Schuldgefühle

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Das Essen stand am Tisch und wir beide saßen uns gegenüber.  Der Kuss war schön gewesen, doch hatten uns die Nudeln unterbrochen, die fast übergegangen waren. Ich fing an zu essen, und schloss genüsslich die Augen. "Du musst wirklich öfter für mich kochen..." sagte ich während ich jeden Bissen aß, als wäre es mein letzter. "Das ist.. Wirklich gut.", sagte ich nochmal mit so viel Überzeugung wie ich nur in meine Stimme legen konnte. "D-Danke...", nuschelte Aaron verlegen. "Do bist Verlegen? Der sonst so selbstsicherer Aaron? Geschieht hier gerade ein Wunder?", fragte ich mit belustigtem Unterton. Er schaute noch beschämter zu Seite und ich  errötete in einem tiefen Rot. "Hey, ist ja ok. Ich hab dich halt noch nie schüchtern gesehen.", sagte ich aufrichtig ein bisschen leiser, trotzdem mit einem warmen Lächeln. Ich mochte diese Seite Aaron irgendwie, sie war... anders aber, irgendwie süß. "Ich bin selten so, mir ist es um ehrlich zu sein unangenehm. Du weißt doch noch früher in der Schule? Da haben mich meine Freunde immer dafür verspottet das ich so schnell rot werde. Ich konnte es mir logischer Weise nicht abgewöhnen habe aber geschaut, dass alles was mich betrifft, einfach kalt lässt. Deswegen bin ich auch manchmal so distanziert, aber ich will das du weißt, dass es nichts mit dir zutun hat. Ich...Bin einfach so." Ich blieb still und hörte ihm einfach nur zu. Sowas hatte er mir noch nie erzählt. Wir hatten eine sehr gute freundschaftliche Beziehung, aber nicht so dolle, dass wir uns sowas erzählt hätten. "Ich.. Danke. Danke, dass du mir das gesagt hast, aber ich will das du weißt, dass egal wie schlecht gelaunt du bist, egal wie sauer du bist, traurig, mir egal, ich werde immer nur dich wollen, niemals eine andere Art von dir. Ich hab dich so lieb wie du bist...", sagte ich ehrlich. Stille, doch keine Unangenehme. Wir wussten einfach beide, dass diese Stille noch mehr zu meinem Geständnis hinzufügte als unsere Worte jemals könnten. Niemand von uns sagte noch was und wir aßen stumm unser Essen auf und gaben danach alles zusammen in den Geschirrspüler. Die Stimmung die sich aufgebaut hatte, war aus welchem Grund auch immer, gespannt und nervenaufreibend. Ich wollte nicht das es den ganzen Abend so weiter ging. "Können wir-" Wir stoppten beide belustigt, als wir exakt  das Selbe sagen wollten. Ich schaute verlegen zu Boden mit einem Grinsen auf den Lippen. Ich wartete und Aaron fing wieder an zu reden. "Es tut mir Leid das die Stimmung jetzt so... ist. Ich weiß nicht warum, wollen wir vielleicht irgendwas machen bevor ich gehe?", fragte er schüchtern. Ich sah auf und sah ihm in seine wunderschönen Augen. Sie strahlten eine Sicherheit aus, die mir einen Schauer über den Rücken liefen ließ. ich nickte Stumm und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. Ich ging ins Wohnzimmer wo meine kleine ausfahrbare Couch stand, die mit einer grünen Decke bedeckt wurde. "Wir können sie so aufmachen. Du weißt schon was ich meine oder?", sagte ich und machte mich daran, die Decke zu entfernen und eine Beige Couch zu entblößen. Sie war mein ein und alles, da ich sie mal bei so einer Bescheuerten Wett gewonnen hatte. Jap, bei einer Wette... Aaron kam zu mir und nahm mir das grüne Stofftuch aus der Hand, bevor wir beide uns um die Couch kümmerten. Nachdem ein wenig Zeit vergangen war, lagen wir endlich, ein wenig verschwitzt, auf dem Sofa, dass jetzt doppelt so lang war wie davor. "was wollen wir schauen?", fragte ich und nahm die Fernbedienung. Aaron zuckte neben mir nur mit den Schultern, weswegen ich mir die Aufgabe machte, einen guten Film rauszusuchen. "Ähh, was schaust du gerne?", fragte ich ein wenig beschämt. Wir waren schon mehrere Jahre befreundet, weswegen mich der Fakt, dass ich nicht genau wusste was er gerne sah, irgendwie peinlich berührte. "Das, ist eine gute Frage. Ich hab keinen Schimmer. Ich schaue sonst eigentlich nie so, Filme.", antwortete mir Aaron und ich lachte auf. "Du schaust keine Filme? Was hast du dann bitteschön deine gesamte Kindheit über gemacht?" Ich kicherte. "Ähm, Naja, ich hab halt gelesen." "Ehrlich?", fragte ich erstaunt da ich diese Sache über ihn ebenfalls noch nie bemerkt hatte. "Ja. Aber ich lese meistens nur zuhause. Mir ist es unangenehm. Nicht so wie du, der bei jeder Gelegenheit ein Buch dabei hat, und sobald er Zeit hat, seine Nase hineinsteckt." Ich lachte noch mehr. ich legte die Fernbedienung beiseite und drehte mich, sodass ich ihn direkt anschauen konnte. "Hey! Ich lese nun mal gerne. Vor allem du, neu gefundene Leseratte, solltest wissen, dass man sich nicht sehr leicht von seinen Büchern trennen kann. Und, wenn man nichts zu tun hat ist lesen, neben dem Handy einfach eine der besten Beschäftigungen.", nachdem ich meinen Redefluss beendet hatte, wurde ich nur belustigt angestarrt. Ich zog meine Augenbrauen kraus. Aaron lachte einmal bevor er sagte :" Alles gut. Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Nicht vor mir zumindest." Ich lächelte ihn leicht an, ein wenig beschämt das er mir das so sagen musste. Ich schaute ihn lange an, bis er meine Stumme Aufforderung verstand. Er zog mich an sich und ich vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Der Film, oder was auch immer wir machen wollten, war vergessen. Gerade als ich merkte das unsere beiden Atmungen ruhiger wurden, fiel es mir wieder ein. "Scheiße." I setzte mich auf und rieb mir müde mit einen resignierten seufzen die Augen. Aaron sah mich verwirrt an. "Ich hab seit ich krank war Mama nicht mehr besucht, ich hab sie nicht mal angerufen. Was ist, wenn ich ins Krankenhaus fahre, nur um zu sehen, dass es ihr viel schlechter geht, oder gerade stirbt? ich hab so ein schlechtes Gewissen..." "Hey..." Aaron unterbrach mich indem er seine Hand behutsam auf meine Wange legt und leicht mit seinem Daumen darüber strich. "Elia, es ist nicht deine Schuld das du krank warst und ich will nicht das du dir für irgendetwas Vorwürfe machst. Du kannst nicht immer für deine Mutter da sein, auch wenn sie im Sterben liegt. Elia, du bist auch einfach nur ein Mensch, der auch einfach mal abstand zu der Welt braucht. Verurteile dich nicht selbst dafür, auch einfach mal eine kurze Pause vom Leben zu brauchen." Ich merkte nicht, wie die ersten Tränen meine Augenwinkeln verlassen hatten, der salzige Geschmack der sich in meinem Mund ausgebreitet hatte, von den Tränen die sich in meinen Mundwinkeln gesammelt hatten. "Ich verstehe dich, okay? wir können gemeinsam hinfahren...Nur wenn du das willst." Fügte er hinzu, ein wenig unsicher, ob ich ihn zu meiner Mutter mitnehmen wollen würde. "Aaron...Ich will dich nicht stören und-" Er unterbrach mich wie so oft auch. "Du störst mich mit gar nichts, Elia. Komm, wir fahren jetzt zu deiner Mutter, keine verdammte Widerrede." Mir entkam ein kleiner wehleidiger Lacher. Meine Mutter würde sterben... So hatte ich das irgendwie noch nie gesehen. Ich war davon ausgegangen, dass einfach nichts passieren würde, dass die Welt weiter gehen würde mit ihr an meiner Seite, doch jetzt wo ich sie seit Tagen nicht mehr gesehen hatte, viel mir auf wie leer ich mich ohne sie anfühlte. In meinem Körper verbreitete sich immer mehr das Gefühl das sie mir entglitt und ich konnte verdammt noch mal, nichts dagegen tun.  Verdammt, ich war noch nie Gläubig gewesen und doch erwischte ich mich fast täglich in meinen Gedanken zu Gott reden, ihn bitten, anflehen, dass er sie mir einfach noch lassen würde. Ich merkte erst das ich in Gedanken versunken war als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte die mich kurz darauf in eine engumschlungene Umarmung zog. Ich drückte mein Tränenverschmiertes Gesicht in Aarons Halsbeuge, froh das ich nicht reden musste und er einfach nur für mich da war. "Es tut mir leid.." Stammelte ich und ließ ihn wieder aus. I probierte die traurige Stimmung irgendwie weg zu lachen, doch als ich daraufhin einen strengen Blick von Aaron abbekam, ließ ich es sein und meine Miene fiel in Sekunden wieder in sich zusammen. "Es ist okay wenn du dich mal nicht gut fühlst, Elia. lass uns gehen ok?" Er nimmt mich leicht am Ellbogen und zieht mich von der Couch runter. "Wir fahren jetzt zu deiner Mutter, egal wie scheiße es dir geht. Du weißt schon, auch wenn sie wahrscheinlich bald von uns gehen könnte, sie will sicherlich immer noch für dich da sein, da bin ich mir sicher.", redete Aaron mir zu, brachte mich sogar dazu etwas ruhiger zu werden. Ich wollte etwas sagen, nur ein kleines Danke, irgendwas, doch war ich sprachlos. Aaron verstand meine Stille und lächelte mich aufmunternd an. 

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  Die Autofahrt verlief still. Ich war immer noch, ja wie war ich eigentlich? Ich wusste selbst nicht was diese Gefühle, die sonst immer ruhig in mir schlummerten, ausgelöst hatten. Aaron war wieder der Derjenige, der Auto fuhr, da es bei uns irgendwie selbstverständlich war, weil er mich seit er mich wie ich krank in der Uni gewesen war, immer so gut wie überall hinfuhr. Ich glaube mein Auto stand sogar immer noch auf dem Campus Parkplatz. Die Fahrt dauerte nicht sehr lange, da meine Wohnung und das Krankenhaus nicht sehr weit weg von einander waren. Vielleicht hatte ich vor einem Jahr, als meine Mutter die Diagnose bekommen hatte, extra eine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses gemietet. Sie sagte mir ich solle es nicht tun, doch was für ein verdammter Sohn wäre ich, wenn ich es nicht getan hätte? Wie hätte ich es über's Herz bringen sollen, unglaublich weit weg von meiner sterbenden Mutter zu sein, in dem Wissen, dass ich unwissend über den Moment war, indem sie von uns gehen würde. Als wir ankamen, fühlte ich mich komisch, aufgeregt und voller Angst. Ich hatte Angst, dass es meiner Mutter schlechter ginge, dass sie wütend auf mich war, doch das schlimmste Gefühl war, Angst davor zu haben, den möglicherweise verletzten Ausdruck in ihren schon farblosen Augen erkennen zu können. Ich bemerkte nicht, das wir bereits stehen geblieben waren und Aaron mir erwartungsvoll die Autotür aufhielt. "Geht es dir gut?", es war eine ganz normale Frage die er mir hier stellte und doch berührte sie mich tief in meinem Herzen. So gut wie nie, hatte ich jemals darüber nachgedacht, wie viel diese vier Worte in einem Auslösen konnten. "Nein. Lass es uns schnell hinter uns bringen." Ich wollte ihn nicht anlügen. Ich fühlte mich als wäre ich erst gar nicht in der Lage dazu, denn es war klar, dass er sowieso bemerkten würde, ginge es mir schlecht. In diesen Sachen konnte ich ihn noch nie wirklich gut belügen, nicht mal als wir noch nicht beste Freunde waren. Er lächelte mir aufmunternd zu, was mich sogar ebenfalls leicht lächeln ließ. Der Weg durch das Krankenhaus in ihr Zimmer war kahl, weiße Wände, immer und überall der gleiche, penetrante Geruch nach Krankenhaus und kranken Menschen. Ich schluckte hart, mein Magen rebellierte. Ich spürte nicht, wie Aarons Hand in meine glitt und mir den Halt gab, den ich seit wir hier angekommen waren, bemüht war zu finden. Wir kamen an einer Krankenschwester vorbei, die mich leicht anlächelte. "Sie müssen zu Frau Johnson oder? Ich habe Sie hier schonmal gesehen." Sie blickte auf Aaron und meine miteinander verschränkten Finger und lächelte noch breiter. Ich probierte ein lächeln zu Stande zu bringen, scheiterte zum Glück nur leicht an meinem Versuch. "Ja, ich darf einfach in ihr Zimmer so wie immer?", fragte ich zur Sicherheit noch einmal nach. "Natürlich." Ich wollte ihr schon den rücken zu kehren als mich ihre Worte erstarren ließen. "Bevor Sie gehen, sollten sie noch wissen, dass sich der Zustand ihrer Mutter in den letzten zwei Tagen deutlich verschlimmert hat. Körperlich und psychisch sollte sie davon aber nichts merken, wir denken, dass sie in Ruhe einfach einschlafen wird." Ich hörte ihr nicht mehr zu. Ab dem Moment in dem Sie erwähnt hatte, dass es meiner Mutter schlechter ging, dachte ich an nichts anderes mehr als daran, endlich in ihr Zimmer zu stürmen und ihr zu sagen, wie leid es mir tat, dass ich mich in den letzten Tagen nicht ansatzweise gemeldet hatte, nicht ein einziges Lebenszeichen von mir gegeben hatte. Ich fühlte mich so unglaublich schuldig. Ich hatte sie... vergessen. Hatte mich nur um mich selber und meine Liebtrunkenheit gekümmert. Ich bemerkte nicht, dass ich vor ihrer Zimmertüre stehen geblieben war und vor mich hin starrte. Aaron blickte mich aufmunternd an, stupste leicht mit seiner Schulter gegen meine, um mich aus meiner Trance zu erwecken. Ich legte meine Hand auf die kalte, Türklinke und drückte sie nach unten. 


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⏰ Letzte Aktualisierung: Jan 27 ⏰

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