.

Mein Blick fiel zu ihm herüber, wie er lässig mit einer Hand den Wagen lenkte und geradeaus starrte. Wieder einmal fiel mir auf, was für eine tolle Ausstrahlung er hatte, erst recht, wenn die Sonne auf ihn nieder schien.

Er bemerkte wohl mein Starren und schaute flüchtig zu mir herüber, um dann seine Hand auf meine zu legen.

So musste sich Verliebtheit anfühlen ...

Doch es war das Mateband, dass es mir möglich machte, mich nach diesem scheiß Tag doch noch gut zu fühlen.

Und das nur von der sanften Berührung seiner Hand.

Für den Rest der Fahrt schloss ich erschöpft meine Augen und genoss das Gefühl der Sonne auf meinem Gesicht, bis wir dann anhielten und ich meine Lider wieder aufschlug.

Wir waren Zuhause.

Silvan stieg als Erster aus und streckte sich, während Igor zu schlafen schien, denn ein leises, kaum hörbares Schnarchen drang plötzlich zu mir nach vorn.

Neugierig drehte ich mich um und tatsächlich. Er war fest am Schlafen.

In solchen Momenten bemerkte man sein Menschsein ganz auffällig, denn Wölfe würden sicher nach so viel Action mit Adrenalin nicht einschlafen können.

Als ich dann ebenfalls ausstieg und zu Silvan wollte, hatte er plötzlich einen nachdenklichen Blick drauf und sein Handy in der Hand.

»Was ist los?«, fragte ich verwirrt und er schaute nur flüchtig zur Haustür und wieder zu mir.

»Bene sollte eigentlich hier sein. Ist er aber nicht und ich erreiche ihn auch nicht.«

Fuck! Den hatte ich ja komplett vergessen ...

Und würde er jetzt aus dem Wald kommen und nach Jäger riechen?

Bei ihm würde Silvan sicher nicht nur an die Wand schießen. Ich war schon dankbar genug, dass er meinen Bruder verschont hatte.

Nervös, fast schon panisch, suchte ich nach einer Problemlösung, denn ich würde Bene sicher nicht verraten, solange ich nicht vorher selbst mit ihm gesprochen hatte.

»Können wir bitte etwas essen gehen?«, wandte ich mich dann an Silvan, der kurz darüber nachdachte und zu meinem Glück zustimmend nickte.

Wieder im Auto wollte ich einfach nur weit weg, um nicht direkt in die nächste aufgeheizte Situation zu geraten.

Die Arroganz des WolfesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt