E I N S

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A R A Z

Meine lauten Fußstapfen sind auf den nassen Straßen gut hörbar, während ich einen sanften Windzug durch meine pechschwarzen Haare wehen spüre.

Mein dunkler Mantel deutet an, dass der Frühling schon angeschlagen ist.

Ich schmeiße meine abgenutzte Zigarette in den nächsten öffentlichen Mülleimer, während ich an nur wenigen Passanten vorbei gehe, doch mache Halt, sobald ich eine kleine Pfütze vor mir sehe.

Meine Augen fixieren sich auf mein Spiegelbild, welches in ihr reflektiert wird.

Maskuline Gesichtszüge. Augen in dem dunkelsten Braunton, dass sie schon schwarz wirken. Volle Lippen und Augenbrauen.

Doch in dem Moment, in dem sich meine Augen treffen, breche ich schnell den Blickkontakt und schaue wieder nach oben, als mein Handy in meiner Hosentasche anfängt, aufzusummen.

Ich atme zunächst tief ein, während ich die Augen schließe.

Raya kann dir nichts anhaben.

Das rede ich mir immer wieder selbst ein. Ob es klappt, ist jedoch eine andere Geschichte.

Mit langsamen Bewegungen öffne ich den Screen und sehe den Namen meines besten Freundes darauf aufleuchten.

Zu meinem Glück ist es nur er.

Nämlich habe ich wirklich genug davon, jede Sekunde des Tages einen Anruf von jeglichen Ärzten zu erhalten, wobei mir jedes Mal das Herz in die Hose rutscht.

Denn absolut niemand ist auf diese eine Aussage gefasst, die nur von einem Facharzt kommen kann.

»Fabio?«, spreche ich in den Hörer und setze meine Schritte geradeaus fort.

Ein seltsames Rascheln ist im Hintergrund zu hören und ich runzele augenblicklich die Stirn.

»Wo bist du?«

»Im Auto«, antwortet er flüchtig. »Wie geht es dir?«

Diese Frage stellt er mir jeden einzelnen Tag. Und jedes Mal war meine Antwort dieselbe.

»Beschissen«, schnaube ich fast, wenn ich mich nicht wie das größte Arschloch auf Erden fühlen würde.

Ich höre ihn seufzen. »Es wird nicht mehr lange dauern, Araz. Ganz sicher.«

Mit welcher Sicherheit traut er sich, mir das einfach so ins Gesicht zu sagen? Ich glaube ihm kein Wort.

»Wie lange, Fabio?«, murre ich in einem nicht mehr so freundlichen Ton. »Wie lange muss ich noch warten, bis ich sie wieder sehen kann?«

Er verstummt nur.

»Siehst du?«, lache ich gekränkt und balle meine Hände zu Fäusten. »Wie kannst du es wagen, mir so einfach ins Gesicht zu lügen? Vor allem, wenn es um sie geht. Um deine eigene Schwester!«

Ich weiß nicht, warum es so ist, aber immer wenn es um sie geht, kann ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle halten.

»Ich will sie doch einfach nur wieder berühren, verdammt«, bricht meine Stimme, mein Zorn bleibt jedoch unverändert.

Seine sanften Atemzüge hallen durch den Hörer. »Das kannst du doch.«

Ich schnalze mit der Zunge. Aber nicht auf diese Weise.

Trotzdem entscheide ich mich dazu, nicht mehr mit ihm zu diskutieren.

»Ich bin jetzt da«, spreche ich in einem Wisperton.

Fabio räuspert sich und ich kann mir gut vorstellen, dass er über die ganze Situation genauso überrumpelt sein muss, wie ich.

»Okay«, spricht er. »Reden wir später?«

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