Es war verhältnismäßig spät für mich, als ich aufwachte. Nach 9:00 Uhr...
Wow!
Das war neu. So lange hatte ich noch nie geschlafen und ehrlich, so gut auch schon ewig nicht mehr. Seufzend erhob ich mich, stapfte im Bademantel die Treppe hinunter nur um mich mitten in einem Schlachtfeld wiederzufinden. „Ach, du heilige Soße," murmelte ich und sah mich schockiert um. Wohnzimmer und Küche sahen aus, als wäre Attila mit seinen Hunnen hier durchgaloppiert... und das ganze gleich dreimal hintereinander! Möbel waren um gestoßen, Schnapsflaschen lagen verstreut rum, genau wie die Bierflaschen, Essensreste waren auf dem Sofa verschmiert und ich wurde sauer!!
Im Ernst? Man könnte meinen, dass hier eine Gruppe von pubertierenden Teenager gefeiert hatte, anstelle von erwachsenen Männern. Kopfschüttelnd schnappte ich mir einen Müllbeutel und begann, die Sauerei wegzuräumen. Schließlich wohnte ich auch hier und ich hatte kein Bock in Dreck und Chaos zu versinken... Ja, ich gebe zu, ich war selber eine Chaotin. Aber bei mir herrschte stets ein kreatives Chaos und mit Sicherheit lag kein Müll, Essen oder sonst irgendetwas herum, was gammeln könnte. Und da ich es irgendwie im Blut hatte, dass meine Schreibblockade noch eine Weile andauern würde und ich nach dem gestrigen Intermezzo mit Gizmo keinen Bock hatte, heute mich wieder von einem nervtötenden Beagle oder einer übel gelaunten Katze attackieren zu lassen, beschloss ich zu Hause zu bleiben und halt das Chaos meines Freundes wegzuräumen. Der Mist dauerte ganze vier Stunden, inklusive der Grundreinigung des Sofas. Genervt ließ ich mich in einen Sessel plumpsen und sah müde zur blitzblanken Küche hinüber. Dort lachte mich der gähnend leere Kühlschrank und die ebenso unbefüllte Speisekammer an. Ich seufzte und murmelte: „Ist ja gut... das übernehme ich halt auch noch." Ächzend stemmte ich mich hoch und kramte nach meinem Mehrweg- Shopper. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch 3 Stunden hatte, bevor mein verehrter Freund von der Arbeit zurückkam und was zum Spachteln haben wollte. Zeit genug, also um den sauteuren Lebensmittelladen in der Nähe zu meiden und zum großen Walmart ne halbe Stunde entfernt zu fahren.
Eigentlich liebe ich ja Walmart. Die Gänge sind schön groß, die Auswahl ist gigantisch und man findet einfach alles was man braucht in einem einzigen Rutsch. Heute aber nervte mich irgendwie alles. Die Hintergrundmusik dudelte irgendetwas, was mich stark an Fahrstuhl erinnerte, die Beleuchtung war zu grell und meine Lieblingsschokolade hatten sie natürlich auch nicht. Ich beschloss, mich also anderweitig zu verwöhnen und packte eine Riesenladung Ben&Jerrys Cookie Dough ein. Zwar schweineteuer, dafür cremige Glückseligkeit auf einem Löffel. Zu Hause angekommen, verstaute ich alles genau so, wie Linus es vorgegeben hatte und setzte ein deutsches Gulasch an. Während das Rindfleisch fröhlich vor sich hin schmorte, flezte ich mich mit meinem Eis aufs Sofa und machte The Walking Dead an. Irgendwie war mir heute nach Mord und Todschlag und zu sehen wie Negan mit seinem Baseballschläger auf diverse Untote einprügelte, verschaffte mir eine seltsame Genugtuung. Nur eine halbe Folge später war das Eimerchen der köstlichen Eiscreme leer und ich in einem leichten Fress-Koma. Das ist zumindest die einzige Erklärung ich geben konnte, als Linus nach Hause kam und sein Gulasch angebrannt vorfand.
„DU BIST WOHL EINFACH ZU DÄMLICH FÜR ALLES!" brüllte er, packte den Topf und schleuderte ihn mir entgegen. Das heiße Gulasch spritzte nicht nur auf die Möbel, sondern auch auf meine Beine und ich schrie vor Schmerz auf. „WAS LÄUFT EIGENTLICH FALSCH BEI DIR?" kreischte ich, der Tonfall sehr ähnlich dem einer Todesfee auf Crack. Mit zwei großen Schritten war Linus bei mir, packte mich an den Haaren und zerrte mich auf den Boden.
„So. Redest. Du. Nie. Wieder. Mit . Mir!" zischte er und verpasste mir mit jedem Wort einen harten Schlag. Für einige Sekunden war ich wie erstarrt. Ich war es ja mittlerweile gewohnt, dass er mich bei jeder Gelegenheit beleidigte, aber er hatte noch nie die Hand gegen mich erhoben! In mir legte sich ein Schalter um, ich schlug seine Hände zur Seite und stieß ihn fest gegen die Brust, so dass er zurücktaumelte. „Fass mich nie wieder an, du verschissener Hurensohn!" sagte ich leise, erhob mich und funkelte ihn hasserfüllt an. Das Adrenalin hämmerte durch meine Adern und betäubte den Schmerz... sowohl den der Schläge, wie auch den, der sich in meinem Herz ausbreitete. Ich hatte Linus einmal geliebt. Sehr sogar... so sehr, dass ich in eine emotionale Abhängigkeit zu ihm geraten war. Doch heute und hier zog ich eine Grenze! Genug war genug!!!
„Wie hast du fette, dämliche Schlampe mich gerade genannt?" knurrte er und ballte die Fäuste. „HURENSOHN! BIST DU JETZT NICHT NUR EIN SCHLÄGER, SONDERN AUCH NOCH TAUB GEWORDEN?" Das hätte ich lieber nicht gebrüllt.... Er war so schnell über mir, dass ich die Bewegung kaum mitbekam. Diesmal schlug er nicht mit der flachen Hand zu, sondern mit der Faust und er legte sein gesamtes Gewicht in den Schlag hinein. Linus erwischte mich zweimal, bevor ich hinter die Kücheninsel kriechen und mit zitternden Fingern mein Nudelholz greifen konnte. Das gute Stück hatte ich mir zu meinem 18. Geburtstag selbst geschenkt. Es war kein herkömmliches aus Holz, oh nein... Es bestand aus Marmor - perfekt für das Ausrollen von Mürbeteig gedacht - und hatte dementsprechend ein beachtliches Gewicht. Als er angestapft kam, richtete ich mich auf die Knie auf und hob drohend meine Waffe über den Kopf. „Fass mich noch einmal an und ich schlag dir hiermit den Schädel ein!" fauchte ich und er blieb tatsächlich stehen. „Mach, dass du wegkommst! Ich will deine Fresse nie wieder in meiner Wohnung sehen!" sagte er mit einem Mal erschreckend ruhig. „Mit Vergnügen!" antwortete ich liebenswürdig und kam mühsam auf die Füße. Ich schwang mein Nudelholz sehr Negan-mäßig über die Schulter, griff mir meine Handtasche und rauschte hoheitsvoll an ihm vorbei. An der Tür blieb ich kurz stehen, sah zurück und flötete: „Viel Spaß beim Aufräumen und Saubermachen, du Arschloch! Da musst du wohl mal selbst Hand anlegen, denn deine Haussklavin macht jetzt nen Schuh!" Ich schmetterte die Haustür mit soviel Schmackes ins Schloss, dass die Milchglas-Scheibe klirrte und wackelte. Der Adrenalinschub hielt noch genauso lange an, bis ich im Wagen saß. Und ich danke dir, Gott... mein Auto hatte getönte Scheiben, so dass niemand sah, wie ich einen Heulkrampf der Superlative bekam. Nach etlichen Minuten schaffte ich es schließlich den Gang einzulegen und mich auf den Weg zu Becca zu machen... ich fuhr langsam, halb blind von Tränen und hatte Glück, dass der Pendlerverkehr bereits vorbei war. Die Straßen waren relativ frei und so gelangte ich, ohne mein Fahrzeug um eine Ampel zu wickeln im beeindruckenden Slalom beim Haus meiner besten Freundin an.
Immer noch heulend stieg ich aus und taumelte zur Haustür. Nachdem ich Sturm geklingelt hatte, hörte ich Beccs Stimme: „Ja, doch!!! Himmel, langsam mit den jungen Pferden!!! WAS SOLL DIE HEKTI... scheiße... Juna? Was zum Teufel?" Genervt brüllend hatte sie die Tür aufgerissen und starrte nun entsetzt in mein von den Schlägen und Tränen verquollendes Gesicht.
„Juni? Oh, Gott... Kleine... komm rein!!!!" Beccas Hände flatterten hilflos vor meinem Kopf herum, griffen dann sanft meinen Arm und zogen mich ins Innere.
Bestimmt schob meine beste Freundin mich zum Sofa und drückte mich in die weichen Kissen. Dann stürzte sie davon und kam mit einem feuchten Waschlappen und einem Beutel Tiefkühlerbsen wieder. Behutsam säuberte Becca mein Gesicht und den Hals und legte dann sanft die eiskalte Tüte mit Hülsenfrüchte an meine Wange. „Ich mach dir jetzt einen Tee und dann erzählst du mir, was zum Teufel passiert ist und wen ich dafür umbringen muss!" sagte sie leise und verschwand in der Küche. Nur wenig später kam sie zurück und stellte einen großen Becher Kamillentee vor mich hin. „Ich weiß, ich weiß... Du hasst Kamille. Aber sie wirkt beruhigend und du siehst dezent panisch aus. Also betrachte das als Medizin und jetzt runter damit!" Mit viel gutem Zureden würgte ich schließlich die Hälfte des ekelhaften Gebräus herunter, dem ich nicht mal mit einer LKW-Ladung Zucker etwas Gutes abgewinnen konnte und sah dann in die beunruhigten Augen meiner Freundin. Beccs lehnte sich vor und griff nach meinen Händen.
„Sagst du mir jetzt, was los ist oder soll ich raten? Denn dann würde ich sagen, dass du in eine Prügelei geraten bist. Da ich dich allerdings kenne, schließe ich eine Kneipen-Schlägerei aus und tippe auf das verschissen Arschloch von hoffentlich jetzt Ex-Freund. Wie gut bin ich?"
Ich schniefte und griff wieder nach dem Beutel TK Erbsen. Seufzend drückte ich sie mir diesmal gegen das Schlüsselbein. Dort pochte es nämlich genauso sehr wie in meinem Gesicht. „Hast recht. Es war Linus... Ich hab Gulasch anbrennen lassen und er hat den Topf dann nach mir geworfen... und als ich ihn angeschrien hab, hat er einfach zugeschlagen... er hat erst aufgehört, als ich gedroht habe ihm mit dem Nudelholz eins überzuziehen..." Zum Schluss wurde meine Stimme weinerlich und ich brach erneut in Tränen aus. Becca sah jetzt mordlüstern drein, doch sie schloss mich in die Arme und wiegte mich wie ein Kind hin und her...
Hier war ich in Sicherheit... Mamabär passte jetzt auf mich auf und ich konnte mich getrost meinem Nervenzusammenbruch hingeben.
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Liebe auf Umwegen
RomanceIch hab ja schon viel Dreck in meinem Leben einstecken müssen... aber niemals hätte ich gedacht, dass ich eine dieser Frauen sein würde, die von ihrem Partner geschlagen werden. Doch hier sitze ich, auf der Couch meiner besten Freundin mit einem Vei...